Kreis Pinneberg

Wie ein Künstler wieder Gehör gefunden hat

| Lesedauer: 7 Minuten
Burkhard Fuchs
Der bekannte Barmstedter Maler Freddy Rode hat sein Gehör wiedererlangt  und zu seiner Kunst zurückgefunden. Er ist voller Schaffenskraft am Malen großer Porträtbilder. Auch ein Selbstbildnis ist darunter.

Der bekannte Barmstedter Maler Freddy Rode hat sein Gehör wiedererlangt und zu seiner Kunst zurückgefunden. Er ist voller Schaffenskraft am Malen großer Porträtbilder. Auch ein Selbstbildnis ist darunter.

Foto: Burkhard Fuchs

Nach einem Hörsturz war der Barmstedter Freddy Rode taub und litt unter Schwindelanfällen. Wodurch es ihm wieder besser geht.

Barmstedt.  Es war für ihn wie ein Erweckungserlebnis. „Als ob die Sonne plötzlich aufgeht“, beschreibt Freddy Rode das freudige Gefühl, das Glück, das ihn erfasste, als er auf einmal wieder hören konnte. Ein Jahr lang war der Barmstedter Künstler praktisch weg vom Fenster. Völlig taub lag er nur noch im Bett, weil er wegen schwerer Schwindelanfälle ständig hinfiel.

„Jetzt bin ich wieder voll da und sprühe nur so vor lauter Lebensfreude“, sagt der bekannte Maler. Das spüre sie auch an seiner unbändigen Kreativität, an seinen Bildern, die er plötzlich mit großem Tatendrang wieder erschaffe, sagt seine Frau Karin Bergmann-Rode. Beide haben von 1985 bis 2011 das Galerie-Gefängnis-Café auf der Rantzauer Schlossinsel so erfolgreich geführt, das es täglich Gäste aus Hamburg anlockte. „Freddy malt so gut wie nie zuvor. Das sind kleine Meisterwerke“, sagt sie.

Er plant schon seinen 80. Geburtstag

„Ich bin schon am Planen für meinen 80. Geburtstag im nächsten Jahr“, sagt Rode. Da wolle er seine ausdrucksstarken Porträts, an denen er jetzt wieder täglich im Dachgeschoss ihrer Wohnung pinselt und arbeitet, in der Pinneberger Landdrostei ausstellen. „Das habe ich ihm zugesagt, dass er das hier machen kann“, sagt Drostei-Chefin Stefan Fricke – sofern die Corona-Einschränkungen dies dann wieder zuließen. „Er kann was, das ist keine Frage.“

Doch was hatte den sonst immer so humorvollen, oft lachend mit dem Schalk im Nacken spielenden Barmstedter Künstler so aus der Bahn geworfen? Schon im Alter von 44 Jahren hatte er mit einer Krebserkrankung am Ohr zu kämpfen. Er wurde schwerhörig und trug zuletzt die stärksten Hörgeräte. Durch die Therapie verlor er seine Haare. Doch das machte ihm nichts aus. Bis ihn plötzlich im Frühjahr 2019 schwere Schwindelanfälle befielen. Bei der Eröffnung einer Einzelausstellung seiner Bilder in Schenefeld brach er plötzlich zusammen. Hörsturz. Er musste ins Krankenhaus und konnte fortan gar nicht mehr hören. „Da war ich auf beiden Ohren taub.“

„Es wurde still bei uns“, sagt seine Frau

Wegen der Schwindelanfälle gab er freiwillig seinen Führerschein ab und fuhr erst noch Fahrrad, bis er mit dem auch in einen Dornenbusch stürzte. Wer ihn in dem Zustand, zu Fuß mit Stock, tatterig, fast torkelnd, kaum auf den Beinen haltend in der Stadt gesehen habe, musste denken, dass sich der stadtbekannte Künstler wohl schon am frühen Morgen einen hinter die Binde kippte, erzählt Rode von dieser schlimmen Zeit. „Das zweite Halbjahr 2019 war zum Vergessen.“

Bald lag er nur noch im Bett, wollte nicht aufstehen, aus Angst gleich wieder hinzufallen. Er fühlte sich ausgestoßen, weil er keinem Gespräch folgen konnte. „Man wird links liegen gelassen. Das war sehr verletzend“, erinnert sich Rode. Die Kommunikation mit seiner Frau war anstrengend und für beide nervenaufreibend. Sie sprach in ein Smartphone, das ihre Worte in einen Text umwandelte, den er dann lesen konnte. Das klappte mehr schlecht als recht. „Sprechen konnte ich ja noch“, sagt Freddy Rode. „Es wurde sehr still bei uns zu Hause“, sagt Ehefrau Karin. „Freddy war traurig, und ich wurde traurig.“

Über Bekannte, Ärzte und andere Leidensgenossen erfuhr er dann von einer Heilmethode, die ihm nun das Leben und die Lebensfreude wieder zurückgebracht hat: das Cochlea-Implantat. Das ist eine elektronische Prothese, die mit einem Magneten nahe dem Innenohr direkt in den Schädel eingesetzt wird. Mit elektromagnetischen Reizen stimuliert sie über eine künstliche Verbindung ein Elektrodenkabel, das durch den Knochen vom Implantat zum Hörnerv in der Ohrschnecke gelegt wird, wie die Cochlea auf Deutsch genannt wird. Von dort gelangen die Schwingungen zum Gehirn, das sie in Sprache, Töne oder sonstige akustische Signale übersetzt. Das erledigen bei gesunden Menschen die feinen Härchen in der Ohrschnecke. Doch bei hörgeschädigten richten sich diese Härchen nicht mehr auf, sind sinnlos.

Die erste Operation im Mai dauerte vier Stunden

Im Mai 2020 ließ sich Rode das erste Cochlea-Implantat im AK Heidberg in Langenhorn direkt unter der Kopfhaut über dem linken Ohr einsetzen. „Das wird direkt in den Schädel eingefräst“, erklärt Rode. Kein leichtes Unterfangen. Die OP dauerte vier Stunden. Minimalinvasive Millimeterarbeit. Nicht ohne Risiko. Wenn was schiefgegangen wäre, hätte der Gesichtsnerv getroffen werden können. Dann wäre die Mimik für immer entgleist. Die Ärzte operierten an diesen lebensbedrohlichen Stellen, während sie das Ganze am Bildschirm verfolgten.

Die OP gelang. Nur war das Ergebnis für Rode nicht so, wie er es sich erhofft hatte. Jetzt konnte er zwar wieder hören. Dafür sorgt ein zweites magnetisches Empfangsteil, das von außen auf das eingesetzte Implantat aufgesetzt wird und so die elektromagnetischen Impulse an das Ohr weitergibt. „Die Stimmen klangen alle völlig fremd, sehr blechern, irgendwie hohl“, sagt Rode über diese erste Enttäuschung. „Als ob man sich in einer Büchse oder Tonne unterhält. Furchtbare Töne.“

Gehirn muss sich erst an neue Technik gewöhnen

Das Gehirn müsse sich erst an diese neue Art der Verständigung gewöhnen, sagten die Ärzte. Es dürfe auch nicht überfordert werden, und er solle es trainieren. Rode gab nicht auf und zeigte sich lernwillig. „Ich war immer ein Kämpfertyp.“ Und weil er die OP so gut vertragen hatte trotz seines hohen Alters, rieten die Ärzte ihm zu, auch an das rechte Ohr ein solches Implantat einzusetzen. Das geschah dann im Herbst vorigen Jahres.

Und so ging die Sonne buchstäblich für den zuvor tauben Künstler auf. Plötzlich hatten die Menschen in seiner Nähe wieder die bekannten Stimmen. Endlich konnte er wieder an Gesprächen teilnehmen. Nicht stundenlang. Das strengt ihn zu sehr an. Auch Telefonieren fällt ihm schwer. Und Musikhören gehe gar nicht. Noch nicht, hofft Rode auch da irgendwann auf Besserung. „Konzentrieren Sie sich auf die Sprache“, rieten ihm die Ärzte. Den Schwindel bekam er mit Medikamenten in den Griff.

Er sei sehr dankbar, dass er nun wieder am Leben teilnehmen könne, sagt Freddy Rode. „Es ist ein großes Glück.“ Und er möchte anderen Hörgeschädigten Mut machen, dass es eine Erlösung für ihr Leiden geben kann.

Freddy Rodes Leidensgeschichte ist auch im Fernsehen zu sehen: in der Sendung „Rundum Gesund“ des Südwestfunks vom 18. Januar 2021. Sie ist noch in der Mediathek der ARD anzusehen.

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