Hamburger Umland

18 Millionen aus Berlin für den Nahverkehr in der Region

| Lesedauer: 5 Minuten
Burkhard Fuchs
Claudius Mozer ist der Nahverkehrsexperte im Kreis Pinneberg.

Claudius Mozer ist der Nahverkehrsexperte im Kreis Pinneberg.

Foto: Burkhard Fuchs

Vier Kreise werden Modellprojekt. Nachtbusse sind geplant, auch der Test autonom fahrender Kleinbusse ist denkbar. Das sind die Details.

Kreis Pinneberg.  Der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) im Hamburger Umland wird weiter gestärkt und ausgebaut. Nun ist es den vier Kreisen Pinneberg, Segeberg, Stormarn und Herzogtum Lauenburg gelungen, als eines von bundesweit zwölf Modellprojekten bis 2024 voraussichtlich 18 Millionen Euro zusätzlich für neue Busprojekte zu erhalten. Für jeden Kreis wären das etwa 1,5 Millionen Euro im Jahr, sagt Claudius Mozer, der den Busverkehr in den Kreisen Pinneberg und Segeberg organisiert.

Fördergeld für Verkehrsprojekte im Kreis Pinneberg

Damit würden sich die Investitionen im Kreis Pinneberg in den ÖPNV auf einen Schlag verdoppeln. Gerade erst hat der Verkehrsausschuss des Kreistages – wie berichtet – zum Fahrplanwechsel im Dezember mit 1,5 Millionen Euro für 2022 die „bislang größte ÖPNV-Offensive seit Regionalisierung des ÖPNV 1996“ auf den Weg gebracht. Kernstück ist dabei die neue Expressbuslinie 395, die Wedel und Pinneberg direkt verbindet, ohne den Umweg über Holm.

„Wir freuen uns sehr darüber, auch wenn der letzte Segen noch nicht erteilt ist“, sagt Nahverkehrsexperte Mozer auf Abendblatt-Nachfrage. Die vier Kreise hätten sich spontan abgestimmt und gemeinsam im Frühjahr um dieses Förderprogramm des Bundesverkehrsministeriums beworben, das insgesamt 250 Millionen in den nächsten drei Jahren in neue ÖPNV-Projekte stecken will, um den CO2-Ausstoß signifikant zu senken. „Das war eine extrem kurze und schnelle Anmeldefrist“, sagt Mozer. „Wir haben dabei insbesondere verbindende Aspekte beim Busverkehr in den Vordergrund gestellt.“ So sei ein Ziel dieser kreisübergreifenden Angebotsoffensive auch die Einführung eines „metropolitanen Stadt-Land-Taktes“, auf den sich die Bürger verlassen könnten.

Kreis plant Nachtbuslinien am Wochenende

Jeder Kreis habe seine spezifischen Wünsche dabei im Blick, die er dann auch für sich autonom umsetzen werde. Jetzt müssten allerdings noch bis Ende Oktober die einzelnen Maßnahmen in ihrer konkreten Ausgestaltung in der zweiten Stufe des Förderantrages dem Verkehrsministerium vorgestellt werden. „Dann hoffen wir, dass wir bis Ende des Jahres die endgültige Zusage aus Berlin erhalten werden“, sagt Mozer. Zum Fahrplanwechsel Ende 2022 könnten dann die ersten Projekte davon umgesetzt werden.

Ein wichtiger Eckstein dieser zusätzlichen ÖPNV-Offensive soll die Einführung eines Nachtbus-Systems am Wochenende sein, kündigt Mozer an. Die Bahnlinien verkehrten bereits im Stunden-Takt in den Nächten von Freitag auf Sonnabend und von Sonnabend auf Sonntag. Doch dann müssten die Nachtschwärmer an den Bahnhöfen in Pinneberg (S 3), Wedel (S 1), Elmshorn (Regionalbahn) und Quickborn (AKN) zu Fuß weiter gehen oder ins Taxi umsteigen, um nach Hause zu kommen.

„Da gibt es im System zurzeit noch eine Lücke. Die wollen wir schließen“, sagt Mozer. Gerade für die überwiegend jüngere Bevölkerung, die an den Wochenenden spätabends oder nachts von Konzertbesuchen, Kneipentouren oder einem Stadtbummel aus Hamburg zurückkehrt, würde sich damit die ÖPNV-Anbindung aus der Metropole erheblich verbessern. Fahren sollen die Nachtbusse im Stundentakt von Mitternacht bis 5 Uhr morgens.

Shuttles, Anruf-Taxis und autonom fahrende Busse

Weitere Verbesserungen könnten Busshuttle-Systeme sein, bei denen Kleinbusse eingesetzt werden, die technisch in der Lage sind, autonom zu fahren, also ohne Fahrer Das sei in Deutschland zwar noch nicht erlaubt. Ein Fahrer müsse noch immer an Bord sein, der notfalls eingreifen könne, erläutert Mozer.

Im Nachbarkreis Segeberg in Wahlstedt und in Lauenburg an der Elbe werde so etwas aber bereits erprobt. Da komme das Bundesförderprogramm gerade richtig, um die Praxistauglichkeit solcher Systeme weiter zu untersuchen. „Wir hoffen, dass wir hier weiter experimentieren können. Die technische Entwicklung ist da sehr dynamisch.“ Im dicht besiedelten Kreis Pinneberg allerdings müsste dafür erst eine Modellstrecke gefunden werden. „Für einen flächendeckenden Einsatz ist es noch zu früh“, betont Mozer.

Auch die Anruf-Sammeltaxi-Angebote, die jetzt neudeutsch „Bus-on-demand“ genannt werden, sollten Stück für Stück ausgebaut werden. Im Kreis Pinneberg gibt es sie bereits in Barmstedt, Tornesch und Heidgraben.

Weitere Expressbuslinien im Kreis

Helmuth Jahnke (SPD), erfahrenster ÖPNV-Experte im Kreistag, sagt über die in Aussicht stehenden zusätzlichen Millionen aus Berlin: „Das ist prima. So können wir einige Maßnahmen aus dem regionalen Nahverkehrsplan jetzt vorziehen.“ Dazu gehörten an erster Stelle die angestrebte schnelle Busverbindung zum Hamburger Flughafen und weitere Expressbuslinien zum Beispiel zwischen Wedel und Elmshorn. „Die Vorschläge liegen auf dem Tisch. Mit dem Fördergeld aus Berlin könnten wir sie schneller umsetzen.“

Für Autofahrer, die einen Teil ihres Weges zur Arbeit mit Bussen und Bahnen zurücklegen, soll zudem die Nutzung von Park-and-ride-Anlagen erleichtert werden, indem die über eine Plattform im Voraus buchbar sind.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Pinneberg