Kreis Pinneberg

Wo Schüler den Nazi-Terror fühlen sollen

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Burkhard Fuchs
 Arbeiten zusammen: die Lehrer Lasse Zipfel (Mitte, Elmshorn) und Thomas Tschirner (Kaltenkirchen, l.). Rechts Elmshorns Bürgermeister Volker Hatje.

Arbeiten zusammen: die Lehrer Lasse Zipfel (Mitte, Elmshorn) und Thomas Tschirner (Kaltenkirchen, l.). Rechts Elmshorns Bürgermeister Volker Hatje.

Foto: Burkhard Fuchs

Berufsschule in Elmshorn arbeitet künftig eng mit der KZ-Gedenkstätte Springhirsch bei Kaltenkirchen zusammen.

Elmshorn/Kaltenkirchen.  Als erste Bildungseinrichtung im Kreis Pinneberg hat die Kreisberufsschule in Elmshorn jetzt eine kreisübergreifende Kooperation mit der KZ-Gedenkstätte Springhirsch in Nützen bei Kaltenkirchen geschlossen. Die 3600 Berufsschüler, unter denen auch 150 geflüchtete junge Menschen sind, sollen auf diese Weise „Toleranz und interkulturelle Offenheit“ am Beispiel dieses Mahnmals der NS-Vergangenheit im südlichen Schleswig-Holstein erfahren, sagt Berufsschullehrer Lasse Zipfel.

Das frühere KZ-Lager, in dem 1944/45 rund 500 Häftlinge vor allem aus Russland, Polen, Frankreich und Holland unter entwürdigenden Verhältnissen leben und unter Zwang arbeiten mussten, wobei nur etwa die Hälfte von ihnen überlebte, biete viele Anknüpfungspunkte im Unterricht, so der Projektlehrer.

„Unseren Anspruch als Europaschule nehmen wir sehr ernst“, begrüßt Schulleiter Erik Sachse diese künftig enge Zusammenarbeit mit der vor 20 Jahren gegründeten Gedenkstätte an der B 4 zwischen Langeln und Lentförden. Die Berufsschule wolle ihren heranwachsenden Schülern Denkanstöße „gegen das Vergessen, gegen Ausgrenzung, Flucht und Vertreibung“ geben, sagt Sachse. „Das wird unser historischer Dauer-Gedenkstein sein.“

Kreispräsident will das Projekt unterstützen

Ziel sei es, „die jungen Menschen zu einem Um- und Nachdenken anzuregen, wie wir hier miteinander leben möchten – über die Grenzen des Kreises und in den Köpfen hinweg“. Die Erstürmung des Kapitols in den USA zeige, wie fragil die Demokratie sei, so Sachse. „Wir müssen fragen: Was können wir daraus lernen?“

Eine Initiative, die große Anerkennung beim höchsten politischen Repräsentanten des Kreises findet. „Ich werde dieses Projekt mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln unterstützen“, verspricht Kreispräsident Helmuth Ahrens (CDU) und erinnerte an das Henri-Goldstein-Haus im Quickborner Himmelmoor, das erst vor Kurzem zur NS-Gedenkstätte erklärt worden ist; dort muss noch das Ausstellungskonzept erarbeitet werden. „An die nationalsozialistische Vergangenheit zu erinnern ist gerade in der heutigen Zeit wichtig“, sagt der Kreispräsident.

Und die Bildungsstaatssekretärin Dorit Stenke habe die Kooperation mit diesen Worten gewürdigt, so Schulleiter Sachse: Gesellschaftlich existenter Antisemitismus und Rassismus erforderten eine besondere, pädagogisch begleitete und in den Schulalltag eingebettete Auseinandersetzung der Schüler mit der NS-Vergangenheit in den einzelnen Regionen in Schleswig-Holstein.

In der KZ-Gedenkstätte Springhirsch ist vom Grauen und den Gräueltaten der Nazis baulich nichts mehr zu sehen, berichtet der Gedenkstättenleiter Marc Czichy. Die Lagerbaracken mitten in der Kaltenkirchener Heide, in denen am Ende des Krieges die 500 KZ-Häftlinge und danach deutsche Flüchtlinge aus den Ostgebieten untergebracht waren, wurden in den 70er-Jahren abgerissen. Die einheimische Bevölkerung hatte kein Interesse daran, an diese schrecklichen Ereignisse vor ihrer Haustür erinnert zu werden.

Rund 10.000 Schüler haben die Gedenkstätte besucht

Aufgabe der Häftlinge war es damals, die Start- und Landebahn des nahen Militärflugplatzes Kaltenkirchen in elfstündiger täglicher Zwangsarbeit für den neuesten Messerschmidt-Bomber zu verlängern. Dabei war das KZ, das eine Außenstelle des KZ Neuengamme war, eines von 200 Zwangsarbeiterlagern in Schleswig-Holstein, damals nicht zu übersehen, sagt Hans-Jürgen Kütbach, Vorsitzender des Trägervereins der Gedenkstätte. „Da, wo heute Wald ist, war damals nur die Straße und Stacheldraht.“

Die Menschen wussten also oder ahnten zumindest, was hinter dem Stacheldraht geschah. Doch längst sei die Aufarbeitung der NS-Zeit in die Familien getragen worden, sagt Uta Körby, Vorstandsmitglied des Fördervereins, die selbst in Lutzhorn lebt. „Die Erinnerungskultur an die NS-Zeit ist inzwischen mitten in der Gesellschaft angekommen.“

Und den Schülern falle hierbei eine tragende Rolle zu, sagt Thomas Tschirner, der als Lehrer in Kaltenkirchen seit vielen Jahren engen Kontakt mit seinen Schülern zur Gedenkstätte pflegt. Rund 10.000 Schüler vor allem aus dem Kreis Segeberg hätten inzwischen die Gedenkstätte besucht und dortige Bildungsangebote wahrgenommen. „Insofern ist diese Kooperation mit der Elmshorner Berufsschule ein Geschenk für uns.“ Deren Schüler, die zum Teil ja auch geflüchtet sind, erführen hier an einem „historischen Ort“, was es für die Menschen aus anderen europäischen Ländern bedeutet haben mag, hierher vertrieben worden zu sein. Zusammen mit dem Elmshorner Kollegen Zipfel habe er gerade ein Konzept entwickelt, wie diese Bildungsarbeit in Corona-Zeiten digital erfahren und vermittelt werden kann, so Tschirner. Mit Arbeitsblättern über Migration und Fluchttheorien, die Empathie fördern sollen. Auch moderne Formen wie Poetry-Slam und virtuelle Rundgänge gehörten dazu, erklärt Tschirner. „Aber der zentrale Punkt bleibt bestehen: Wir müssen mit den Schülern auch vor Ort sein können. Die Schüler brauchen auch die Sinneseindrücke: Wie sieht der Ort aus? Wie hört er sich an? Wie riecht er?“

Namen von 1000 Zwangsarbeitern auf Steine verewigt

Auch wenn dort keine authentischen Bauten mehr vorhanden sind – Schüler aus Kaltenkirchen haben das Grauen und die schweren menschlichen Schicksale in gewisser Weise wieder sichtbar gemacht. So haben sie die Namen der insgesamt etwa 1000 Zwangsarbeiter auf Steine verewigt, die am 5. Mai 1945 von den britischen Truppen in den drei Lagern Kaltenkirchen, Spinghirsch und Heidkaten befreit worden sind. Im Ausstellungsgebäude steht ein Modell des KZ Springhirsch.

Und die Schüler haben den harten Alltag sowie den Hunger, die Not und Schikanen, denen die Gefangenen ausgesetzt waren, in Biografien nachgezeichnet. Einer von ihnen war Mieczyslaw Swierczewski, der 1944 als 15-Jähriger am Aufstand im Warschauer Ghetto teilgenommen hatte und zunächst in das KZ Neuengamme und dann ins Außenlager KZ Kaltenkirchen verschleppt wurde. 70 Jahre später wurde der Arzt kurz vor seinem Tod in Warschau zu seinen Erinnerungen an das KZ in Kaltenkirchen befragt.

„Wir hatten schlichte Streifenanzüge ohne Unterwäsche, sodass alle gelitten haben, da es kalt war. Und ich auch. Die ganze Zeit habe ich gezittert“, erinnerte sich der 85- Jahre alte Swierczewski. Zu der langen und harten Arbeit sei noch ein weiter Fußmarsch hinzugekommen, der bis zu der etwa sieben Kilometer entfernten Arbeitsstelle verlief, so der Ex-Häftling.

Andere Schulen könnten dem Beispiel folgen

„Als die Häftlinge zur Arbeit gingen, sind sie noch im Gleichschritt und in Reihe marschiert. Sie haben auch gesungen. Die Franzosen haben die ganze Zeit schön gesungen. Aber als sie zurückkamen, da haben sie die Verstorbenen und Kranken getragen… Der Weg zur Arbeit war ein Marsch. Und der Weg von der Arbeit war eine Tragödie.“

Auch die Auszubildenden in kaufmännischen, wirtschaftlichen und pflegenden Berufen könnten in Springhirsch etwas für ihr Leben lernen. Vor allem die Aufarbeitung solcher Themen wie Flucht und Migration und wie diese Themen damals wie heute beurteilt wurden und werden, „wird den Schülern den Horizont erweitern“, ist Projektlehrer Zipfel überzeugt.

Und das Projekt wird Schule machen, ist Elmshorns Bürgermeister Volker Hatje überzeugt. Er meint, dass bald andere Schulen mit ihren 10.000 Schülern in Elmshorn dem Beispiel der Berufsschule folgen werden, wozu bestimmt die Anne-Frank-Schule gehören werde. „Es ist so wichtig, dass wir die Erinnerung an diese Vergangenheit in der Gesellschaft wachhalten. Und das kann man am besten mit solchen authentischen Orten, wie es das KZ Springhirsch ist“, sagt der Verwaltungschef, der zurzeit auch Elmshorner Lions-Präsident ist. Und als solcher überreichte Hatje gleich 2150 Euro für das vorbildliche Schulprojekt mit dem KZ Springhirsch. „Das ist ein so gutes Signal für die Schulen in unserer Region.“

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