Pinneberg
Ellerbek

„Schmerzen gehen weg, der Stolz bleibt“

Der ehemalige Weltmeister Jens Schwedler trainiert einige Talente aus der Region in der Bundesliga. Schützlinge wie Ludwig Cords nimmt er hart ran

Ellerbek. Jens Schwedler, jeweils zweifacher deutscher Meister und Weltmeister der Herren über 40 Jahre, die Hamburger Cross-Ikone. Der Ellerbeker trainiert heute Hamburgs hoffnungsvollsten Radsport-Nachwuchs. Wie aufopfernd müssen die Schüler trainieren und wie hart muss der Trainer sie fordern? Darüber sprach das Hamburger Abendblatt mit Schwedler.

Hamburger Abendblatt:

Herr Schwedler, Felix Magath wird wegen seines harten Trainingsstils als Quälix bezeichnet. Als Radsport-Trainer haben Sie das Hamburger U19-Team in die Bundesliga geführt. Und auch über Sie ist in der Szene zu hören, Sie seien ein harter Hund. Schinden Sie die Jungen für den Erfolg?

Jens Schwedler:

Nein, ich bin kein Quälix. Meine Arbeit, mein Umgang mit den Jungen ist immer auf Augenhöhe. Anders würde das auch gar nicht funktionieren. Der Erfolg stellt sich bei uns nur über den Spaßfaktor ein.

Wollen Sie behaupten, dass 16- und 17-jährige Schüler fast täglich stundenlang in die Pedalen treten und dass ausgerechnet in einer der trainingsintensivsten und körperlich härtesten Sportarten alles nur aus purem Spaß getan wird?

Schwedler:

Vielleicht sollten wir zuerst das Wort Spaß genauer einordnen. Den größten Spaß macht es jedem der Jungen, wenn er als Sieger über die Ziellinie schießt. Bei einer Sprintentscheidung aber ganz vorne zu sein ist mit unheimlichen Schmerzen verbunden.

Woher kommen die?

Schwedler:

Der Körper ist voll Adrenalin. Die Angst zu versagen kommt dazu, dann die extreme Kraftanstrengung. Der Puls schießt hoch auf 210. Der Körper übersäuert. Oberschenkel und Waden brennen, die Hände, die den Lenker festhalten, schmerzen. Den Pulsschlag kannst du selbst in den Zähnen spüren.

Und das soll Vergnügen bereiten?

Schwedler:

Der Erfolg macht Spaß. Schmerzen sind nach ein paar Minuten vergessen. Freude und Stolz bleiben. Sie stellen sich auch ein, wenn einer sein Bestes gegeben hat, selbst wenn er nicht als Erster im Ziel ankommt.

Erfolgreiche Sportler verraten oft, dass sie sich im Training so fordern, bis sie sich übergeben. Fordern Sie das auch?

Schwedler:

Nein, so weit gehen wir nicht. Aber auch wir gehen einmal in der Woche ans Limit und darüber hinaus. Manchmal hat man dann einen Geschmack von Blut im Mund.

Was wird denn trainiert, wenn es so weit kommt?

Schwedler:

Wir treten in Blankenese den Kösterberg hoch. Die Jungen müssen den höchsten Gang einlegen, im Sattel sitzen bleiben und dann vollem Speed den 300-Meter-Anstieg hoch. Das wiederholen wir fünf bis sechsmal.

Damit ein 16-Jähriger alles aus sich herausholt, müssen Sie ihn da nicht hart rannehmen?

Schwedler:

Es gibt eine spezielle Übung, da halte ich das Rad fest und schreie den Jungen an, damit er beim Antritt maximale Kräfte entwickelt. Einem Außenstehenden mag das rücksichtslos erscheinen. Aber dies sind notwendige Momente. Die wahre Motivation kommt von den Freunden in der Gruppe. Die trainieren fast jeden Tag zusammen. Dabei spornen sie sich gegenseitig an, machen dem Freund auch Mut, wenn es bei dem nicht so läuft. Dieses Wir-Gefühl sorgt für Leistungssteigerung. Es bringt Erfolg. Wer keinen Erfolg hat, gibt schnell auf.

Aber als Sieger wird am Ende nur einer gefeiert. Ist nicht gerade der Radsport ein reiner Ego-Sport?

Schwedler:

Das Gegenteil ist der Fall. Bei uns heißt es: Alleine bist du nichts – im Team bist du alles.

Was ist mit Doping? Kein Thema mehr?

Schwedler:

Davon ist diese Generation weit weg, damit haben die wirklich nichts mehr zu tun. Darüber wird auch nicht mehr diskutiert. Die Jungen können ja auch sicher sein, auch ohne Doping nach ganz oben zu kommen.

Was muss ein junger Mensch mitbringen, damit Sie einen Sieger aus ihm machen können?

Schwedler:

Den Willen, hart zu arbeiten. Er muss auch abschalten und gut regenerieren. Das Wichtigste aber ist, dass er gut in der Schule sein muss.

Sind das all ihre Nachwuchsathleten?

Schwedler:

Ja, alle. Ich bin auch sicher, alle sind durch den Sport in der Schule besser geworden.

In den Schulen aber wird Sport meist nicht wichtig genommen.

Schwedler:

Da lassen sie lieber eine Sport- als eine Englisch-Stunde ausfallen. Vattenfall hat im Rahmen der Cyclassics ein riesiges Schulsport-Programm angestoßen. Räder werden gestellt, auch qualifizierte Trainer. Von den Schulen wird dies aber kaum angenommen. Dabei können Kinder durch Sport viel lernen. Ich sehe das auch bei meiner Tochter. Sie ist als Schwimmerin im nationalen Nachwuchskader und besucht ein Sportinternat in Essen.

Bei den Personalchefs großer Konzerne ist diese Erkenntnis angekommen. Junge Leistungssportler werden bei der Stellensuche heiß umworben.

Schwedler:

Weil diese Mädchen und Jungen gelernt haben, sich zu organisieren. Meine Jungen sind meist von acht bis 16 Uhr in der Schule, danach trainieren sie zwei bis drei Stunden. Das funktioniert nur mit großer Disziplin, und sie müssen sich extrem gut organisieren. Das Wichtigste aber ist, dass junge Leistungssportler Ehrgeiz mitbringen – auch für ihren Weg in den Beruf und ins Leben.