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Insel Helgoland bekommt ein Gesundheitszentrum

Hinter den Hummerbuden steht die Paracelsus-Klinik, die ambulant und stationär Patienten versorgt.

Hinter den Hummerbuden steht die Paracelsus-Klinik, die ambulant und stationär Patienten versorgt.

Foto: dpa Picture-Alliance / Michael Narten / picture alliance / Michael Narte

Gemeinde gründet GmbH und will Ärzte anstellen. Bis zu fünf Allgemeinmediziner könnten sich drei Sitze der Kassenärztlichen Vereinigung teilen.

Helgoland. Um die ärztliche Versorgung auf Helgoland zu sichern, hat die Inselgemeinde ein Gesundheitszentrum in kommunaler Trägerschaft gegründet. Es soll Anlaufstelle für die 1300 Einwohner und die jährlich etwa 500.000 Touristen werden. Die kaufmännische Geschäftsführung und Betriebsführung wurde per Ausschreibung an die Ärztegenossenschaft Nord vergeben.

„Viele kleine Gemeinden haben es schwer, junge Ärzte aufs Land zu locken. Auf der Insel ist die Situation ähnlich“, sagt Helgolands Bürgermeister Jörg Singer (parteilos). „Wir möchten für junge Ärzte und deren Familien attraktiv sein.“ Dafür gründet die Gemeinde ein Gesundheitszentrum als GmbH, übernimmt die drei bestehenden Arztsitze und stellt die Ärzte an. „So brauchen die Ärzte nicht in einen eigenen kassenärztlichen Sitz investieren und ihr Erfolg ist nicht von Fallzahlen abhängig.“ Die Gemeinde trägt somit auch das finanzielle Risiko. Singer rechnet mit jährlichen Kosten von 100.000 Euro. Das Gesundheitszentrum soll mit modernen medizinischen Untersuchungsgeräten ausgestattet werden. Inselklinik, Pflegedienst und Ärzte vom Festland sollen laut Singer mit dem neuen Gesundheitszentrum vernetzt werden. „Dafür wollen wir in moderne Telemedizin investieren, so dass auch vom Festland aus Diagnosen gestellt werden können.“

Derzeit sei die ärztliche Versorgung mit drei Allgemeinmedizinern, einem Zahnarzt und der Paracelsus-Nordseeklinik Helgoland mit einer neurologischen Spezialabteilung für Parkinsonkranke sehr gut, so Singer. Zudem gibt es etwa alle vier Wochen Sprechstunden von Fachärzten aus acht Disziplinen, die für einen Tag vom Festland auf die Insel kommen.

Als Vorbild dient Helgoland das Büsumer Modell

Doch die Allgemeinmediziner Klaus und Marieta Wogawa möchten ihre Praxis auf dem Helgoländer Oberland bald abgeben. Einen Nachfolger haben sie bislang nicht gefunden. Auch Zahnarzt Wolfram Dammann habe angekündigt, mit über 70 Jahren in den nächsten zwei Jahren in den Ruhestand gehen zu wollen, sagt Singer.

Bei gesundheitlichen Problemen, bei denen die drei niedergelassenen Allgemeinmediziner auf Helgoland nicht weiterhelfen können, ist die Abteilung der Grund- und Regelversorgung des Inselkrankenhauses erster Anlaufpunkt. Die Paracelsus-Nordseeklinik leistet sämtliche Aufgaben der ambulanten und stationären Versorgung in den Bereichen der Chirurgie, Unfallchirurgie und der Inneren Medizin. Das Team stellt zudem den Rettungsdienst auf der Insel sicher. Die kleine Klinik ist Teil der See- und Luftrettung zur Not- und Erstversorgung von Schiffbrüchigen beziehungsweise Notfällen auf See. Auf Helgoland sind zudem ein Seenotrettungskreuzer der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger und ein SAR-Hubschrauber der Bundesmarine stationiert.

Als Vorbild für das Gesundheitszentrum dient den Helgoländern das Büsumer Modell. Das wurde im April 2015 als bundesweit erste kommunale Eigeneinrichtung mit dem Ziel der medizinischen Versorgung der Bürger und der Urlauber gegründet. Derzeit arbeiten sechs Ärzte gemeinsam mit zehn Medizinischen Fachangestellten und einer Case-Managerin im Ärztezentrum.

Kassenärztliche Vereinigung und Politiker stimmen zu

Auf Helgoland sollen laut Singer Mediziner, die Teilzeit arbeiten wollen, genau so arbeiten wie langjährige Hausärzte, die ihre Stunden reduzieren wollen. „Immer mehr Arbeitnehmer wünschen sich flexible Arbeitszeiten“, sagt er. So könnten zum Beispiel fünf Mediziner ihre Stunden auf die drei Arztsitze verteilen. „Wir wollen so auch junge Ärzte auf die Insel locken, die mal für eine gewisse Zeit oder auch länger bei uns praktizieren wollen“

Die Kassenärztliche Vereinigung und die Kommunalpolitiker auf Helgoland haben zugestimmt. Die GmbH wird am 1. April 2020 gegründet. Das Gesundheitszentrum soll zunächst in der bisherigen Praxis der Wogawas auf dem Oberland unterkommen. In drei Jahren soll dann ein neues Zentrum gebaut werden. Wo das sein wird, ist allerdings noch nicht geklärt. Die Ärztegenossenschaft Nord wird sich als kaufmännische Leitung um die Abrechnungen kümmert.

Die Gemeinde Helgoland ist trotz begrenzten Platzes eine wachsende Gemeinde. Im Vergleich zum Vorjahr ist sie 2019 um 50 Einwohner gewachsen. Um Ärzte und auch andere medizinische Fachkräfte auf die Nordseeinsel zu locken, braucht es auch ausreichend Kita-Plätze und vor allem Wohnraum. Am Leuchtturm auf dem Oberland entstehen derzeit 68 neue Wohnungen – bezahlbarer Wohnraum für gut 160 Menschen. Die Gemeinde realisiert das 15-Millionen-Euro-Projekt selbst. Die Häuser entstehen aus vorgefertigten Modulen. Der Bau soll noch in diesem Jahr fertig gestellt werden.

Die Kita unter der Trägerschaft des evangelisch-lutherischen Kita-Werks Dithmarschen mit 40 Plätzen soll dank eines Neubaus auf 60 Plätze erweitert werden. In diesem Jahr gab es für die Einrichtung erstmals eine Warteliste. Ersten vorsichtigen Schätzungen zufolge wird dieser Bau mehr als sechs Millionen Euro kosten.

Auch eine neue Feuerwache soll am Leuchtturm auf dem Oberland bis Ende 2021 gebaut werden. Die alte Wache stammt aus den 60er-Jahren und entspricht nicht mehr dem aktuellen Stand. Zudem gibt es aktuell Überlegungen seitens des Innenministeriums, auch die Polizeiwache dort zu integrieren. Dort wo die alte Feuerwehrwache steht, könnte dann das neue Gesundheitszentrum entstehen. Aber das sei nur eine von vielen Überlegungen, über die die Politik noch beraten müsse, so Singer. Und welche besonderen Eigenschaften braucht ein Inselarzt? „Er muss auf jeden Fall ein Allrounder sein“, sagt Singer.