Pinneberg
Wedel

Grundwasser – Eklat im Wedeler Rathaus

Wedel im Fokus: Auch der NDR wollte berichten, wurde aber aus dem Ratssaal komplimentiert, weil die Drehgenehmigung fehlte.

Wedel im Fokus: Auch der NDR wollte berichten, wurde aber aus dem Ratssaal komplimentiert, weil die Drehgenehmigung fehlte.

Foto: Katy Krause / krk

Diskussion um den Grundwasseranstieg schlägt hohe Wellen. Betroffene verlassen wutentbrannt die Sitzung des Bauausschusses.

Wedel.  Plötzlich kippte die Stimmung im Rathaus. Es wurde auf den Tisch gehauen, gepöbelt, geschrien. Und dann schmiss der Vorsitzende Rainer Hagendorf, Grüne, kurzerhand Bürger aus dem Sitzungssaal. Was sich am Donnerstagabend im Ausschuss für Bauen und Umwelt zutrug, war keine Sternstunde kommunalpolitischen Lebens. Bei welchem Thema die Wellen so hochschlugen? Es geht um Wedels Grundwasserproblem . Ziel des Abends war es ursprünglich, Transparenz herzustellen und möglichst mithilfe der Informationen der in den Ausschuss geladenen zuständigen Experten einen Weg aus der Misere zu finden.

Doch der erhoffte sachliche Austausch mündete in tumultartigen Szenen, als die Betroffenen wutentbrannt die Sitzung verließen – aus Protest, weil der Sprecherin der Initiative, Ute Heldt, das Wort abgeschnitten worden war. Die Betroffenen fühlen sich nicht gehört, die Politiker missverstanden und die Stadtverwaltung fühlt sich bei dem Thema gar nicht zuständig.

Anwohnern geht aufsteigendes Wasser an die Substanz

Bevor auch Jürgen Voigt wütend den Saal verließ, ergriff er das Wort. Auch er gehört zu den Betroffenen. Die Reparatur seiner unter Wasser stehenden Garargen Am Lohhof wird mit bis zu 400.000 Euro beziffert. „Mit 75 Jahren muss ich erneut einen Kredit aufnehmen, und das ist in meinem Alter nicht so leicht. Bis ich 85 Jahre alt bin, muss ich ihn abstottern. Auch das Rathaus steht unter Wasser, aber das wird von meinen Steuern saniert“, kritisierte Voigt, dem das Problem offensichtlich an die Substanz geht. Bürgermeister Niels Schmidt verwies darauf, dass die Stadt im Fall des Grundwassers kein Akteur sei, sondern Schauplatz. „Aber niemand hat gesagt, saufen Sie ab. Es ist kein Unwillen, Ihnen nicht helfen zu wollen. Ich kann nur derzeit keine Lösung anbieten.“

Zum Hintergrund: Wie berichtet, steigt in Wedel an verschiedenen Stellen das Grundwasser an, setzt Keller, Tiefgarargen und Erdgeschosswohnungen unter Wasser. Der Stadtverwaltung sind mittlerweile 15 Standorte bekannt, an denen es Probleme gibt. Dabei handelt es sich teilweise um städtische Gebäude, aber auch um Mehrfamilienhäuser mit vielen Bewohnern, auf die nun alle Kosten für eine Sanierung sowie Gegenmaßnahmen zukommen. Letztere haben sich zu einer Initiative zusammengeschlossen – mit dem Ziel, die Hintergründe des Endes des Möller-Wasserwerks im Jahr 2016 zu erfahren, das bis zu 750.000 Kubikmeter Wasser pro Jahr fördern durfte. Zudem setzt sich die Initiative für eine dauerhafte Senkungen des Grundwassers aufs alte Niveau ein.

Eine Mehrheit hatte auf Antrag der SPD für eine Untersuchung gestimmt, nach der die Stadtverwaltung prüfen soll, inwieweit eine Absenkung möglich ist und welche Maßnahmen ergriffen werden müssten. In diesem Punkt brachte die Veranstaltung am Donnerstag zwar einige neue Erkenntnisse, aber keinen greifbaren Ausweg. Um es kurz zu fassen: Wedels Geologie ist laut den Experten von Land und Kreis kompliziert. Es gibt wenig Informationen über den Verlauf des dritten Grundwasserstocks, aus dem gefördert wurde und bei dem nach Wasserwerksende der festgestellte Druckwasserspiegel um 20 Meter anstieg. Aufgrund des heterogenen Schichtaufbaus sei es schwer, im Vorwege Aussagen über einen möglichen Anstieg beziehungsweise jetzt über eine Absenkung bei neuer Förderung zu treffen, so die Vertreter der Wasserbehörden einhellig.

Möller bietet Stadt Brunnen zur Förderung an

Laut Bürgermeister Schmidt liegt seit Kurzem das Angebot des Unternehmens Möller vor, die Stadt könne den noch vorhandenen Brunnen neun übernehmen und betreiben. Die Stadt hatte daraufhin versucht, mit dem Betreiber Hamburg Wasser einen Interessenten für eine mögliche Förderung zu gewinnen. Doch dem erteilte Hamburger Wasser jetzt eine Absage. „Der Brunnen ist zu alt“, erklärt Pressesprecher Ole Braukmann auf Abendblatt-Anfrage. „Man kann auch nicht einfach an einem Standort einen alten gegen einen neuen Brunnen ersetzen.“ Es gelte Sicherheitsabstände einzuhalten. Zudem spielten die Bodenbelastung und die schwierigen geologischen Verhältnisse in Wedel eine Rolle. „Wir befinden uns aber auf der Suche und sind im Gespräch mit der Stadt über mögliche Standorte“, so Braukmann. Die Prüfung dauere allerdings, da viele Akten gesichtet und Messungen analysiert würden.

Was zudem am Donnerstag durch die Beiträge der Vertreter von Land und Kreis noch einmal deutlich wurde: Beim Abschalten von Wasserwerken ist kein Verfahren vorgesehen, bei dem es eine Beteiligung der Öffentlichkeit gibt, übrigens anders als beim Bau eines Wasserwerks. Die Initiative kritisiert die mangelnde Informationspolitik, da es die Betroffenen viel Zeit und Geld gekostet habe, überhaupt herauszubekommen, dass es sich um Grundwasser und nicht um Ab- und Regenwasser handelt. Der Kreis verwies auf Wedels Stadtverwaltung, die ihre Bürger hätte informieren können.

Wie sich Donnerstag herausstellte, lag im Wedeler Rathaus auch seit 2015 das von Möller in Auftrag gegebene Ausstiegskonzept vor. Wie vom Abendblatt berichtet, steht darin deutlich, dass mit einem Grundwasseranstieg gerechnet werde. Zudem befasst sich der vom Unternehmen beauftragte Gutachter darin bereits mit rechtlichen Konsequenzen. „Das ist so empörend. Man hat uns offenen Auges ins Unglück laufen lassen“, sagt BI-Sprecherin Heldt. Es werde gelogen, und man fühle sich nicht zuständig. „Und wenn ich unliebsame Wahrheiten ausspreche, wird mir das Wort entzogen.“ Hagendorf hatte als Ausschusschef Heldts Redebeitrag abgebrochen, weil sie die Verwaltung kritisiert und keine Fragen gestellt hatte, was gegen die Gemeindeverordnung verstößt.