Pinneberg
Elmshorn/Pinneberg

Kunstblut fließt nur beim Festival in Wacken

Denise Brandt und Florian Flasbart demonstrieren auf der Wiese vor der Drostei in Pinneberg ihre Kampfkunst

Denise Brandt und Florian Flasbart demonstrieren auf der Wiese vor der Drostei in Pinneberg ihre Kampfkunst

Foto: Anne Dewitz / HA

Denise Brandt und Florian Flasbart von der Schule für mittelalterliche Schwertschaukämpfe trainieren Anfänger in Elmshorn.

Elmshorn/Pinneberg.  Sie schnürt das Lederleibchen fest, stülpt die Armschützer über und zieht die schweren Lederhandschuhe an, ehe sie zum Schwert greift. „Melior Vincat“ steht auf der Klinge, „Möge der oder eben die Bessere gewinnen“. Philippa von der Elchniederung schaut ihren Gegner grimmig an, bevor sie einen Schrei ausstößt und mit erhobenem Schwert auf ihn zustürmt. Metall trifft auf Metall. Einige Restaurantbesucher vor der Drostei schauen neugierig rüber. Ein Ausfallschritt, eine schnelle Drehung und der Gegner liegt entwaffnet im Gras. Die Amazone versetzt dem Bösewicht den letzten Stoß.

Schwertschaukampf ist in Pinneberg zu Hause

Der Kampf ist vorbei. Die angriffslustige Philippa von der Elchniederung verwandelt sich in die friedliche Denise Brandt. Die 25-Jährige reicht Florian Flasbart, der gerade noch überzeugend gestorben ist, die Hand und zieht ihn hoch. Die beiden Mittelalterfans sind Trainer der Schule für mittelalterlichen Schwertschaukampf, die ihre „Keimzelle“ in Pinneberg hat. Hier legt man großen Wert auf die Sicherheit der Zuschauer und der Kämpfer sowie auf den respektvollen Umgang mit der Geschichte.

Denise Brandt und Florian Flasbart waren schon im Kindesalter von Rittern fasziniert. Der Funke entzündete sich, als sie mit ihren Familien Mittelaltermärkte besuchten. „Mein Vater und ich haben anschließend in Pinneberg einen Grundkurs im Schwertkampf besucht“, sagt Denise Brandt, die Lehrerin im Referendariat mit Schwerpunkt Geschichte und Latein ist. Das war im Jahr 2007. Drei Jahre später gab sie selbst Kurse in der Turnhalle der Boje-C.-Steffen-Schule in Elmshorn, mit Florian Flasbart als Co-Trainer an ihrer Seite. Der bekam seinen ersten Schwertkampfkursus von den Eltern zum Geburtstag geschenkt.

Schwertschaukampf macht Geschichte begreif- und erlebbar. Die Teilnehmer lernen, ohne Tricks realistisch zu kämpfen – und überzeugend zu sterben. „Wenn auf Mittelaltermärkten ein Kind im Publikum anfängt zu weinen, weiß man, dass man überzeugend war“, sagt Florian Flasbart. Um das Kind zu beruhigen, darf der „Tote“ auch mal aus seiner Rolle fallen und ihm zuzwinkern, um zu zeigen, dass alles nur Show war. Und Kunstblut komme nur bei Auftritten in Wacken zum Einsatz, wo die Schaukämpfer immer ganz besonders gefeiert werden.

„Der Schwertschaukampf ist eine Mischung aus Tanz, Kampfkunst und Wrestling“, so der angehende Erzieher. Es gibt einfache Standards für das Schreiten, Angreifen und Verteidigen, auch für das Stürzen und Hinfallen, den Kampf auf dem Boden und das Entwaffnen. Die Abfolgen in einem Schaukampf sind allerdings spontan.

„Anfängern fällt der fließende Übergang von einem Standard in den nächsten oft am schwersten“, sagt Florian Flasbart, der selbst anfangs zu „verkopft“ an die Sache ging. Auch wenn es ihm mittlerweile leicht fällt, bleibt der 23-jährige Elmshorner bei Schaukämpfen als Techniker im Hintergrund. „Ich rücke meine Schützlinge bei den Massenschlachten ins richtige Licht.“

Gärtner, Manager, Pädagogen kämpfen

Bei Mittelaltermärkten treffen Kämpfer der unterschiedlichen Niederlassungen aufeinander. Das muss genau koordiniert werden. Auf das Timing kommt es an, damit niemand zu früh losrennt, seinen Kampfpartner im Getümmel wiederfindet und zur rechten Zeit aufhört. In zehn Minuten muss die Schlacht spätestens geschlagen sein. „Sonst wird es für die Zuschauer langweilig“, sagt Denise Brandt, die schon 80 Mann starke Truppen Schlachten schlagen ließ.

Auch wenn es spektakulär aussieht – Schwertschaukampf ist eine sichere Sportart, so die beiden. Sicherheit steht an erster Stelle. „Zuerst üben wir das Stoppen eines Schlags“, sagt Denise Brandt, die in Tangstedt im Kreis Stormarn lebt. „Falls der Partner mal unaufmerksam ist oder er von der Sonne geblendet wird.“

Zudem bietet die Ausrüstung mit Unterarmschoner und Handschuhen mit Lederplatten Schutz. Bis auf kleinere Kratzer und Blessuren habe es noch keine Verletzungen gegeben. Anfänger üben zudem erstmal mit Besenstielen mit Rohrisolierung.

Zur Ausrüstung gehört natürlich auch ein Schwert. Mitmachen darf man schon mit 14, ein echtes Schwert aber erst mit der Volljährigkeit in den Händen halten. Das sollte zum Kämpfer passen. „Wir lassen die Schwerter bei einem Schmied in Tschechien herstellen, weil er der einzige ist, bei dem die Klinge nicht bricht“, sagt Denise Brandt. Denn Brüche während eines kraftvoll ausgeführten Schlags könnten zu Verletzungen führen.

Die Klingen müssen regelmäßig gefettet werden, damit sie nicht rosten. Die Spitze ist abgerundet, die Schlagkante drei Millimeter dick. Mit 1,5 bis zwei Kilogramm ist das Schwert viel leichter, als es in vielen Filmen den Anschein erweckt.

Die Schwerter haben ihren eigenen Charakter und Namen

Denise Brandt nennt ihr Schwert auch gern den „Angeber“. Weil es das Schönste ist, ein Kämpfer, das gut in der Hand liegt. Florian Flasbart hat sein Schwert Katharsis getauft, nach der griechischen Tragödie. Inoffiziell nennt er es den „Bastard“, weil es seinen Träger immer etwas nach vorne reißt, als wolle es angreifen.

„Vermutlich soll es heroischer wirken, wenn schon das Halten des Schwertes ein Kraftakt ist“, sagt Florian Flasbart. Tatsächlich ist es viel leichter, als es aussieht. Und so verwundert es nicht, dass bei den regelmäßigen Trainings in Elmshorn 50 Prozent der Teilnehmer Frauen sind, in Pinneberg sind es ein Viertel bis ein Drittel.

Der älteste Kämpfer ist 62, die jüngste 18 Jahre alt. Die Kämpfer kommen aus allen Bevölkerungsschichten – Gärtner, Pferdewirtin, Manager, Seemänner, Vorstandsvorsitzende. Mit dem mittelalterlichen Gewand, das oft selbst geschneidert ist, verschwinden soziale Unterschiede.