Konzentrationslager Stutthof

76 Jahre danach: Klage gegen KZ-Schreibkraft erhoben

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Arne Kolarczyk
Die Staatsanwaltschaft Itzehoe hat eine 95 Jahre alte Frau aus dem Kreis Pinneberg wegen Beihilfe zum Mord angeklagt. Sie war von 1943 bis 1945 als Schreibkraft in einem Konzentrationslager tätig (Symbolbild).

Die Staatsanwaltschaft Itzehoe hat eine 95 Jahre alte Frau aus dem Kreis Pinneberg wegen Beihilfe zum Mord angeklagt. Sie war von 1943 bis 1945 als Schreibkraft in einem Konzentrationslager tätig (Symbolbild).

Foto: dpa/Georg Wendt

Seit 2016 wird gegen die 95-jährige Frau aus dem Kreis Pinneberg ermittelt. Vorwurf: Beihilfe zum Mord in mehr als 10.000 Fällen.

Kreis Pinneberg. Sie war Schreibkraft in einer Maschinerie des Grauens: Die Staatsanwaltschaft in Itzehoe hat gegen eine 95-jährige Seniorin aus dem Kreis Pinneberg Anklage erhoben, die zwischen 1943 und 1945 im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig tätig und Sekretärin des Lagerkommandanten war. 76 Jahre später wird ihr nun Beihilfe zum Mord in mehr als 10.000 Fällen vorgeworfen. In weiteren Fällen bleibt es bei einer Beihilfe zum versuchten Mord.

Das Ermittlungsverfahren gegen die Seniorin begann bereits im Sommer 2016. Die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg habe ein Vorermittlungsverfahren geführt und es dann an die Staatsanwaltschaft Itzehoe übergeben, weil die für den Wohnort der Beschuldigten zuständig sei, so Oberstaatsanwalt Peter Müller-Rakow, Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Geänderte Rechtsauffassung brachte Ermittlungen in Gange

Dass nach so langer Zeit ermittelt wird, ist letztlich einer geänderten Rechtsauffassung bei deutschen Staatsanwaltschaften und Gerichten zu verdanken. Sie sind zu der Erkenntnis gekommen, dass unterstützende Tätigkeiten wie Wach- oder eben auch Schreibdienste im juristischen Sinn als Beihilfe zum Mord zu werten sind. Davor waren meist nur Täter belangt worden, die hohe Positionen in den Konzentrationslagern innehatten oder sich direkt an Tötungen beteiligten.

Im KZ Stutthof hatten die Nazis unter anderem polnische Bürger, sowjetische Kriegsgefangene und Juden eingesperrt, gequält und getötet. So sollen die Insassen seit Sommer 1944 auf Befehl der SS in Berlin systematisch in einer Genickschussanlage und einer Gaskammer getötet worden sein. Von mehr als 100.000 Insassen, die nach Stutthof gebracht wurden, starben schätzungsweise 65.000 Menschen.

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Viele der dafür Verantwortlichen wurden unmittelbar nach Kriegsende hingerichtet, darunter Lagerkommandant Max Pauly, zehn Offiziere und Unteroffiziere sowie sieben Aufseherinnen. Die jetzt Beschuldigte war von ihrem 18. bis 20. Lebensjahr als Schreibkraft in dem KZ eingesetzt. Um zu prüfen, was genau ihre Tätigkeit dort war, hatte die Staatsanwaltschaft Überlebende des Lagers unter anderem in den USA und Israel ausfindig gemacht und über ein Rechtshilfeersuchen von den dortigen Ermittlungsbehörden zeugenschaftlich vernehmen lassen.

Bei Verurteilung könnte Jugendstrafrecht angewendet werden

Außerdem wertete die Staatsanwaltschaft noch vorhandene Unterlagen des KZ Stutthof aus, ebenso die Akten früherer Prozesse, die sich gegen die Lagerverantwortlichen richteten. Zwischenzeitlich sei auch der Beschuldigten, die sich anwaltlich vertreten lasse, rechtliches Gehör angeboten worden.

Die Anklage wegen Beihilfe zum Mord wurde zur Jugendkammer des Landgerichts Itzehoe erhoben. „Die Beschuldigte war zum Zeitpunkt der möglichen Taten Heranwachsende, sodass eine Verhandlung vor einem Jugendgericht die Folge ist“, so Müller-Rakow. Die Kammer müsse prüfen, ob im Fall einer Verurteilung das Jugendstrafrecht zur Anwendung kommen müsste.

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