Die Unbestechlichen vom Lande

Krimi-Serie – Pia und die Entführung ins Paradies

| Lesedauer: 15 Minuten
Dagmar Seifert
Pia Fox bei der Spurensuche in der Sache mit dem Dognapping.

Pia Fox bei der Spurensuche in der Sache mit dem Dognapping.

Foto: Ute Martens / Ute Mertens

Pinneberger Lokalreporterin Pia Fox wird in einen Fall von Dognapping verwickelt. Ihr Gewissen ist gefragt.

Pinneberg.  Pia macht an diesem leicht diesigen Spätsommer-Sonnabend vor dem Badezimmerfenster ihre Morgengymnastik: Vierzigmal die Handflächen gegeneinander pressen. Das ermuntert die Oberweite, am Platze zu bleiben. Dabei beobachtet sie, wie Mrs. Ming im Garten versucht, eine Amsel zu fangen. Die Katze liegt flach im Gras – aber über ihrem Kopf kreist aufgeregt ihre Schwanzspitze. Die Amsel schöpft Verdacht, flattert davon, nicht ohne zu schimpfen.

Pia ahnt es noch nicht, aber dies wird ein tierisches Wochenende. Was ist zu tun? Abends singt der Uetersener Chor in der Museumsscheune, sie soll Fotos machen und eine kleine Kultur-Reportage. Am Vormittag will sie mit Billes Bruder Till, dem Polizisten, und seinem gutmütigen Hund Alfredo zum Hundewald in Kummerfeld fahren. Man könnte denken, Billes Bruder flirtet mit Pia – aber sie macht sich nichts vor; Till sucht nur jemanden, der sich um Fredo kümmert, wenn er selbst mal weg ist.

Immerhin ist es nett, den tobenden, hopsenden, bellenden Hunden zuzuschauen, die auf der Wiese mit Bällen, Stöckchen oder miteinander spielen. Pia redet mit verschiedenen Hundebesitzern und macht sich innerlich Notizen. Eine Journalistin ist immer im Dienst Aha, Uetersen gilt als tendenziell hundefeindlich, erfährt sie; überall herrsche Leinenzwang, und diese Hundewiese hier in Kummerfeld sei sowieso die einzige im Landkreis! Dagegen gebe es im Nachbarkreis Segeberg acht von der Sorte.

***

Ach, die darf also Tills Hund ausschwenken?

Da ist beispielsweise Till. Till wohnt in Wedel an der Elbe. Das gehört zwar immer noch zu Pinneberg, bedeutet aber fast eine halbe Stunde Autofahrt bis zum Hundewald. Alfredo amüsiert sich königlich, rennt mit flatternden Ohren im Kreis und liefert sich Scheingefechte mit anderen Hunden. Auch Menschen spielen mit. Andere stehen herum und klönen.

Pia kommt ins Gespräch mit einem attraktiven jungen Mann, dunkle Locken und Bart, der einen kleinen Schäferhund im Flegelalter mitgebracht hat. Der Hund heißt Max, der Mann Kramer, Timo Kramer. Kieksiges Lachen und viel Sinn für Humor. Es stellt sich heraus, dass er ein Kollege ist, der ebenfalls fürs Abendblatt schreibt – und zwar ausgerechnet für den Landkreis Segeberg! Was will der hier, wenn ihm zu Hause acht Hundewiesen zur Verfügung stehen?

Pia bricht das nette Gespräch plötzlich ab, als sie aus dem Augenwinkel bemerkt, dass Till mit einer riesengroßen Frau redet. Also sie ist bestimmt nicht mitgekommen, um zuzugucken, wie er mit anderen Mädels schäkert! Pia stellt sich daneben: „Das ist Alana, eine Nachbarin aus Wedel. Sie geht manchmal mit Fredo Gassi … Lanchen, das ist Frau Fox, Freundin meiner Schwester!“

Freundliches Lächeln. Ach, die darf also Tills Hund ausschwenken? Pia entscheidet allerdings schnell, dass Alana keine Konkurrenz darstellt: zu jung, zu lang, zu burschikos. Sie guckt nach oben und hört zu, wie Alana erklärt: „Hunde sind mein Leben. Also wären – wenn ich selbst welche hätte …“

„Alana ist gerade mit der Schule fertig und fängt demnächst ein Tierarzt-Studium an“, erklärt Till. Er wirkt wie ein zufriedener Patenonkel. Vielleicht ist er das ja auch. „Immer ist sie mit Hunden zugange. Manchmal sieht man sie auf der Straße mit sechs verschiedenen Kötern an verwickelten Leinen. Sie hat sogar mal als Hundesitter in eurer Gegend gejobbt, Tornesch und Uetersen, richtig, Lanchen?“ „Und weshalb haben Sie keinen eigenen Hund?“, will Pia wissen.

Alana grinst, man sieht das Zahnfleisch (hübsch ist sie nun wirklich nicht, aber sympathisch). „Meine Schwester hat eine Hundehaar-Allergie. Na, neuerdings wohne ich allein. Kann sein, dass ich bald einen kriege, einen Straßenhund aus Rumänien. Die sehen manchmal ulkig aus, aber sind viel cooler als so teure gezüchtete Hunde!“ Pia wünscht viel Glück, wenn es klappen sollte. Dann geht diese Alana wohl nur noch mit dem eigenen Hund. Und dann braucht Till vielleicht die gute alte Pia, um hin und wieder Alfredo zu begöschen.
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„Ich bin völlig fertig. Amadeus ist entführt worden!“

Am Abend sitzt Pia in der Museums-Scheune in Langes Tannen und lauscht dem Chor. Ihre Freundin und Vermieterin Bille, Tills Schwester, singt sogar ein Solo. Bille und die große, schlanke Ute, beide glockenreine Soprani, bieten ein Duett mit ‚Guten Abend, gute Nacht‘ – Überirdisch! Pia formuliert bereits ihren begeisterten Artikel, als ihr auffällt, dass eine Zuhörerin neben ihr ebenfalls völlig ergriffen ist. Sie schluchzt regelrecht. Als der Chor Pause macht, heult sie immer noch. Pia fotografiert die Sängerinnen im Abendlicht, kommt zu ihrem Platz zurück und erlebt, wie sich die Heulsuse gerade schnaubend die Nase putzt.

Ach du Schreck, das ist ja Frau Wasa! Die hat Pia auch schon einmal interviewt, eine reiche Pflanze mit antiker Villa im Klosterbezirk. Die ist sonderbar, übertrieben aufgetakelt, aber sie spendet viel für gute Zwecke. Als die alte Dame aus ihrem Taschentuch auftaucht, grüßt sie: „Frau Fox! Ich hab Sie zuerst gar nicht erkannt, hätte ich ja müssen bei Ihrer roten Haarwolke. Entschuldigen Sie, ich bin völlig fertig. Amadeus ist entführt worden! Mein kleiner Schatz! Und mein Haus haben die auch verwüstet! Ich hab’ den Erpresserbrief zu spät entdeckt und aus Versehen gleich die Polizei angerufen – dabei steht in dem Brief, wenn die Polizei es erfährt, bekomme ich Amadeus in Stückchen zugeschickt.“

Amadeus, erinnert sich Pia, ist ein langhaariger kleiner Terrier mit Schleife über der Stirn und gehäkeltem Lurexpullöverchen. Ein trübsinniges, kleines Hundevieh mit melancholischen Augen wie Dean Martin, etwas zu dick und erstaunlich teilnahmslos. Als sie damals die Wasa interviewte (wegen einer Spende für die Kirchensanierung), hat Pia den kleinen Kerl gestreichelt und sich gewundert, dass er gar nicht reagierte und nur stumpf an ihr vorbei lunzte. Richtig, der hatte einen rosa Fleck auf der Nase, fällt ihr jetzt wieder ein, geformt wie die Insel Sylt. So was fällt Pia auf, sie hat einen Blick für Einzelheiten. Und hatte noch gedacht: Manche Leute tragen Sylt am Auto-Pürzel und dieser Hund hier also auf seiner Nase.

Und der ist nun entführt worden? Gar nicht so dumm, denkt Pia. Frau Wasa würde bestimmt eine Menge Geld rausrücken, um ihren ‚kleinen Schatz‘ wiederzubekommen.

„Die Polizei hat also die Ermittlungen bereits aufgenommen?“

„Ja, und wie! Die haben überall schwarze Patzer auf den Möbeln gemacht, um Fingerabdrücke zu gewinnen und so was. Und mir gesagt, ich soll doch zum Konzert gehen, das würde mich ablenken und beruhigen.“

Die waren natürlich zu Tode genervt, denkt Pia. Wahrscheinlich hat sie ununterbrochen geweint.

„Ich will Ihnen was sagen, Frau Wasa. Dann können wir die Sache doch auch richtig an die große Glocke hängen. Ich mache Fotos von Ihrem verwüsteten Haus. Und ich bringe einen Bericht über Amadeus, mit Ihrer Bitte, ihm ja nichts anzutun. Die wollen natürlich Geld?“

„Ja. Aber so wenig … Amadeus ist viel me-he-hehr weeee-eee-eeert …“

„Nicht weinen! Dann versprechen Sie demjenigen, der Ihnen Ihren kleinen Schatz zurückbringt, das Doppelte!“

„Das Dreifache, Frau Fox! Das Vierfache … Kommen Sie – die singen schon wieder – wir verschwinden schnell und leise…“ wispert Frau Wasa.

***

Jeder Hund wird zum Verdächtigen

Pia hat eine feine, dramatische Reportage über die Hundeentführung gestrickt, eine ganze Seite! Die Villa sah wirklich wild aus, das Glas der Eingangstür zerschlagen (woher wussten die Entführer eigentlich, dass Frau Wasa Alarmanlagen Angst machen?). Vieles umgestürzt und kaputtgeschmissen. Wieso benehmen sich Kidnapper wie Vandalen, statt sich still das Hundchen unter den Arm zu klemmen und wieder zu verschwinden? Für Pia sah das nach persönlicher Wut aus, Rache etwa. Gab es einen zornigen Geschiedenen oder einen verschmähten Liebhaber? Nein, Frau Wasa war Witwe und überhaupt nicht an den Kerlen interessiert. Sie liebte nur Amadeus.

Ein nettes Porträt von Frau Wasa prangte nun als Aufmacher im Abendblatt-Regionalteil und ihr Appell: Tun Sie meinem Amadeus nichts zuleide! Wenn er unversehrt zu mir zurückkommt, zahle ich eine größere Summe, als Sie verlangt haben – und ich lasse die polizeilichen Nachforschungen einstellen!

„Geht das?“ hatte Pia überrascht gefragt. „Doch! Man muss nur die Anzeige zurückziehen“, wusste Frau Wasa.

Pia hatte gebeten, sie auf dem Laufenden zu halten. Inzwischen sperrt sie überall die Augen auf. Kam ein Hundeentführer aus Hamburg oder Bremen? Wohl kaum. Der steckt hier in der Gegend und weiß, wer Frau Wasa ist und über welche Geldmengen sie verfügt. Am Dienstag sieht Pia einen Hund, der sie an Amadeus erinnert, auf dem Großen Sand schnuppern. Dann knickst er, pardon sie sich hin – offensichtlich ist es ein Hundemädchen. Am Donnerstag beobachtet Pia, wie Herr Emmerich, Betreiber vom Edeka, forschen Schrittes und mit einem kleinen Schlappohr unterm Arm, seinen Laden betritt. Aber dieser Hund ist im Wesentlichen weiß – sollte man ihn etwa umgefärbt haben? Wohl kaum. Außerdem ist Herr Emmerich über jeden Verdacht erhaben. Pia träumt von Hunden mit weißer Zopfperücke, die am Cembalo spielen: Amadeus, Amadeus …

Ist es richtig, zu schweigen?

Am Sonnabend fährt Pia nach Wedel. Im Sonnenstudio neben der Bücherei gibt es eine besonders angenehme Sonnenbank, da lohnt sich die Anfahrt. Als Pia aus dem Sonnenstudio tritt und auf ihren Smart zusteuert – rennt sie fast diesen Leuchtturm von junger Frau, die lange Alana, über den Haufen! Die hält eine Leine in der Hand, und am anderen Ende befindet sich offenbar das Kerlchen aus Rumänien, das an der Leine zieht und knabbert. Pia bückt sich und streichelt. „Das ist ja ein reizender kleiner Kerl!“

„Ja, ich bin auch sehr happy mit Adam“, sagt Alana. Sie wirkt ein wenig verlegen. Aber ihren kleinen Köter guckt sie verliebt an, und das kann Pia verstehen. Adam platzt vor Lebensfreude, seine Augen leuchten, sein Schwänzchen wedelt. Er ist kurzhaarig, fast wie ein Seehund, was sein Bäuchlein verrät.

„Gehungert hat der aber nicht in Rumänien“, stellt Pia fest. „Die füttern ja auch die eingesammelten Straßenhunde erst mal etwas auf“, behauptet Alana. „Ach, übrigens – haben Sie meinen Bericht gelesen? In Uetersen wurde ein Hund geklaut und eine Wohnung zertrümmert.“ „Na ja, zertrümmert wohl nicht“, murmelt Alana. „Ein bisschen durcheinander gebracht. Derjenige hatte sich wohl über Frau – wie heißt sie noch? – geärgert.“ „Wasa heißt sie. Und sie ist ganz erschüttert über die Entführung.“

Alana brummelt etwas Unverständliches in sich hinein.

„Was haben Sie gesagt?“

„Das war keine Entführung, hab ich gesagt! Das war eine Rettung! Und er ist jetzt ein ganz anderer! Nicht wiederzuerkennen!“

„Tja. Also irgendwie kann ich nur zustimmen. Vor allem sieht er jetzt glücklich aus. Deshalb werde ich auch nichts verraten. Aber wieso haben Sie die Einrichtung bei Frau Wasa so durcheinander geschmissen?“

„Ach, weil … Ich hab mich so über Frau Wasa geärgert. Ich hab Adam zweimal bei ihr gesittet, als er noch ‚Amadeus‘ war. Und das war dermaßen albern! Der arme Hund, für die Nacht bekam er einen Schlafanzug mit Entchen darauf übergezwängt. Und absurdes Futter, Roastbeef mit Remoulade. Deshalb musste er auch dauernd zum Tierarzt.“ Alana schnaubt. „Außerdem kam er viel zu wenig raus. Das ist ein Havaneser, der braucht Auslauf, so klein wie er ist!“

„Wollen Sie Adam jetzt alle paar Wochen rasieren?“

Alana grinst. „Mal sehen, Im Sommer mag er es gern. Jetzt kann er aus den Augen gucken ohne Schleifchen …“

Ist es richtig, zu schweigen?

Pia ist wieder zu Hause und überlegt. Dann ruft sie bei der alten Dame an und fragt, wie es ihr inzwischen geht.

„Blendend!“, lautet die überraschende Antwort. „Mögen Sie gerade mal vorbeikommen, Frau Fox?“

Pia kriegt Kaffee auf der Terrasse und staunt über das glückliche Gesicht ihrer Gastgeberin: „Die Entführer haben sich noch mal gemeldet und mir geschrieben, das mit dem Lösegeld hätte sich erledigt, denn es gäbe keinen Amadeus mehr. Na ja, das hat mich noch mal sehr gebeutelt. Aber dann hat mir ein reizender Mensch, ein alter Verehrer, ein ganz besonderes Geschenk gemacht, Sie glauben es nicht! Cleopatra, komm doch mal her zu Frauchen!“

Es klingelt aus dem Wohnzimmer, Cleopatra trippelt herbei, in einer hellgrünen Lurexweste mit winzigen Glöckchen, ein grünes Schleifchen zwischen den Ohren: ein handtaschengroßer weißer Malteser mit lackschwarzer Knopfnase. Cleopatra wird geknuddelt, bekommt einen Keks und wirkt zufrieden.

Die hier, denkt Pia, kommt besser damit klar, Spielzeug zu sein, als Ex-Amadeus. Und sollte Frau Wasa Amadeus, der heute Adam heißt, jemals begegnen – würde sie ihn ohnehin im Leben nicht wiedererkennen. Zumindest, solange sie nicht das rosa Sylt auf seiner Nasenspitze entdeckt …

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