Kreis Pinneberg

100 Tage als neuer Bürgermeister in Moorrege

Hat spät das Bürgermeisteramt und die Gartenarbeit für sich entdeckt:  Wolfgang Balasus mit seinem Enkel bei der Kürbisernte.

Hat spät das Bürgermeisteramt und die Gartenarbeit für sich entdeckt: Wolfgang Balasus mit seinem Enkel bei der Kürbisernte.

Foto: Thomas Pöhlsen

Der ehemalige Schuldirektor Wolfgang Balasus (CDU) führt jetzt die Amtsgeschäfte. Wie er das Reizklima in der Gemeinde milder machen will.

Moorrege.  Genau 100 Tage ist Wolfgang Balasus im Amt als Moorreger Bürgermeister und er weiß: „Damit endet die Schonfrist.“ Doch von Reizklima ist in dem Dorf mit knapp 4500 Einwohnern kaum noch etwas zu spüren. Im Gegenteil: Der neue Mann an der Spitze hat eine Atmosphäre der politischen Diskussion geschaffen.

„Jedem die Hand zum Gespräch ausstrecken“, das sei die Herangehensweise des Christdemokraten, der sich wohl bewusst ist, dass die Moorreger Kommunalpolitik über Jahrzehnte von heftig geführten Debatten geprägt wurde. Sein Ziel ist „ein konstruktives Miteinander, um die Gemeinde positiv zu entwickeln.“ Die neue Stimmung zeigte sich etwa, als sich Balasus vor der Wahl allen Fraktion vorstellte und nach seiner Wahl per Brief seinen Wunsch nach Zusammenarbeit noch einmal bekräftigte.

In der praktischen Arbeit bedeutet es, dass etwa ein für das Dorf wichtige Infrastrukturprojekt eines Investors frühzeitig den Fraktionsvorsitzenden in einem informellen Gespräch vorgestellt wird. Sein Vorgänger Karl-Heinz Weinberg, ein Dorfpatriarch alter Schule, hatte dagegen mit seinem jahrzehntelangen Wegbegleiter, dem damaligen CDU-Fraktionsvorsitzenden Georg Plettenberg, die Gespräche bis zur Entscheidungsreife vorangetrieben und erst danach die Fraktionen – auch die eigene – informiert.

Falschparker überzeugt der Pädagoge im Gespräch

Zuhören, verstehen, entscheiden, umsetzen – dieser Maxime will Balasus folgen. Dabei sucht das Gemeindeoberhaupt einvernehmliche Lösungen, scheut sich aber auch nicht vor mehrheitlichen Entscheidungen. „Jede Fraktion soll ihre eigenen Ideen entwickeln können.“ Dieses Klima würde auch Anreize für Bürger schaffen, sich in der Dorfpolitik zu engagieren.

Auf seinen Vorgänger will Balasus allerdings nichts kommen lassen. Weinberg hat ihn ein halbes Jahr zu Terminen mitgenommen, unter denen auch ein paar waren, deren Notwendigkeit sich Balasus anfangs nicht erschlossen hat. Doch über die dabei geführten Gespräche haben sich für den Novizen im Amt zahlreiche Kontakte ergeben und ihm viele Einsichten gebracht.

Der pensionierte Rektor engagiert sich ehrenamtlich, etwa in der Flüchtlingshilfe und als amtlich bestellter Vormund. Vor zwei Jahren entwickelte sich dann die Idee des Einstiegs in die Politik. Erste Einblicke in die Dorfpolitik gab es über Sohn Martin Balasus, der sich in Moorrege als Gemeindevertreter und Sprecher der Orts-CDU sowie als Kreistagsabgeordneter engagiert. „Es muss kein Nachteil sein, unbefangen einzusteigen“, sagt Wolfgang Balasus zu seiner Rolle des Quereinsteigers.

Seine Tätigkeit als Pädagoge schimmert immer wieder durch. Der Deutschlehrer in ihm lässt Zitate und Anekdoten von Karl Valentin, William Shakespeare und Theodor Fontane ins Gespräch einfließen. Auch Worte von Konrad Adenauer und Kurt Schumacher hat der Wirtschaft- und Politiklehrer parat.

Balasus‘ Eltern gehören zur Wirtschaftswundergeneration. Sein Vater kam „mit einem leeren Rucksack“ aus der Kriegsgefangenschaft. 1951 wurde ein Grundstück an der Klinkerstraße in Moorrege gekauft und ein Baumschulbetrieb gegründet. Wolfgang Balasus wurde im Krankenhaus Uetersen geboren, wuchs in Moorrege auf und ging auf die Realschule in Uetersen. Es hieß mit Anpacken im elterlichen Betrieb, nur merkte der Sprössling bald, dass ihm die Arbeit auf dem Acker nicht so liegt.

Der erste Schritt in den Beruf wurde mit einer Ausbildung im Amt Moorrege getan, heute Amt Geest und Marsch Südholstein. Es folgte eine Inspektorenausbildung beim Kreis Pinneberg. Dort war er im Jugend- und Sozialamt aktiv und merkte, dass ihm diese Tätigkeit lag. Und weil ein Stelle als Jugendpfleger wegen Fachkräftemangel unbesetzt blieb, rutschte er in diese Aufgabe.

Lehrer wurde sein neues Berufsziel. Der Realschüler schaffte bei einer Begabtenprüfung den Sprung an die Universität in Kiel. Und 1977 ging es zum Referendariat an seine alte Schule in Uetersen. Dort folgte auch die Anstellung zum Lehrer. Er gab bald sein Wissen als Studienleiter Deutsch an Jüngere weiter. 1986 testete Balasus den nächsten Schritt auf der Karriereleiter mit einer Bewerbung als Schulleiter der Realschule Tornesch. Die Wahl kam so überraschend, dass er nicht genug Geld dabei hatte, um anschließend eine Runde ausgeben zu können. Er musste sich etwas bei der Schulsekretärin borgen.

20 Jahre blieb er in der damals aufstrebenden Großgemeinde, doch die vom früheren Bürgermeister Roland Krügel forcierte Einführung einer kooperativen Gesamtschule ließen Wechselgedanken wachsen. „Ich war kein Freund der Gesamtschule“, erklärt er, und bewarb sich auf die gerade frei gewordene Stelle des Rektors seiner alten Realschule Uetersen. Die schulpolitischen Diskussionen im Land holten ihn allerdings mit der Einführung der Regionalschule und später der Gemeinschaftsschule in der Rosenstadt wieder ein.

Balasus verfügt aus der Zeit als Rektor über eine Bekanntheit, die bei der Arbeit als Dorfbürgermeister durchaus nützlich ist. So sorgte ein Bürger mit seinem an einer unübersichtlichen Stelle auf der Straße geparktem Fahrzeug für Ärger sowie Arbeit in der Verwaltung und den politischen Gremien. Balasus besuchte den Bürger und es stellte sich heraus, dass er einer seiner ehemaligen Schüler war. Ergebnis des als freundlich beschriebenen Gesprächs: Das Fahrzeug parkt jetzt an einer anderen Stelle.

In der Einarbeitungsphase als Bürgermeister musste Balasus bei seinen Hobbys Fußball, Segeln und Fitnesstraining ein bisschen kürzertreten. Muße findet das Gemeindeoberhaupt in der dann doch noch entdeckten Liebe zur Gartenarbeit. Ein Teil des alten Baumschulgeländes der Eltern wird beackert. Dabei werden die Früchte der eigenen Arbeit auch gern weiterverarbeitet, etwa indem er sie einkocht.

„Bürgermeister hat von Anfang an Spaß gemacht. Ich muss nur aufpassen, mich von der Aufgabe nicht auffressen zu lassen.“ Wie weit seine politischen Ambitionen gehen, darüber hält sich Balasus bedeckt. Zur Kommunalwahl 2023 will er als Bürgermeisterkandidat der Moorreger CDU antreten. Doch wie lang er dieses Amt ausüben würde, da möchte sich der 70-Jährige nicht festlegen.