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Messerangriff: Staatsanwältin will sechs Jahre Haft

Im Landgericht Itzehoe wird der Prozess verhandelt.

Im Landgericht Itzehoe wird der Prozess verhandelt.

Foto: Bodo Marks / dpa

Plädoyers im Prozess gegen Barmstedter (24), der vermeintlichen Nebenbuhler niederstach. Was die Verteidigung beantragt.

Barmstedt/Itzehoe.  Marek K. bleibt äußerlich ruhig, als Staatsanwältin Maxi Wantzen am Mittwoch zum Ende ihres Plädoyers kommt. Sechs Jahre Haft fordert sie für den 24-jährigen Barmstedter, dessen Messerangriff auf seinen vermeintlichen Nebenbuhler Leo M. (22) am 22. April 2019 mit für das Opfer lebensbedrohlichen Folgen bewertet sie als versuchten Totschlag.

Ob die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Itzehoe diesem Strafantrag folgt und den gebürtigen Polen für lange Zeit ins Gefängnis schickt, entscheidet sich Dienstag. Dann wollen die Richter das Urteil verkünden. Bis dahin werden die Juristen beraten, ob sie sich nicht der Ansicht der Verteidigung anschließen. Die bewertet die blutige Attacke, die sich am Nappenhorn auf der Straße abgespielt hatte, als gefährliche Körperverletzung und hält eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren für ausreichend.

Zwei Anträge auf Haftverschonung abgelehnt

Vermutlich dürfte sich die Kammer eher auf die Seite der Staatsanwaltschaft schlagen. Ein Indiz dafür könnte sein, dass der Ende Januar von den beiden Verteidigern gestellte Antrag auf Haftverschonung für ihren Mandanten bereits zum zweiten Mal im laufenden Verfahren abgelehnt wurde.

Angenommen wurde zu Beginn des gestrigen Prozesstages immerhin einer von drei Beweisanträgen der Verteidiger. Daraufhin erschien Kai M., Nachbar des Angeklagten, als Überraschungszeuge. Er sollte bekunden, dass sich Opfer Leo M. und Regina S., die Ex-Freundin des Angeklagten, länger gekannt hatten, als sie vor Gericht behaupteten. Laut ihrer Version wollen sie sich einen Tag vor der Tat an einer Tankstelle kennengelernt haben. „Ich habe sie zusammen bei Rewe in Barmstedt gesehen, das war acht bis zehn Tage vor der Tat“, so der Zeuge. Regina S. kenne er als Freundin des Angeklagten – beide wohnten trotz Trennung noch zusammen –, mit Leo M. sei seine Stieftochter zur Schule gegangen.

Überraschungszeuge überzeugt Staatsanwältin nicht

„Der Zeuge hat die Begegnung zeitlich falsch eingeordnet, er hat sie an keine festen Tatsachen knüpfen können“, sagt dazu die Staatsanwältin. Laut Maxi Wantzen haben Opfer, Ex-Freundin und ein Freund des Opfers, der beim ersten Kennenlernen angeblich zugegen war, „keinen Grund zu lügen“. Die beiden Männer und Regina S. seien in der Tatnacht in der Wohnung von S. und dem Angeklagten gewesen, als dieser stark angetrunken um 4 Uhr morgens von einer Scheunenfete nach Hause kam.

Marek K. sei verärgert gewesen, die beiden Männer noch dort anzutreffen, und er habe vermutet, dass es zuvor zu sexuellen Kontakten zwischen ihnen und Regina S. gekommen sei, für die er noch Gefühle hegte. „Er warf die Männer aus der Wohnung, seine Ex-Freundin ging mit.“ Marek K. sei dann hintergelaufen, weil er befürchtet habe, dass sich Regina S. betrunken ans Steuer setzt. Es sei erneut zu einer verbalen und dann körperlichen Auseinandersetzung gekommen, bei der Leo M. den Angeklagten zu Boden gebracht und fixiert habe.

Der sei im Anschluss zurück in die Wohnung und, mit einem Küchenmesser bewaffnet, wiederum auf die Straße gelaufen. Dort habe er Leo M. vier Stiche versetzt – zwei in den linken Oberbauch, jeweils einen in die Leiste und den Oberschenkel. Wantzen: „Für das Opfer bestand akute Lebensgefahr.“ Marek K. habe in Tötungsabsicht zugestochen, habe erst aufgehört, als die Polizei vorfuhr. Er sei jedoch wegen 2,61 Promille Alkohol im Blut nur vermindert schuldfähig.

Verteidiger sieht keinen Tötungsvorsatz

Gregor Jezierski, einer der Verteidiger, sieht keinen Tötungsvorsatz. Der Angeklagte habe aufgehört, als er das Blut gesehen habe. Den herannahenden Polizeiwagen habe er nicht wahrgenommen. Marek K. sei nicht vorbestraft, stehe vor dem Scherbenhaufen seines Lebens. Die Tat sei Folge einer „emotional schwierigen Situation“, so der zweite Verteidiger Michal Jedrzejewski. Beide warben für eine Bewährungsstrafe – ebenso wie Marek K. in seinem letzten Wort. „Mir tut das sehr leid. Ich wünsche mir ein Urteil, dass mir Zukunftschancen ermöglicht.“

Opferanwalt Christian Böse vermisste eine „aufrichtige Entschuldigung“ des Angeklagten, der „keine echte Reue“ gezeigt und von seinen Verteidigern als Opfer dargestellt worden sei. „Mein Mandant wäre vermutlich tot, wenn die Polizei nicht so schnell da gewesen wäre.“