Pinneberg
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Diese Frauen wissen alles über Hausnummern

Beatrice Jaeckstat (links) und Monika Oldenburg sind Sachbearbeiterinnen, die Hausnummern vergeben. 

Beatrice Jaeckstat (links) und Monika Oldenburg sind Sachbearbeiterinnen, die Hausnummern vergeben. 

Foto: Sebastian Becht

Hausnummern-Adventskalender:Das Abendblatt schaut jeden Tag hinter eine andere Tür. Heute: Rathausplatz 1, Quickborn.

Quickborn.  Beatrice Jaeckstat ist einen Moment lang verblüfft. Das Quickborner Rathaus, Adresse Rathausplatz 1, hat tatsächlich keine Hausnummer. Jedenfalls keine gegenständliche. Keine, die sich anfassen ließe. „Das darf eigentlich nicht sein“, sagt Jaeckstat. Die Sachbearbeiterin im Bereich Bau ist seit 27 Jahren zuständig für die Vergabe von Hausnummern in der Stadt. Eine Hausnummernexpertin sozusagen. „Eigentlich ist jeder Eigentümer verpflichtet, eine Hausnummer anzubringen“, sagt sie. „Macht er das nicht, ist das genau genommen eine Ordnungswidrigkeit.“ Das Rathaus könnte unter einen Ausnahmetatbestand fallen, weil es das einige Gebäude am Rathausplatz ist. Jaeckstat schaut ihren Chef fragend an. „Wir kümmern uns darum“, sagt Fachbereichsleiter Volker Dentzin.

Hausnummern sind das Thema. Zur Adventszeit besucht die Pinneberg-Ausgabe des Hamburger Abendblattes im Kreisgebiet einige Häuser mit (oder eben auch ohne ...) Nummer und erzählt die Geschichten der darin lebenden oder arbeitenden Menschen. Genau genommen sind es die Hausnummern 1 bis 24, das Ganze ist sozusagen eine Art Hausnummern-Adventskalender.

Und damit sind wir wieder bei der Nummer 1. Quickborn, Rathausplatz. Dass gerade dort der Klinkerbau zwar den Namen Rathaus trägt, eine Hausnummer aber fehlt, wäre dereinst niemandem komisch vorgekommen. Allerdings aus einem anderen Grund. Es ist heute kaum noch vorstellbar, aber noch bis Mitte des 18. Jahrhunderts gab es kaum Hausnummern zur Kennzeichnung einer Adresse. Es war unnötig, denn die Bewohner kleiner Gemeinden kannten einander. Ihre Häuser waren, wenn überhaupt, mit Familienwappen oder Handwerksschildern gekennzeichnet. Oder sie trugen einen Namen.

Manche Bewohner vergeben Nummern einfach selbst

Mit zunehmender Größe wurden die Siedlungen aber unübersichtlich. Und das nicht nur für Fremde. Auch Postboten und die jeweiligen Verwaltungen hatten so ihre Probleme damit. Um das Volk zu zählen, Steuern zu erheben und Bürger für den Militärdienst zu mustern, setzte der Staat die Kennzeichnungspflicht für Häuser durch. Dadurch verschwanden die Häusernamen, und die Städte wurden ein bisschen anonymer. Heute dienen die Hausnummern der Adressierung, Orientierung und der Auffindbarkeit eines Gebäudes. „Spätestens wenn der Krankenwagen kommt, ist es wichtig, dass die Häuser nicht verwechselt werden können“, sagt Jaeckstat. Deshalb sorgt die 61-Jährige gemeinsam mit ihrer Kollegin Monika Oldenburg dafür, dass es in so einem Fall nicht zur Verwirrung kommt. Dafür vergeben die beiden Sachbearbeiterinnen Hausnummern für Häuser, die noch keine haben.

Das ist nicht nur in Neubaugebieten notwendig. „Wir erleben es immer wieder, dass Bewohner ihren Anbauten selbstständig eine Hausnummer verpassen“, sagt Jaeckstat. Das fällt aber spätestens bei der Anmeldung eines Mieters im Einwohnermeldeamt auf. Auch wenn Gewerbegebiete in Wohngebiete umgewandelt werden, entstehen beispielsweise auf der Fläche einer früheren Fabrik mit nur einer Hausnummer schnell mal einige Häuser, die es durchzuzählen gilt. Da kann es auch passieren, dass die gesamte Straße neue Hausnummern bekommt, weil nicht genug Zahlen für das ehemalige Fabrikgelände übrig sind. Schließlich kann zwischen der 5 und der 7 nicht plötzlich eine 20 stehen.

Die Vergabe der Zahlen ist heutzutage genau festgelegt. „Das war nicht immer so“, sagt Historiker Anton Tantner, der sich seit Jahren mit der Geschichte der Hausnummern beschäftigt. Bei ersten Versuchen haben staatliche Stellen die Häuser einer Siedlung willkürlich durchnummeriert, um dann jedes neu hinzu kommende Haus mit der nächsten Nummer zu versehen. Das half dem Staat zwar bei der Durchsetzung von Ordnungs- und Gewaltfunktionen, eine Orientierung war damit aber nicht möglich. Um die Gemeinden übersichtlicher zu machen, gingen die Stadtplaner später dazu über, die Straßen fortlaufend zu nummerieren.

Die preußische und die französische Methode

„Heute gibt es im Wesentlichen zwei Methoden“, sagt Tantner. Zum einen ist da die Hufeisenvariante aus dem Königreich Preußen. Dabei wird auf der einen Seite angefangen zu nummerieren, dann laufen die Zahlen bis zum Ende der Straße und anschließend auf der gegenüberliegenden Seite wieder zurück. Die Nummerierung ergibt so in etwa die Form eines Hufeisens. In Quickborn wird das verbreitetere Pariser System genutzt. Bei dem aus der französischen Hauptstadt stammenden Prinzip erhält die rechte Straßenseite die geraden und die linke Straßenseite die ungeraden Nummern. Aber wo ist links und wo rechts? Der jeweilige Straßenanfang ist immer der näher an der Ortsmitte liegende Punkt.

Als Mittel des staatlichen Zugriffs auf Untertanen waren die Hausnummern anfangs alles andere als beliebt. Die Bewohner kratzten sie von den Wänden oder machten sie unkenntlich. Adlige echauffierten sich, wenn sie keine höhere Hausnummer bekamen als rangniedrige Bürger. So etwas gehört heute der Vergangenheit an. An einen ganz besonderen Fall kann sich Jaeckstat aber erinnern: „Eine Frau wollte nicht, dass ihr Haus mit der Nummer 13 gekennzeichnet wird“, sagt die Sachbearbeiterin. Die Zahl bringe Unglück. Pech: Da war nichts zu machen. Die Hausnummer musste angebracht werden. Schließlich soll es in ganz Quickborn kein Haus ohne Hausnummer geben. Na gut, außer dem mit der Adresse Rathausplatz 1.