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Melancholie und Leichtigkeit – Hauptsache russisch

Beim SHMF-Konzert in Haseldorf spielte das Terem Quartet sein Programm „From St. Petersburg with Love“.

Beim SHMF-Konzert in Haseldorf spielte das Terem Quartet sein Programm „From St. Petersburg with Love“.

Foto: Mirjam Rüscher

Das Terem Quartet aus St. Petersburg begeistert beim Schleswig-Holstein Musik Festival in Haseldorf mit eigenwilligen Interpretationen

Haseldorf..  Die Balalaika schmachtet, das Akkordeon schluchzt, dazu gezupfte Töne des Kontrabasses – das Terem Quartet startet sein Konzert mit vertrauten Klängen. Es ist eine Variation des Amarcord-Themas zum gleichnamigen Film von Federico Fellini. Italien statt Russland im Haseldorfer Rinderstall am Donnerstagabend beim Konzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF).

Doch die Interpretation der Filmmusik ist nur der Auftakt: „Das Stück war umsonst, das gehörte noch nicht zum Konzert“, begrüßt Andrey Smirnov die Besucher und entlockt ihnen das erste Lachen. „Wir laden Sie aus tiefstem Herzen nach St. Petersburg ein“, so der Musiker weiter. St. Petersburg, Heimat der Musiker, seien all ihre Konzerte gewidmet. Und so steht auch dieser Abend unter dem Titel „From St. Petersburg with love“. Während sie spielen, kommunizieren die Musiker untereinander und interagieren mit dem Publikum durch ihre Mimik und Gestik. Immer wieder bringen sie die Zuschauer mit ihren Ausdrücken zum Lachen. Wie die Musik, die sie spielen, sind Andrey Smirnov (Bajan/Akkordeon), Andreay Konstantinov (Sopran-Domra/Balalaika), Alexey Barshev (Alt-Domra/Balalaika) und Vladimir Kudryavtcev (Bass) locker und fröhlich, die ganze Zeit haben sie ein Lächeln im Gesicht und genießen sichtlich, was sie spielen.

Schon 1986 wurde das Terem Quartet in einer sowjetischen Kaserne in Potsdam gegründet. Dort verrichteten die Absolventen der St. Petersburger Musikakademie ihren Militärdienst. Zwei der vier – Andrey Konstantinov und Andrey Smirnov – sind seit der Gründung dabei und seitdem viel herumgekommen. Das Quartett hat mehrfach in Deutschland gespielt, es hatte einen Auftritt bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Barcelona, Vancouver und Sotschi, beim Eurovision Songcontest, und auch auf Einladung des Papstes und vor der englischen Königsfamilie hat es schon gespielt.

Im Haseldorfer Rinderstall wechseln die Themen und Tempi ständig, mal geht es beschwingt zu, mal melancholisch. Neben eigenen Kompositionen interpretieren die vier Russen Werke und Themen unterschiedlicher Komponisten aus ganz verschiedenen Genres. „Wir haben natürlich auch ein deutsches Programm“, sagt Smirnov, „russischen Bach, russischen Schubert...“

Ein Stück von Beethoven steht als Nächstes auf dem Programm. Das Original schimmert immer wieder durch, doch die Interpretation ist so ungewöhnlich, dass es schwer fällt, sich auf das Wiedererkennen zu konzentrieren. Stattdessen genießt man einfach das Wechselspiel von Akkordeon und Balalaika. Es folgt Rachmaninov. Als es wieder Musik aus einem Fellini-Film geben soll, wird das Konzert abrupt unterbrochen. Irgendwas stimmt mit dem Akkordeon nicht, es ist Pause. Aus zehn Minuten wird eine halbe Stunde, dann ruft die Klingel die Besucher wieder rein. „Sie sind Glückspilze“, begrüßt Smirnov die gespannten Zuschauer. „Das Akkordeon ist kaputt gegangen, das passiert nur in einem von etwa einer Million Konzerten, und nun waren Sie dabei!“ Zwei Stimmen, zwei Tasten seien defekt, aber „das Akkordeon hat ja noch genug. Ich verspreche, Sie werden es nicht merken.“

Die Musik wird immer rasanter auf der Bühne. Das Terem Quartet kommt nun richtig in Fahrt. Und als sie dann auch noch Lieder spielen, die viele der Anwesenden kennen, ist die ungewollte Unterbrechung schnell vergessen. Die russische Version von Gershwins „Summertime“? „Wintertime“! Mit viel Schwung bearbeitet des Quartett die bekannte Melodie und macht sie sich zueigen. Einer der Höhepunkte des Abends ist die Bearbeitung der Titelmusik der „Mission Impossible“-Filme. Es wird eine wilde, mitreißende Interpretation, die den Besuchern großen Jubel entlockt. Fasziniert kann man nur versuchen zu erkennen, wie Andrey Smirnov so schnell mit den Fingern über die vielen Tasten seines Akkordeons gleitet und die beiden Balalaika-Spieler auf den schmalen Instrumenten-Hälsen die richtigen Töne erwischen. Das musikalische Können der vier Musiker und dazu ihre gelungene und sehr amüsante Mimik und Gestik – wirklich eine tolle Kombination.

Das Konzert in Haseldorf wurde vom NDR aufgezeichnet. Am 29. September um 22 Uhr wird es in der „Soirée“ auf NDR Kultur gesendet. NDR Kultur überträgt viele Konzerte des SHMF live und als Aufzeichnung. Auch Schleswig Holstein 18:00 widmet sich immer wieder dem Festival.