MeToo-Debatte

Lübecker Unternehmer hetzt gegen Frauen und Flüchtlinge

Winfried Stöcker sorgte mit Äußerungen bei einer Weihnachtsansprache für Empörung

Winfried Stöcker sorgte mit Äußerungen bei einer Weihnachtsansprache für Empörung

Foto: picture alliance/dpa

Linke wollen Wilfried Stöcker anzeigen. In einer Rede gab er Opfern Schuld an sexuellem Missbrauch. Nach Kritik legt er nach.

Lübeck. Winfried Stöcker ist in Lübeck ein bekannter Mann: Der studierte Mediziner ist Gründer und Chef des Labordiagnostik-Unternehmens Euroimmun, das Stöcker im vergangenen Jahr für umgerechnet mehr als eine Milliarde Euro an den US-Konzern PerkinElmer verkaufte. 2016 übernahm Stöcker den akut von der Schließung bedrohten Flughafen. Er ist Honorarprofessor an der Lübecker Universität und will angeblich eine Privatklinik in der Stadt bauen.

Schlagzeilen macht der Unternehmer im Moment aber nicht, weil er so umtriebig ist. Sondern wegen einer Weihnachtsansprache, die Stöcker vor seinen Mitarbeitern bei Euroimmun gehalten haben soll – und die er auf seiner privaten Webseite im Wortlaut veröffentlichte.

Viele Kinder gegen "Ansturm unberechtigter Asylanten"

Dort ist die Rede von der MeToo-Bewegung, mit der – angestoßen von den Enthüllungen über Harvey Weinstein – Frauen weltweit über sexuelle Belästigungen und Misshandlungen berichten. Stöcker verlagert in seiner Rede die Schuld auf die Opfer, die ja einfach "zurückhaltender gekleidet und weniger provozierend zum Casting gehen" könnten. Die Bewegung, die dem Machtmissbrauch durch Männer ein Ende setzen will, sei bloßes "Gezeter", ein "Kesseltreiben", vermutlich in die Welt gesetzt von denen, "die von der Natur optisch weniger vorteilhaft ausgestattet worden sind".

Er kenne einen "Kollegen in führender Stellung" in seinem Unternehmen: Dieser habe sich "in früheren Zeiten an eine junge Krankenhaus-Praktikantin herangemacht", mit der er danach eine Familie gegründet habe. "Und er ist Wiederholungstäter: Später war es eine sehr hübsche Studentin in unserem Unternehmen, die er umgarnt und eingefangen hat. Und auch mit ihr hat er drei prächtige Nachkommen gezeugt, auf die er stolz ist. Da soll niemand sagen, er hätte seine Stellung missbraucht. Und seinem Beispiel sind in der Firma etliche gefolgt. Es ist doch das Natürlichste der Welt, dass man eine Frau zu sich nimmt, die man liebt, da braucht man keinen Vormund und keine besonderen innerbetrieblichen Vorschriften."

Schließlich rät er den versammelten Angestellten: "Wir haben so viele nette Jungs und Mädchen in der Firma, geht ran, egal ob ihr Vorgesetzte seid oder nicht, es kommt nur darauf an, dass ihr das Mädchen oder den Jungen liebt. Und zeugt viele Kinder, dass wir dem mutwillig herbeigeführten, sinnlosen Ansturm unberechtigter Asylanten etwas entgegensetzen können. Unser Kindergarten steht euch offen."

Leiterin der Antidiskriminierungsstelle kritisiert Stöcker

Nachdem Stöckers Ansprache bekannt wurde, formierte sich Widerstand – zunächst lokal, dann auch auf Landesebene. Es gab eine Demonstration, organisiert vom "Women's March"-Bündnis, Die Linke aus Lübeck kündigte am Montag an, Strafanzeige gegen Stöcker stellen zu wollen. Am Dienstag äußerte sich Samiah El Samadoni, die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Landes Schleswig-Holstein: "Es bestehen nach den letzten Äußerungen von Herrn Stöcker ernsthafte Zweifel daran, ob er für eine Lehrtätigkeit im Umfeld junger Studentinnen und Studenten – auch mit Migrationshintergrund – geeignet ist.“ Auch sei zu überprüfen, ob Stöcker sich rechtlich angreifbar mache. Dies sei der Fall, falls in seinem Unternehmen sexuelle Belästigungen geduldet oder gar gefördert würden. "Dieser Anschein wird durch die Äußerungen des Unternehmers erweckt", so El Samadoni weiter.

Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle wies zudem ausdrücklich darauf hin, dass es den Gerichten vorbehalten bleibe, im Zweifelsfall zu entscheiden, ob ein bestimmtes Verhalten eine sexuelle Belästigung darstellt oder nicht. „Die Auffassung einer Privatperson hat dafür – Gott sei Dank – keinerlei Relevanz“, erklärte sie. Sowohl auf Landesebene wie auf Ebene der Universität Lübeck müsse nun überprüft werden, ob Stöckers Lehrtätigkeit sexistischem, rassistischem oder anderweitig diskriminierendem Verhalten Vorschub leiste.

Stöcker reagiert mit neuem Text

Am Dienstagnachmittag veröffentlichte Stöcker auf seiner Webseite einen neuen Text unter dem Titel "Shut Up Linke": In diesem greift er einen Journalisten der "Lübecker Nachrichten", die zuerst über die Weihnachtsansprache berichtet hatten, persönlich an und wirft ihm vor, aufzuwiegeln und zu hetzen. Den Demonstranten, die unter anderem forderten, dass Lübecker Institutionen keine weiteren Spenden des Unternehmers annehmen sollten, warf er vor, sich als "Möchtegern-Richter" zu gerieren. Insgesamt habe man es mit "wild gewordenen Hysterikern" zu tun.

Sich selbst vergleicht Stöcker indirekt mit dem Meteorologen Jörg Kachelmann, dem die Verurteilung der Frau, die ihn der Vergewaltigung bezichtigt hatte, "nichts geholfen" habe: "Die sensationsgierigen Journalisten haben ihn nämlich ausgiebig vorverurteilt und sein Leben zerstört." Ihm selbst sei "die Souveränität der Frau heilig". Es sei, so Stöcker, nun notwendig, sich zur Wehr zu setzen, sonst "wird in unsere Privatsphäre der Kriegszustand einziehen". Dann würden "Weiber zu Hyänen" und vernichteten die Karriere ihres Partners.

Es ist nicht das erste Mal, dass Winfried Stöcker mit rechtslastigen Aussagen für Furore sorgt: Vor zwei Jahren rief er zum "Sturz der Kanzlerin Merkel" auf und schwadronierte über angeblichen "Gesinnungsterror in Fragen zur Asylpolitik".