Kreis Pinneberg

Mohammad kam als Flüchtling, heute ist er Unternehmer

| Lesedauer: 6 Minuten
Joana Ekrutt
Der aus Syrien geflüchtete Mohammad Hannawi (20) steht gern hinterm Tresen seines eigenen Lebensmittelgeschäfts.

Der aus Syrien geflüchtete Mohammad Hannawi (20) steht gern hinterm Tresen seines eigenen Lebensmittelgeschäfts.

Foto: Joana Ekrutt

Wie ein junger Syrer in Uetersen sein Schicksal selbst in die Hand nimmt. 2015 ist er geflüchtet, heute ein Beispiel für Integration.

Uetersen. Kisten mit frischem Obst und Gemüse reihen sich bis zur Fensterfront an die graue Hausfassade. Sie lassen den Blick auf das Sortiment im Inneren des kleinen Ladens frei, der sich im Halbrund in die Straßenecke einfügt. „Willkommen“, blinkt in bunter LED-Laufschrift über dem Ladeneingang.

Und willkommen fühlt sich der Besucher auch beim Betreten des arabischen Lebensmittelgeschäfts Hannawi an der Ecke Sandweg/Bahnstraße in Uetersen. Inhaber Mohammad Hannawi sitzt hinter dem kleinen Tresen am Eingang und lächelt die Kunden fröhlich an. Dass Hannawi sich mit gerade einmal 20 Jahren selbstständig gemacht hat, ist dabei alles andere als selbstverständlich. Als 15-Jähriger ist er mit seiner Familie aus Syrien geflohen. „200 Personen, ein Schlauchboot“, erinnert er sich.

Wenn er über die Flucht redet, wird er ruhig

Hannawi spricht gut Deutsch, ist aufgeschlossen, strahlt Fröhlichkeit aus. Nur wenn er über seine Flucht redet, wird er plötzlich ruhig, bricht die Sätze mittendrin ab. Die Schrecken des Bürgerkriegs lassen sich erahnen.

Von Syrien floh die achtköpfige Familie zunächst nach Libyen, wo sie zwei Jahre lebte. Hannawi, seine Eltern, seine vier Brüder und die Schwester. Von dort ging es weiter nach Italien, bis sie schließlich in Neumünster ankamen, wo sie in einem Flüchtlingsheim untergebracht waren. Seit einem Jahr lebt die Familie in Uetersen.

Was ihm an Deutschland am besten gefällt? „Sicherheit“, sagt Hannawi ohne Zögern. In Hannawis Heimat, dem nordsyrischen Aleppo, hatte sein Vater einen eigenen Betrieb, in dem Satellitenanlagen hergestellt wurden. Der Sohn half dort als Schweißer. So stand in Deutschland anfänglich auch die Idee im Raum, an seine handwerkliche Berufserfahrung anzuknüpfen. Der junge Syrer jobbte jedoch zunächst in einem Elmshorner Logistikunternehmen und absolvierte sein Sprachzertifikat B1.

Der Laden war früher eine Kneipe

Durch den Austausch mit arabischen Familien wurde er schließlich auf eine Marktlücke aufmerksam: „Wir kennen viele arabische Familien im Kreis Pinneberg. Freunde und Bekannte wollten auch in Uetersen arabische Lebensmittel vor Ort einkaufen, da die nächsten Geschäfte in Elmshorn, Pinneberg und Hamburg sind.“

So reifte bei Hannawi die Idee, selbst einen Laden zu eröffnen. Von zwei seiner Brüder, die noch immer im Logistikunternehmen arbeiten, lieh er sich Geld für die Existenzgründung. Die Immobilie fand er über Ebay. Am 1. Januar war es dann so weit: Der 20-Jährige eröffnete sein eigenes Lebensmittelgeschäft in den Räumlichkeiten einer ehemaligen Kneipe.

Die Gewerbeanmeldung sei ihm dabei besonders schwer gefallen. „Das hat drei Monate gedauert. Ich habe alles selbst gemacht.“ Dass vor allem Migranten einige Hürden bei dem Schritt in die Selbstständigkeit zu überwinden haben, weiß auch Tanja Sommerfeld, Migrationsbeauftragte der Agentur für Arbeit im Kreis Pinneberg: „Ich sehe eine potenzielle Gefahr darin, dass die behördlichen Vorgaben für Existenzgründungen und der fehlende Informationsfluss zum Nichtgelingen der Selbstständigkeit führen können.“ Und auch Paul Raab von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Kiel in Elmshorn sagt: „Es ist immer etwas Besonderes, wenn sich jemand selbstständig macht, dessen Muttersprache nicht Deutsch ist.“

Zahlen darüber, wie viele Menschen mit Fluchthintergrund sich in den vergangenen Jahren im Kreis selbstständig gemacht haben, liegen weder der IHK zu Kiel noch der Kreisverwaltung vor: „Zum Thema neugegründete Betriebe von Geflüchteten beziehungsweise Menschen mit Migrationshintergrund werden in der Kreisverwaltung keine Daten gesondert erfasst“, sagt Kreissprecher Oliver Carstens.

Statistik über Flüchtlinge als Unternehmer? Fehlanzeige.

In einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit ist dieser Wert aber erfasst. Demnach waren im Dezember 2019 in Schleswig-Holstein insgesamt 3309 Menschen mit Fluchthintergrund arbeitslos beziehungsweise arbeitssuchend gemeldet. 624 Personen konnten in ein Arbeitsverhältnis vermittelt werden, 88 nahmen eine Ausbildung auf, Existenzgründungen sind für diesen Zeitraum nicht verzeichnet.

Im Kreis Pinneberg waren im selben Zeitraum 93 Menschen mit Fluchthintergrund arbeitslos oder arbeitssuchend gemeldet. 20 nahmen eine Arbeit auf, Wege in die Selbstständigkeit oder in ein Ausbildungsverhältnis sind nicht aufgeführt.

Existenzgründungen für Geflüchtete schwierieger

Eine explizite Beratungsstelle zum Thema berufliche Selbständigkeit, die auf Menschen mit Migrationshintergrund zugeschnitten ist, gebe es im Kreis Pinneberg nicht, sagt Oliver Carstens und weist darauf hin: „Einen Bedarf dürfte es dazu allerdings geben, da die Schwierigkeiten bei der Existenzgründung zum Teil andere sind als bei Menschen, die deutsche Muttersprachler sind. Hier wäre im Besonderen auf die rechtlichen Voraussetzungen hinzuweisen.“

Die Integration Geflüchteter in den Arbeitsmarkt ist laut Tanja Sommerfeld im Kreis Pinneberg hingegen gut: „Ich bin hoch erfreut darüber, wie sich die Situation entwickelt hat. Wir haben ein sehr gut funktionierendes Netzwerk im Kreis Pinneberg, das Migranten bei der Arbeitsaufnahme unterstützt.“

Im Internet alles über Umsatzsteuer gelernt

Für die Gründung seines Geschäfts hat sich Mohammad Hannawi viel Wissen eigenständig angeeignet. Wie das mit der Umsatzsteuer funktioniert? „Internet“, sagt er und lacht. Die Renovierung habe er mit Hilfe seines Vaters ebenfalls selbst in die Hand genommen. Stolz zeigt er auf die Regale an der Wand. Sechs Reihen, rundherum vom Boden bis zur Decke.

Ganz unten liegen schwere Reissäcke. Darüber stehen Konservendosen mit Bohnen und Tomaten, Flaschen mit Olivenöl, eingelegte Weinblätter. In Plastikbehältern lagern exotische Gewürze, Oliven und Auberginen. Auf den Kühlschränken stehen große Pappkartons mit Kartoffelchips aus Aleppo. Für Heimatgefühle sorgen auch arabischer Käse und Baklava, ein süßes Blätterteiggebäck, hausgemacht von Hannawis Mutter. „Ist heute leider schon aus.“

Arabische Küche bei Deutschen bekannt machen

Für Freizeit bleibt gerade wenig Zeit. „Arbeit geht vor“, sagt Hannawi. Beim Fußball möchte er jedoch bald wieder einsteigen. Stolz zeigt er ein Foto seiner Mannschaft, Moorreger SV, Zweite Herren.

Arabische Kunden gebe es in seinem Geschäft bereits viele. Bei den Deutschen müsse die arabische Küche erst noch bekannter werden. Was er für die Zukunft plant? „Ich will den Laden Schritt für Schritt vergrößern. Aber langsam. Erstmal will ich ihn richtig zum Laufen bringen.“

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