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Wo die Corona-Krise fast nach Urlaub klingt

Karin Schultz (72), Rentnerin aus Pinneberg, arbeitet seit zwei Wochen wieder in ihrem Kleingarten im Hasenmoor.

Karin Schultz (72), Rentnerin aus Pinneberg, arbeitet seit zwei Wochen wieder in ihrem Kleingarten im Hasenmoor.

Foto: Katja Engler

Eine Parzelle Glück: Die Kleingartenkolonie Hasenmoor in Pinneberg ist für viele Menschen ein seltenes Paradies in Corona-Zeiten.

Pinneberg.  Zwei Wochen mit den Kindern zu Hause bleiben – das wär’ schlimm, sagt Verena Brachwitz. Wie so viele im Moment, musste auch die 39-Jährige ins Homeoffice, um die Ausbreitung des Coronavirus’ einzudämmen. Die Schulen sind zu, die Spielplätze abgesperrt – und die unausgelasteten Kinder den ganzen Tag zu bespielen zerrt an den Nerven vieler Mütter. Verena Brachwitz gehört nicht zu ihnen. Sie ist fein raus, weil sie einen Schrebergarten im Hasenmoor besitzt. Auf nichts freut sie sich mehr, als mit den Kindern morgens dorthin zu ziehen. Gut 400 Quadratmeter, eine Parzelle Glück.

„Das hier ist mein Zufluchtsort“, sagt die Verwaltungsangestellte aus Waldenau. „Wenn ich nicht arbeiten muss, bin ich möglichst hier. Und jetzt nutzen wir das schöne Wetter voll aus. Ich will ein Hochbeet anlegen.“ Das Riesentrampolin im Hintergrund ist verwaist, die Kinder kurven durch die Anlage, und Verena Brachwitz hat Zeit, die Erde umzugraben und genauer zu überlegen, was für Gemüse sie anbauen will.

Damit sie und ihre Familie gesund bleiben, versucht sie, alles zu vermeiden, was zur Ansteckung mit dem Coronavirus führen kann. Sogar ihre Eltern in Waldenau besucht sie im Moment nicht, „um sie zu schützen.“ Da ist der Garten eine himmlische Alternative.

Das geht auch Karin Schultz (72) so. Seit 19 Jahren ist ihr Kleingarten ihr ein und alles, und seit Anfang März kommt sie nun wieder regelmäßig her, selbst wenn es so kalt ist wie am Mittwoch. Karin Schultz kommt aus Mecklenburg-Vorpommern. Sie weiß, wie das ist, eingesperrt zu sein: „Dieser Garten hier bedeutet Freiheit“, sagt sie. Die Etagenwohnung hat keinen Balkon – „also haben wir den Garten gekauft.“

Ihr Mann arbeitet noch als Dreher, aber sie, sie freut sich an ihrem Lebensabend und dass sie gesund ist. Alles hier ist Bio: Im Frühling zieht sie Zwiebeln, Kartoffeln, Kohlrabi, Zucchini, Möhren und Kohl in ihren Beeten. Sogar Paprikaschoten gedeihen bei ihr, und Tomaten. Darauf ist Karin Schultz stolz. „Was übrig ist, das friere ich ein oder biete es meinen Nachbarn an.“ Die Kleingartenkolonie – das sei eine echte Gemeinschaft: „Hier sind Russen, Kroaten, Türken – in dieser Reihe herrscht Völkerverständigung. Ich bin fast jeden Tag hier.“ Das Corona-Virus beschäftigt sie nicht weiter, „ich bin kein Hamsterer, und ich kaufe auch nicht so oft ein.“

Einige Parzellen weiter steht Alexander Gelcer an seinem Komposthaufen und überlegt, was er als Nächstes machen soll. Sieben Operationen hat der 85-Jährige hinter sich, „ich konnte nicht mehr laufen und musste einen Rollator benutzen.“ Jetzt kann er wieder mit dem Fahrrad in seine Parzelle fahren, wo die Obstbäume schon dicke Knospen tragen, die Rosen ausgetrieben haben und wieder einiges zu tun ist. „Ich komme her, um die Vögel zu füttern, alle Tage. Mit Sonnenblumenkernen.“ Das hat er sich verordnet, und dadurch ist er wieder gesund geworden.

Statt auf den Tod zu warten, füttert er lieber die Vögel

„Dieser Garten bedeutet mir viel, wenn ich darüber nachdenke“, sagt er. „Denn sonst würde ich ja in meinen vier Wänden auf den Tod warten.“ Das will er nicht, er will im Sommer und Herbst wieder Johannisbeeren, Kirschen und Äpfel ernten, die Piepmätze füttern und an der frischen Luft sein. Einen fremden Akzent hat Alexander Gelcer. Klingt er schweizerisch? „Nein. Ich komme aus Russland.“ Genauer gesagt ist er ein Russland-Deutscher. Mit einer Lebensgeschichte, die wahrscheinlich Stoff für einen Roman hergäbe. Als achtjähriger Junge wurde er mit seiner Familie aus der russischen Heimat vertrieben und nach Kasachstan umgesiedelt. „Damals war September, und es lag schon hoch Schnee. Dann kamen erst mal acht Monate Winter.“ Acht Monate, in denen er als Deutscher nicht in die Schule gehen durfte, und auch danach nicht. Gelcer wurde Bauarbeiter, ein geschickter Maurer, der sein Haus mit den eigenen Händen baute und später die Häuser seiner Kinder. 1994 zog er nach Deutschland, „weil damals alle geflohen sind.“ 20 Jahre wohnen er und seine Frau in Pinneberg, zwei der fünf Kinder ebenfalls, die anderen in Elmshorn. Was das Coronavirus anrichtet, macht ihn ganz traurig. „Aber wenn ich hier im Garten an der frischen Luft bin, vergesse ich das alles.“

Bei Alexandra Pekeler (43) ist die Corona-Krise noch nicht wirklich angekommen: „Ich habe weiter keine Einschränkungen. Mit dem Fahrrad kann ich fahren und hier in meinem Garten arbeiten. Mir ist wichtig, dass ich sehr viel draußen bin.“ Normalerweise arbeitet sie als Erzieherin im Waldkindergarten, jetzt ist Homeoffice angesagt, und das hat sie in ihre Gartenlaube verlegt. Die Nachbarn mag sie sehr, „ich habe hier schon Freunde gefunden. Das hier ist eine nette, offene Kolonie, und der Kontakt untereinander ist generationenübergreifend. Die Älteren kommen vorbei, und schon geben sie Tipps.“ Das kann sehr hilfreich sein, denn Alexandra Pekeler will wieder viel Gemüse ziehen.

Darin ist der Soldat Sascha Risch (44), der seit 2006 mit seiner Frau eine Parzelle bewirtschaftet, schon erfahrener. Gerade schichtet er den Komposthaufen um: „Meine Großeltern hatten in Hamburg-Horn einen Schrebergarten. Das ist für mich Erholung und eine Abwechslung vom Berufsalltag.“ Der kann mit den Auslandseinsätzen sehr aufreibend sein, aber momentan ist Risch im Homeoffice und hat Rufbereitschaft. „Wir bauen hier fast alles an. Äpfel, Kirschen, Brombeeren, Blaubeeren, Stachelbeeren, Kartoffeln, Bohnen, Erbsen Grünkohl. Ich bin jedes Wochenende da. Auch im Winter. „Man geht mal rüber auf’n Bierchen – hier kennt sich jeder. Das ist eine Welt für sich.“