Quickborn/Itzehoe

Andre Piontek – Charmeur, Lügner und Gewalttäter

| Lesedauer: 5 Minuten
Arne Kolarczyk
Ein trügerisches Idyll. Während auf der Koppel vor dem Eulenhof in Quickborn-Heide Pferde friedlich grasen, zeugen im Hintergrund rot-weißes Absperrband und ein ziviler VW-Bus der Polizei von dem Ereignis des Vortags.

Ein trügerisches Idyll. Während auf der Koppel vor dem Eulenhof in Quickborn-Heide Pferde friedlich grasen, zeugen im Hintergrund rot-weißes Absperrband und ein ziviler VW-Bus der Polizei von dem Ereignis des Vortags.

Foto: Ulrich Stückler

Ex-Freundin und Mutter der gemeinsamen Tochter berichtet über das Mordopfer vom Quickborner Eulenhof.

Quickborn/Itzehoe.  Am 29. Juni 2020 wurde Andre Piontek (44) mit zwei Kopfschüssen regelrecht hingerichtet. Was war der Besitzer des Quickborner Eulenhofs für ein Mensch? Diese Frage sollte am Donnerstag Elena W. (37) der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Itzehoe beantworten, die mit dem Toten eine Tochter hat. Ihr Fazit: Piontek war ein notorischer Lügner, ein gerissener Krimineller, einer der Frauen beeindrucken konnte, ihnen gegenüber aber auch gern mal gewalttätig wurde.

Charmant und gewalttätig – zwei Seiten von Andre Piontek

„Er konnte der beste Mann der Welt sein, aber im nächsten Moment konnte das umschlagen, und man hatte Todesangst vor ihm“, sagte die 37-Jährige. Ihre erste Begegnung mit dem späteren Mordopfer fand 2005 in einem Restaurant in Hamburg statt, für das Piontek als Finanzier auftrat. „Ich sollte ihn dann zu Geschäftsterminen fahren, es hat sich schnell etwas zwischen uns entwickelt.“

2007 kam die gemeinsame Tochter zur Welt – und die Beziehung endete. „Ich bin aus der Beziehung gegangen mit einer gebrochenen Nase, einem Suizidversuch und auch massiven psychischen Problemen, die ich heute überwunden habe.“ In der Folge habe Piontek sehr unregelmäßig Unterhalt gezahlt („Er hat behauptet, dass er arbeitslos ist.“) – und er habe die Tochter bei gemeinsamen Treffen in Gefahr gebracht, sie etwa mit sechs Jahren allein in einem Wettbüro zurückgelassen. „Er durfte sie dann nur noch bei mir zu Hause besuchen.“

Zeugin spricht von großen Mengen Kokain

Das habe er jedoch kaum genutzt. „Er hat sich teilweise ein halbes Jahr nicht mehr gemeldet, dann stand er plötzlich wieder auf der Matte.“ 2018 habe sie ihn zuletzt gesehen, beim Treffen sei auch Jens von P. (42) dabei gewesen – der Mann, der laut Anklage Piontek ermordet haben soll, das jedoch abstreitet. „Jens hatte mich vorher angerufen, erzählt, dass er mit Andre ein Geschäft aufmachen und sich künftig um den Unterhalt für meine Tochter kümmern will.“ Vor dem gemeinsamen Treffen sei der 42-Jährige schon einmal allein zu ihr gekommen und habe in Andres Namen Geschenke für die Tochter abgegeben.

Im Nachhinein habe sie gehört, dass Jens von P. so etwas wie ein Laufbursche und Handlanger für Piontek war. Elena W. kann sich das gut vorstellen. „Andre war sehr charakterstark, eine echte Erscheinung. Er stand über allem. Was er gesagt hat, wurde auch so gemacht.“ Inzwischen sei ihr klar, dass der Eulenhof-Chef vom Kokainverkauf („Das waren große Mengen“) gelebt habe. „Jens war sein Kunde, so haben sich die beiden kennengelernt.“

Ex-Freundin schlägt Erbe aus – aus Angst

Einen Tag nach dem Leichenfund habe Jens von P. sie angerufen und über den Tod Pionteks informiert. „Er sagte, dass er erschossen wurde, hat von einem Schuss gesprochen.“ In diesem Gespräch habe sie zum ersten Mal erfahren, dass der Vater ihres gemeinsamen Kindes nicht mehr in Hamburg lebt, sondern den Eulenhof in Quickborn gekauft hatte. „Zunächst war ich sehr überrascht, weil er in unserer Beziehung nie etwas mit Pferden zu tun hatte.“ Dann habe sie den Gedanken gehabt, dass er mit dem Kauf des Reiterhofs Drogengelder reingewaschen haben könnte.

Gemeinsam mit ihrem Mann habe sie einige Tage nach Pionteks Tod den Hof besichtigt, weil die gemeinsame Tochter als Alleinerbin im Raum stand. Letztlich habe sie das Erbe aber ausgeschlagen. Weil viele Außenstände vorlagen – und aus Angst. „Wer sagt denn, dass Andre nicht noch bei irgendwem Schulden hat und die dann bei uns auf der Matte stehen?“ In diesem Fall sei aus ihrer Sicht Geld nebensächlich. „Ich möchte meine Familie nicht in Gefahr bringen.“

Neun Prozesstage bis Mitte Oktober angesetzt

Am Tag nach Pionteks Tod habe sie auch Karola K. angerufen – eine spätere Partnerin Pionteks, die zeitweise auch auf dem Eulenhof wohnte. „Sie hat viel erzählt, auch von einem Geheimfach in der Küche, in dem 200.000 Euro lagen.“ Auch habe sie sehr schlecht über Jens von P. geredet. Dabei habe der Karola K. ins Krankenhaus gefahren, als Piontek sie vom Pferd geprügelt habe. Gemeinsam mit ihrem Mann und Karola K. sei sie nochmals auf dem Eulenhof gewesen, weil Jens von P. ihr Unterlagen zum Hof übergeben wollte. Der sei jedoch nicht erschienen und von ihnen dann zu Hause aufgesucht worden. „Er sah aus, als hätte er die ganze Nacht durchgemacht.“

Die Unterlagen habe sie nie erhalten. Elena W. berichtete, dass Jens von P. in einem späteren Gespräch gesagt habe, dass Piontek von zwei Kugeln getroffen worden sei. Er und seine Mutter hätten selbst 80.000 Euro in den Hof gesteckt und er habe zugegeben, Piontek in der Tatnacht besucht zu haben – möglicherweise bis 1 Uhr nachts. „Er hat gesagt, dass auf dem Tisch 96.000 Euro gelegen haben und Andre später noch wegwollte.“

Weitere neun Prozesstage sind bis Mitte Oktober angesetzt, es dürften jedoch noch viele dazugekommen.

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