Schleswig-Holstein

Das harte Leben der Biobauern – ein Ortsbesuch

Landwirt Detlef Hack schätzt die Natur: Er bewirtschaftet seinen Lämmerhof bei Mölln ökologisch, stößt aber finanziell an seine Grenzen

Foto: Roland Magunia

Landwirt Detlef Hack schätzt die Natur: Er bewirtschaftet seinen Lämmerhof bei Mölln ökologisch, stößt aber finanziell an seine Grenzen

Äcker werden teurer, aus dem Ausland kommt immer mehr Billigware. Die Flächen für nachhaltigen Anbau im Norden gehen zurück.

Panten.  Die trompetenartigen Rufe der Kraniche werden lauter und lauter, dann segeln die Vögel in Formation über die Äcker des Lämmerhofes. Detlef Hack schaut den eleganten Fliegern nach. "Manchmal sehen wir hier sogar Adler, und auch ein Wolf hat uns schon einen Besuch abgestattet", sagt der Landwirt. Heile Welt, Leben mit der Natur, das ist für den Biobauern Alltag, aber auch Ergebnis harter Arbeit. Hack, der in derben Schuhen über den matschigen Feldweg läuft und dabei durch eine grazile Brille auf sein Gegenüber schaut, wirkt wie ein Intellektueller, der sich für seine Überzeugung auch gerne mal die Hände dreckig macht. Hack hat mit seinem Betrieb in Panten bei Mölln lange vor Beginn des Biobooms mit der naturnahen Produktion begonnen. Schon seit 1989 arbeitet er ökologisch. Immer hat er alles dafür getan, dem Boden nur das Beste zu geben und zu nehmen.

Doch jetzt wird es langsam eng für ihn. Der Hof droht zu klein zu werden für die Familie. Seit einigen Jahren hat Hack Pachtflächen verloren, muss sich mit kleineren Äckern begnügen. Der Grund: Die Preise für ein paar Hektar Land sind heute so hoch, dass sich die extensive Bewirtschaftung kaum lohnt.

Gerade rund um Hamburg haben es Biobauern schwer

Hack ist wie viele ökologisch wirtschaftende Kollegen vom Wandel in der Landwirtschaft betroffen: Erstmals sind die Bioflächen in den vergangenen Monaten in Norddeutschland zurückgegangen. Besonders rund um Hamburg sind die naturnah arbeitenden Landwirte auf dem Rückzug. Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen verbuchten 2014 fünf Prozent weniger ökologisch genutzter Anbaufläche. Schleswig-Holstein verlor sogar acht Prozent an Bioäckern.

Über Jahrzehnte ist Hack gut gefahren mit seiner Strategie des Gebens und Nehmens, mit dem Wunsch, ein Gleichgewicht zu schaffen zwischen wirtschaftlicher Notwendigkeit und dem Erhalt der natürlichen Umwelt. Doch gerade diese Strategie kann zum Problem werden: Biobauern wie Hack trotzen dem Land weniger Ertrag ab als konventionell arbeitende Anbieter. Die Fruchtfolge, die den Boden schonen soll, schmälert die Produktion. Hack lässt auch der Wildnis ihren Raum, er pflegt Feldränder mit Blumen und Bienen, anstatt Wege zu asphaltieren für riesige Landmaschinen. Er setzt Nützlinge auf den Feldern ein, statt Chemie zu versprühen. Noch 2015 musste der Bauer 15 Hektar abgegeben, die jetzt ein konventioneller Betrieb bewirtschaftet. Insgesamt sind Hacks Ländereien von einstmals 400 Hektar auf heute nur noch 280 Hektar geschrumpft. "Wir sind als kleiner Hof nicht in der Lage, im Wettbewerb zu bestehen mit großen Betrieben in Mecklenburg oder Brandenburg", beschreibt Hack die Situation seines Hofes mit 700.000 Euro Umsatz im Jahr.

Er kann nur überleben, weil er sich früh genug um direkten Kontakt zu anspruchsvollen Kunden wie dem Springer BioBackwerk in Hamburg oder der Vollkornbäckerei Borrek bemüht hat. "Das sichert uns etwas höhere Erlöse, aus denen heraus wir auch Kooperationen mit Landwirten eingehen, die uns mit Getreide beliefern", sagt Hack. Immerhin erntet er durch den Flächenverzicht 250 Tonnen Getreide weniger im Jahr, das er Bäckern liefern kann.

Um nicht nur Rohware anbieten zu können, veredelt Hack seine Produkte. Er hat in eine kleine Mühle zur Dinkel-entspelzung investiert. Nebenbei arbeitet der Vater von zwei Kindern in der Pflege von sensiblen Landschaftsteilen zum Artenschutz. Dafür bekommt er staatliche Zuwendungen.

Doch nicht alle Biobauern sind so kreativ und flexibel wie der 54-Jährige, der zehn Mitarbeiter beschäftigt. In den vergangenen Jahrzehnten hatten etliche Kollegen noch von der großen Gesundheitswelle in der Ernährung profitiert. Tausende Betriebe bauten den Anbau von Biokartoffeln oder -Kürbissen parallel zu der wachsenden Nachfrage der Verbraucher aus: So hatte sich die ökologisch bewirtschaftete Fläche zwischen Passau und Flensburg in den vergangenen zwei Jahrzehnten verdreifacht. Der Höhepunkt war 2013 erreicht worden – mit mehr als einer Million Hektar.

Insbesondere große Betriebe wirtschaften wieder konventionell

Und nun die Wende. Befördert wird die Umkehr laut Marktbeobachtern auch von großen Betrieben, die ihr Vertrauen in die Biolandwirtschaft verloren haben und wieder konventionell wirtschaften. Der Trend gilt bundesweit: Herkömmliche Betriebe legen zu, Bioanbieter schrumpfen. Für Hack eine Hiobsbotschaft: Der Stickstoff, der bei starker Düngung in den Boden eindringt, sorgt dafür, dass die Gewässer an Arten verarmen, Stickstoff liebende Pflanzen andere unterdrücken, Lichtmangel entsteht, Fische sterben. Laut Weltagrarbericht steht der Stickstoff aus Düngung an dritter Stelle der Bedrohungsfaktoren für die Menschheit. Auf dem Land ändert sich dadurch die Zusammensetzung der Pflanzenarten, Blütenpflanzen verschwinden, Gräser, die besonders auf Stickstoff reagieren, dominieren die Vegetation. Insekten, die auf Blüten angewiesen sind, gehen ein, und mit ihnen die Vögel, die die Insekten als Futter benötigen.

"Als ich vor gut 25 Jahren den elterlichen Betrieb auf "bio" umstellte, war ich überzeugt, dass der Ökolandbau die Landwirtschaftsform der Zukunft sein wird", sagt Hack. Dieser Glaube sei wohl naiv gewesen, getragen von der Hoffnung der Einsichtsfähigkeit der Entscheidungsträger, resümiert der Landwirt.

In der Tat gehen einige Hürden für die Biolandwirte auf das Konto der Politik. Wurde 2006 noch auf weniger als 200.000 Hektar in Deutschland Mais für Biogasanlagen angebaut, sind es heute schon mehr als 700.000 Hektar Land, die für die Erzeugung der Energiepflanzen genutzt werden. Etwa 35 Prozent des angebauten Maises gehen in diesem Jahr hierzulande in die Biogasanlagen. Die Umwidmung der Flächen ist Folge der garantierten, hohen Vergütungen, die nach dem Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG) an die Erzeuger ausgezahlt werden. Die Folge des Anreizes, Energiepflanzen anzubauen, zeigt sich bundesweit in einer veränderten Nutzung der Äcker: Nur 26 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche dienen in Deutschland noch der Erzeugung von Nahrungsmitteln. Futtermittel machen mehr als die Hälfte der Flächen aus, Energiepflanzen wie Raps oder Mais wachsen auf 13 Prozent der Äcker in Deutschland.

Durch die Nachfragekonkurrenz nach Nutzfläche sind die Preise für Land seit 2010 in manchen Regionen auf das Doppelte gestiegen. Besonders dort, wo Landwirte einen großen Viehbestand besitzen und intensiven Gemüsebau pflegen, sind die Kosten explodiert. Im Norden gilt der Raum Lüneburg als teures Pflaster, hier waren in letzter Zeit besonders viele Biogasanlagen entstanden. Wo heute Pachtpreise von 1000 Euro pro Hektar aufgerufen werden, können die Biobauern nicht mehr mithalten. Nach Angaben des Verbandes Bioland liegt das bezahlbare Limit für einen ökologisch bewirtschafteten Ackerbau- oder Milchviehbetrieb meist bei 350 bis 500 Euro pro Hektar Land.

Acht Milliarden Euro geben die Deutschen für Biolebensmittel aus

Da ist es schwer, die deutsche Nachhaltigkeitsstrategie zu verfolgen: Sie peilt bundesweit einen Anteil von 20 Prozent Bioflächen an. Einen Zeitpunkt für die Zielerreichung hat die Bundesregierung zwar nicht vorgegeben, sie dürfte mit der jetzigen Lage ihre Pläne aber kaum durchsetzen können. Dabei gibt der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft der Politik eine Mitschuld: Unsicherheit über neue EU-Regeln für die Ökobauern und zu geringe Subventionen für den Bioanbau trügen dazu bei, dass derzeit nur rund acht Prozent der Flächen ökologisch bewirtschaftet werden. "Die Schere geht immer weiter auf", kritisiert Gerald Wehde von Bioland. Acht Milliarden Euro geben die Bundesbürger inzwischen für Bio-Lebensmittel aus.

"Die Entwicklung der Anbau-Flächen hinkt hier aber deutlich hinterher", sagt Wehde. Deutsche Bauern klagen auch vor diesem Hintergrund, die Konkurrenz durch Billig-Bioware aus dem Ausland mache ihnen das Leben schwer. Inzwischen wird fast jedes zweite Bioprodukt importiert. Wehde erinnert an den Wunsch der Verbraucher: "Die Leute wollen Eier, Milch und Getreide aus heimischer Produktion, nicht aus China".

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