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Elmshorn

Projekt hilft Männern, die Prügel beziehen

Hiebe statt Liebe: Wenn Männer Opfer von Gewalt werden, ist das immer noch ein Tabuthema

Hiebe statt Liebe: Wenn Männer Opfer von Gewalt werden, ist das immer noch ein Tabuthema

Foto: Bodo Marks / picture alliance / dpa-tmn

Die Einrichtung Wendepunkt in Elmshorn berät in einem Modellprojekt männliche Opfer von häuslicher und sexualisierter Gewalt.

Elmshorn.  Es passt nicht in unser Bild von Männlichkeit, doch auch Männer werden Opfer von häuslicher und sexueller Gewalt. Wie viele von diesem von der Gesellschaft tabuisiertem Thema betroffen sind, ist nicht verlässlich zu sagen. Es gibt keine klare Studienlage und nur wenige Zahlen. „Doch die verschiedenen Studien, die es gibt, legen nahe, dass jeder achte bis zwölfte Junge bis zum 18. Lebensjahr Opfer sexualisierter Gewalt wird“, sagt Ingrid Kohlschmitt, Geschäftsführerin des gewaltpräventiven Vereins Wendepunkt mit Hauptsitz in Elmshorn. „Dabei sind in Heimen und anderen Institutionen Jungen weitaus häufiger Opfer sexueller Übergriffe als Mädchen.“

Das Modellprojekt wird vom Land finanziert

Zudem seien 60 Prozent der Jungen in ihrer Kindheit und Jugend geschlagen oder getreten worden. Und nach einer nicht repräsentativen Politstudie „Gewalt gegen Männer in Deutschland“ aus dem Jahr 2004 im Auftrag des Bundesfamilienministeriums haben von den befragten Männern innerhalb heterosexueller Partnerschaften etwa ein Viertel körperliche Gewalt in irgendeiner Form erfahren.

In Auftrag gegeben wurde das Modellprojekt vom Ministerium für Soziales, Gesundheit, Wissenschaft und Gleichstellung des Landes Schleswig-Holstein. Neben dem Wendepunkt bieten ab sofort zwei weitere Stellen (Pro familia in Flensburg und Frauennotruf Kiel) Beratung speziell für Männer an, die sexuelle und häusliche Gewalt erleben mussten. Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt und wird landesweit wissenschaftlich begleitet. Das Land investiert insgesamt 420.000 Euro. Das Geld für die speziell für Männer eingerichteten Beratungsstunden wird zu gleichen Teilen unter den Trägern aufgeteilt.

„Wir erleben bei unserer Arbeit alltäglich, was Gewalterfahrungen bei Betroffenen auslösen können“, sagt Kohlschmitt. „Wir kennen die Scham, die Angst, die Wut, den Ekel und die Sprachlosigkeit und bieten Unterstützung bei der Bewältigung dieser Gefühle an.“ Gerade Männern falle es oft schwer, über das Geschehene und die Folgen für die eigene Psyche zu sprechen, weiß auch Dirk Jacobsen. Der Diplom-Psychologe wird mit seinem Kollegen Franz Schneider die Gespräche führen. Sollte ein Betroffener allerdings lieber mit einer Frau sprechen wollen, können auch Mitarbeiterinnen des Wendepunkts einspringen.

Männer haben Angst, als Weichei zu gelten

„Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Rollenstereotype fällt es oft schwer, Männer als Opfer überhaupt wahrzunehmen“, sagt Diplompädagogin Kohlschmitt. Zwar sage man heute kleinen Jungen, die hinfallen, nicht mehr voreilig, sie sollen nicht weinen. Aber das Klischee vom Indianer, der keinen Schmerz kenne, bestehe in der Vorstellung der meisten Menschen immer noch. Mit zunehmendem Alter würden Männlichkeit und Hilfsbedürftigkeit in den Köpfen immer unvereinbarer. „Männern wird bislang kaum eine Opferidentität zugestanden“, so Kohlschmitt.

Sie fühle sich an die Zeit erinnert, als der Wendepunkt vor 25 Jahren die Arbeit aufnahm und seinerzeit auf die hohe Anzahl von sexuell missbrauchten Kindern aufmerksam machte. „Damals hielt man uns für verrückt“, sagt Kohlschmitt. Heute zweifle niemand mehr an den Zahlen. Die Expertin für Gewaltprävention geht auch bei Männern, die häusliche und sexuelle Gewalt erfahren haben, von einer hohen Dunkelziffer aus. Solange es sich um ein tabuisiertes Thema handelt, würden sich die Männer auch nicht trauen, darüber zu reden. Zudem gebe es kaum Hilfsangebote.

Die Gewalterfahrungen haben oft psychische Folgen wie Ängste, Schlafstörungen, Suchterkrankungen und führen zum Beispiel in der Partnerschaft, im sozialen Umfeld, bei der Arbeit oder in der Schule zu weiteren Problemen. In der Beratung gehe es zunächst darum, den Mann in der Krise zu stabilisieren und wieder handlungsfähig zu machen. „Wir helfen auch bei Behördengängen, zum Beispiel wenn es um Opferentschädigung geht oder auch, wenn das Opfer eine Strafanzeige stellen möchte“, sagt Kohlschmitt. Auch Menschen aus dem Umfeld des Opfers können das Beratungsangebot in Anspruch nehmen.