Kreis Pinneberg

Wildtierstation bildet auch in der Krise aus

| Lesedauer: 5 Minuten
Anne Dewitz
FÖJlerin Sina Schröder (l.) und die Auszubildende Finnja Henneke mit jungen Wildgänsen im Wildtier- und Artenschutzzentrum in Klein Offenseth-Sparrieshoop.

FÖJlerin Sina Schröder (l.) und die Auszubildende Finnja Henneke mit jungen Wildgänsen im Wildtier- und Artenschutzzentrum in Klein Offenseth-Sparrieshoop.

Foto: Wildtier- und Artenschutzzentrum

Auf die Prämie aus dem Bundesprogramm „Ausbildungsplätze sichern“ muss der kleine Betrieb in Sparrieshoop allerdings verzichten

Sparrieshoop.  Die vier Gänseküken folgten längere Zeit einer Familie durch einen Park in Halstenbek. Da von den Gänseeltern jede Spur fehlte, informierten die Spaziergänger die Mitarbeiter im Wildtier- und Artenschutzzentrum in Klein Offenseth-Sparrieshoop. Nun sind die verwaisten Küken in deren Obhut. „Wir wissen noch nicht, ob es Grau- oder Kanadagänse sind, da sich die Küken beider Arten sehr ähnlich sehen“, sagt Finnja Henneke. Die 24-Jährige hat im vergangenen Jahr eine Ausbildung zur Zootierpflegerin begonnen.

Nun zeigt sie den Gänseküken wie man frisst, indem sie mit dem Finger im Futter pickt. Die Kleinen verlieren schnell ihre Scheu und machen es ihr nach. Tagsüber sind sie in einer kleinen Voliere im Freien und fressen Gras, Kräuter und den Salat, den sie zusätzlich bekommen. Abends kuscheln sich die jungen Nestflüchter in der Wärmebox aneinander. Da sie gut fressen, sind ihre Chancen, dass sie überleben und wieder ausgewildert werden können, sehr gut. Die Auswilderungsquote in der Auffangstation liegt immerhin bei 65 Prozent.

Im Frühling herrscht wieder Hochsaison auf dem 2,6 Hektar großen Gelände, das von dem Ehepaar Katharina und Christian Erdmann seit 2012 betrieben wird. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, über den richtigen Umgang mit vermeintlich in Not geratenen Wildtieren zu beraten. Denn die Tiere werden nicht nur im Straßenverkehr, durch Windkraftanlagen, Baumfällungen oder Stacheldraht verletzt, oft ist es auch die Unwissenheit der Finder, die dazu führt, dass insbesondere Jungtiere eingesammelt werden, weil sie fälschlich für hilfsbedürftig gehalten werden. Hinzu kommt die Aufnahme exotischer Tiere, die nicht artgerecht in Privathaushalten leben, darunter Stinktiere, Ginsterkatzen aus Afrika, Silberfüchse und immer wieder Schlangen und Schildkröten, die ausgesetzt werden, wenn sie den Besitzern zu teuer werden.

Das siebenköpfige Team muss jährlich mehr als 2200 tatsächlich pflegebedürftige Tiere versorgen. Im Augenblick sind das wieder viele junge Feldhasen, Wildkaninchen und Eichhörnchen. Auch der erste Fuchswelpe und der erste Jungvogel dieses Jahres wurden bereits in die Wildtierstation gebracht. Für ein Rehkitz kam leider jede Hilfe zu spät.

Neben der Auszubildenden Finnja Henneke ist auch die FÖJlerin Sina Schröder Teil des Teams. „Die beiden hochmotivierten jungen Frauen sind extra aus Hamburg in den Kreis Pinneberg gezogen“, sagt Stationsleiter Christian Erdmann. Henneke hatte 2018 als freiwillige Helferin in der Wildtierstation begonnen. Christian Erdmann, der seit mehr als 20 Jahren als Ausbilder und für die IHK als Prüfer für den Beruf des Zootierpflegers tätig ist, musste nicht lange überlegen, als sie sich im Anschluss an ihr Abitur um ein FÖJ und im Anschluss um eine Ausbildung bei ihm bewarb. „Finnja und Sina sind eine große Bereicherung für unseren Betrieb“, schwärmt er.

Fünf Auszubildende konnte Erdmann bereits in den vergangenen sieben Jahren erfolgreich zur Abschlussprüfung führen, darunter Alina Adler, die 2019 von Ministerpräsident Daniel Günther als landesweit beste Auszubildende im Fachbereich Zootierpflege gekürt wurde. Genauso wie Finnja strebt auch FÖJlerin Sina eine Ausbildung in der Wildtierstation an. „Die möchten wir ihr auch ermöglichen“, sagt Katharina Erdmann, die seit 2018 auch Tierschutzbeauftragte des Landes Schleswig-Holstein ist.

Da sich die Wildtierstation hauptsächlich aus Spenden finanziert, muss Katharina Erdmann regelmäßig unterschiedliche Förderanträge stellen. Denn während in Niedersachsen Wildtierauffangstationen vom Land finanzielle Unterstützung erhalten, müssen sich solche Einrichtungen in Hamburg und Schleswig-Holstein selbst finanzieren.

Nun hatte sie einen Antrag auf Ausbildungsprämie bei der Agentur für Arbeit in Elmshorn gestellt. „Bereits nach drei Tagen erhielt ich einen Anruf mit der Absage“, sagt Katharina Erdmann. Es ging um insgesamt 3000 Euro aus dem Bundesprogramm „Ausbildungsplätze sichern“ für die Förderung von zwei Ausbildungsplätzen für kleine und mittelständische Betriebe, die trotz coronabedingter Einbußen weiter ausbilden. „Wir haben die Kriterien nicht erfüllt, weil wir niemanden in Kurzarbeit geschickt haben“, sagt sie. „Wir mussten im vergangenen Jahr aber zwei Mitarbeiter entlassen, weil wir deutliche Einbußen durch den Wegfall unserer naturpädagogischen Angebote für Kita-Gruppen und Schulklassen haben, die wegen der Schutzmaßnahmen nicht stattfinden können.“ Dabei sollten gerade diese Angebote 2020 ausgebaut werden. „Wir hatten dafür extra eine 450-Euro-Kraft eingestellt“, sagt Katharina Erdmann. Das finde aber keine Berücksichtigung bei der Arbeitsagentur, ärgert sie sich. Der ablehnende Bescheid ist ihrer Ansicht nach ein falsches Signal vor allem an junge Menschen.

„Unsere Personalkosten werden ausschließlich durch Spenden gedeckt, und wir erhalten noch nicht einmal in schwierigen Zeiten wie jetzt eine symbolische Unterstützung,“ sagt Christian Erdmann. Dass gleichzeitig jedoch von der Wildtierstation erwartet werde, sich bei der Betreuung junger Straffälliger und benachteiligter junger Menschen kostenfrei zu beteiligen, irritiert ihn. Derartige Anfragen hätten Gerichte und auch die Arbeitsagentur in der Vergangenheit gestellt. „Gern würden wir uns auch um diejenigen in der Gesellschaft kümmern, die es schwer haben, aber ohne Unterstützung von öffentlicher Hand können wir unsere Kapazitäten nicht unbegrenzt überstrapazieren.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Pinneberg