Pinneberg
Commerzbank

Comdirect-Fusion: Quickborn fürchtet Millionen-Steuerausfall

Da war die Welt noch in Ordnung: Quickborns Bürgermeister Thomas Köppl (l.) mit Comdirect-Vorstandschef Arno Walter bei der Enthüllung des neuen Firmenschildes an der Quickborner Zentrale im Jahr 2016.

Da war die Welt noch in Ordnung: Quickborns Bürgermeister Thomas Köppl (l.) mit Comdirect-Vorstandschef Arno Walter bei der Enthüllung des neuen Firmenschildes an der Quickborner Zentrale im Jahr 2016.

Foto: Burkhard Fuchs

Direktbank ist der größte Gewerbesteuerzahler der Stadt. Übernahme durch Commerzbank laut Bürgermeister "schrecklich für Quickborn".

Quickborn.  Die Stadt Quickborn bangt um ihre Einnahmen. Mit der Ankündigung der Commerzbank Ende September, die Tochtergesellschaft Comdirect zu schlucken, droht die Stadt ihren größten Gewerbesteuerzahler zu verlieren. „Es ist schrecklich für Quickborn“, sagt Bürgermeister Thomas Köppl, der sich zurzeit im Urlaub befindet. „Da werden künftig ein paar Millionen Euro in unserem Haushalt fehlen.“

Die Politik ist alarmiert. Die CDU fordert bereits die Verwaltung auf, in einem Szenario die künftige Entwicklung der Gewerbesteuereinnahmen über die nächsten Jahre hochzurechnen und zu kalkulieren, welche Auswirkungen auf mögliche Umlagen und Zuschüsse zu erwarten sind.

„Die Stadt wird künftig, wenn überhaupt, nur noch einen Bruchteil der bisherigen Gewerbesteuereinnahmen von diesem Unternehmen beziehungsweise der Commerzbank erhalten“, warnt CDU-Fraktionschef und Erster Stadtrat Klaus H. Hensel seine Kollegen. „Damit wir rechtzeitig gegensteuern können, ist es erforderlich, die Auswirkungen auf die Finanzen der Stadt abzuschätzen.“ Da dies oft erst zeitversetzt geschehe, sei eine Betrachtung über mehrere Jahre erforderlich.

Commerzbank schluckt Comdirect: Sorgen in Quickborn

Bürgermeister Köppl kündigt telefonisch vom Mittelmeer aus an, den Finanzausschuss auf seiner nächsten Sitzung nach den Herbstferien ausführlich über die Konsequenzen der plötzlichen Bankenfusion zu informieren. „Es gibt starke Unsicherheiten, wie es weitergeht“, sagt der Verwaltungschef. Die Einflussmöglichkeiten der Stadt, die geplante Verschmelzung von Commerzbank und Comdirect so moderat wie möglich für die Stadt abzufedern oder gar zu verhindern, schätzt der Verwaltungschef „gleich null“ ein. „Die Fusion ist eine unternehmerische Entscheidung, und wir haben es hier mit einem börsennotierten Konzern zu tun.“

Die Comdirectbank, die direkt an der A7-Anschlussstelle an der Pascalkehre ihren Hauptsitz hat, hat sich zum größten Arbeitgeber und Steuerzahler in Quickborn entwickelt. 1994 gegründet, ist sie heute mit 2,7 Millionen Kunden, die 75 Milliarden Euro auf ihren Tagesgeldkonten, Aktionen- und Wertpapierdepots angelegt haben, die wohl zweitgrößte Direktbank Deutschlands. Und sie wächst rasant. Jeder zehnte Kunde sei in diesem Jahr neu hinzugekommen, lautete die Kernbotschaft von Vorstandschef Arno Walter im Halbjahresbericht vom August 2019.

Jedes vierte Unternehmen in Quickborn zahlt Gewerbesteuer

Immer mehr digital-affine Kunden setzen offenbar darauf, ihr Geld online oder telefonisch über das Callcenter der Comdirectbank in Quickborn verwalten zu lassen. Comdirect hat keine Geschäftsstellen wie andere Geschäftsbanken oder die Sparkassen und Volksbanken. Dabei ist sie hoch profitabel. 2017 hat sie einen Konzernüberschuss vor Steuern von 94,8 Millionen Euro, 2018 von 70,7 Millionen Euro erwirtschaftet. Im ersten Halbjahr dieses Jahres waren es 41,5 Millionen Euro.

Wie hoch genau der Gewerbesteueranteil für Quickborn ausfällt, mag und darf wegen des Steuergeheimnisses hierzulande niemand sagen. 2017 waren es 23,3 Millionen und 2018 20,4 Millionen Euro an Körperschafts-, Kapitalertrags- und Gewerbesteuern, die die Quickborner Direktbank an Bund, Land und Kommune insgesamt abführen musste. Insider gehen davon aus, dass Comdirect bis zur Hälfte des Gewerbesteueraufkommens in Quickborn beitrug.

Das wären aktuell um die acht Millionen Euro, weil Kämmerin Sabine Dornis ohnehin mit einem Steuerausfall von 4,5 Millionen Euro rechnet im Vergleich zum Haushaltsansatz von 21,5 Millionen aus der Gewerbesteuer, da andere bislang profitable Unternehmen unter ihren Erwartungen geblieben sind und Anpassungen ihrer Steuerzahlungen vorgenommen haben. Nur jedes vierte Unternehmen in Quickborn zahlt überhaupt Gewerbesteuer. Das sind laut Angaben der Kämmerei aktuell 546 Betriebe, davon 19, die jeweils mehr als 100.000 Euro an Gewerbesteuer zahlen. Einer von ihnen ist Comdirect.

In Quickborn arbeiten 85 Prozent der Comdirect-Belegschaft

In Quickborn beschäftigt die Bank aktuell mit 1095 Mitarbeitern auf 991 Vollzeitstellen 85 Prozent ihrer Belegschaft. Wie da zurzeit die Stimmungslage unter den Kollegen ist, möchte Comdirect-Sprecherin Ulrike Hamer nicht sagen. Wie die meisten in ihrem Hause wird sie von der Ankündigung der Commerzbank überrascht worden sein. Vorstandschef Walter hält sich ebenfalls zurück und beteuert in einem Schreiben an die Kunden, „alles dafür zu tun, damit Sie als Kunde auch in Zukunft mit unseren Leistungen zufrieden sind.“

Die Frage wird sein, wie viele Comdirect-Aktien die Commerzbank von den in Streubesitz befindlichen zukaufen kann, um ihren Einfluss auf mehr als 90 Prozent steigern zu können. Denn die Commerzbank muss sparen. Jede fünfte ihrer 1000 Filialen in Deutschland soll geschlossen, 2300 Vollzeitstellen sollen gestrichen werden. Dabei soll die Comdirect-Bank, die im „Brokerage-Angebot“ ihren Namen behalten soll, helfen, sie zu einer „innovativen Multikanalbank“ zu katapultieren. Das hätten ihr in der Quickborner Finanzpolitik viele lieber ohne „die hohe digitale Kompetenz“ (O-Ton Commerzbank) der bislang unabhängigen Konzerntochter in Quickborn gegönnt.