Pinneberg
Artenschutz

Elmshorner kümmert sich um seltenste Tiere der Welt

Der gebürtige Elmshorner Armin Püttger-Conradt in Kenia im Ol-Pejeta-Reservat bei den letzten Nördlichen Weißen Nashörnern

Der gebürtige Elmshorner Armin Püttger-Conradt in Kenia im Ol-Pejeta-Reservat bei den letzten Nördlichen Weißen Nashörnern

Foto: Anne Dewitz / HA

Vom Nördlichen Weißen Nashorn gibt es nur noch drei Exemplare in Kenia. Armin Püttger-Conradt hat versucht, die Art zu retten.

Elmshorn.  Die drei Nördlichen Weißen Nashörner grasen seelenruhig in der Savanne des Ol-Pejeta-Reservats in Kenia am Fuße des schneebedeckten Mount Kenya. Sie leben im Scheinwerferlicht der Wachtürme, umgeben von meterhohen, unter Starkstrom stehenden Zäunen, von bewaffneten Rangern gehütet wie ein Schatz, geschützt vor Wilderern, die es auf ihre Hörner abgesehen haben. Und doch ist ihre Rettung gescheitert. Nachdem in diesem Jahr das im tschechischen Zoo Dvůr Králové lebende Nördliche Breitmaulnashorn Nabire und auch noch Nola im kalifornischen San Diego starben, sind Najin, Fatu und Sudan nun die letzten ihrer Art.

Der gebürtige Elmshorner Armin Püttger-Conradt kennt die Tiere genau. Seit Jahrzehnten versucht der Zoologe sie zu retten. Dafür reist er seit den 80er-Jahren immer wieder in die Wildnis Afrikas. „Insgesamt habe ich dort neun Jahre verbracht“, sagt er. Gerade erst ist der Gründer und Vorsitzende des „Komitees zur Rettung der letzten Nashörner e. V.“ aus Kenia zurückgekehrt. Dort streifte er sechs Wochen lang mit den letzten drei Nördlichen Weißen Nashörnern durch die Natur, dokumentierte ihr Verhalten minutiös – auch bei Nacht und machte Fotos für die Nachwelt. Die Tiere sind Menschen gewohnt, lassen sich von Püttger-Conradt sogar kraulen.

Bulle Sudan ist alt und muss bald eingeschläfert werden

„Der Bulle Sudan ist alt und klapprig geworden. Dem zwei Tonnen schweren Koloss fällt es zunehmend schwer aufzustehen. Er muss vermutlich bald eingeschläfert werden“, sagt Püttger-Conradt, der in einem Fachwerk-Bauernhaus im Wendland lebt. 43 Jahre hat Sudan auf dem Buckel, das entspreche in Menschenjahren einem 90-Jährigen. Blickt man auf sein bewegtes Leben, gleicht das schon einem Wunder. „Einst wurde er im Südsudan als eines von sechs Nördlichen Weißen Nashörnern vom tschechoslowakischen Zoodirektor Josef Vágner gegen ein AK47 eingetauscht“, sagt Püttger-Conradt. Maschinengewehre, mit denen die Rebellen nicht nur zahlreich auf Menschen, sondern wohl auch Sudans Artgenossen schossen. „Andererseits gäbe es heute wohl gar keine Nördlichen Weißen Nashörner mehr, wären sie nicht nach Dvůr Králové in den Zoo gebracht worden.“

Damals schien dieser verzweifelte Versuch zur Rettung der seltensten Großsäugetiere der Welt sogar zu fruchten. „Sudan zeugte im Zoo Nabire und Najin“, sagt der 58-Jährige. Najin wiederum gebar im Jahr 2000 Fatu. Es war die letzte von fünf Geburten zwischen 1977 und 2000 in Dvůr Králové. Versuche der Reproduktionsmedizin scheiterten. Wissenschaftler des Leipniz-Instituts in Berlin hatten den Samen der Bullen tiefgefroren. Doch es gelang nicht, Fatu Eizellen zu entnehmen.

Danach entschied ein internationales Expertenteam, vier der insgesamt sechs in Dvůr Králové lebenden Nashörner in Kenia ein Leben in Freiheit zu ermöglichen – gegen den Willen der tschechischen Regierung. „Ich musste damals die Versammlung früher verlassen und war nicht eingeweiht“, sagt Püttger-Conradt. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion verluden die Naturschützer 2009 zwei Bullen und zwei Kühe in riesige Holzkisten und flogen sie nach Afrika. Die anderen beiden Tiere waren zu alt für den Transport. „Die Aktion hat damals gigantische Kosten verursacht“, sagt der Elmshorner Biologe. Doch es fanden sich in den USA zahlungskräftige Sponsoren. „Man hatte wohl den Funken Hoffnung, sie würden sich in Freiheit doch noch paaren.“

In den 70er-Jahren wurde die Population auf 800 Tiere geschätzt – ein fataler Irrtum

Einst waren die Nördlichen Weißen Nashörner von Kongo und Uganda bis in den Tschad und den Sudan verbreitet. Doch schon in den 70er Jahren hatte sich die Population in freier Wildbahn nur mehr auf den Nationalpark Garamba in der Demokratischen Republik Kongo (einst Zaire) beschränkt. „Wissenschaftler schätzten damals ihre Zahl auf 800“, sagt Armin Püttger-Conradt. Ein großer Irrtum, wie er als 23-Jähriger zufällig herausfinden musste.

Während eines Freisemesters reiste er in einem Einbaum den Fluss Kongo entlang, um im Auftrag des Zoologischen Forschungsmuseums Frösche und Schnecken zu sammeln. Bei einem Abstecher in den Garamba-Nationalpark stieß er auf Hunderte abgeschlachteter Nashörner. „Nach meiner Zählung kam ich nur noch auf höchstens 45 Exemplare“, sagt Püttger-Conradt. Von ursprünglich 200 bis 300 Wildhütern seien nur noch einige wenige ihrer Arbeit nachgegangen, nachdem sie keinen Lohn mehr erhalten hatten. „Sie hatten keine Lust, für nichts ihr Leben zu riskieren. Zwei ließen sich dann jedoch überreden, mich zu begleiten.“

Wieder daheim informierte er die Umweltorganisation WWF und die Zoologische Gesellschaft Frankfurt. „Der WWF hat darauf nie reagiert“, sagt er. Der berühmte Naturschützer Bernhard Grzimek, damals Präsident der Zoologischen Gesellschaft, habe jedoch umgehend mit einem Antwortschreiben reagiert.

„Er kritisierte, dass ich mich nicht schon aus dem Kongo bei ihm gemeldet habe“, sagt er. Doch damals ahnte der Biologie-Student nicht, welche Dimension seine Entdeckung hatte. „Ich nahm an, die großen Umweltverbände wüssten von der dramatischen Lage der Nashörner.“ Grzimek schickte einen Forscher in den Kongo, der aus dem Flugzeug nur noch 25 Nashörner zählten konnte.

Als die Nashörner unter Schutz gestellt wurden, gab es noch 14 Tiere

Zwischen Püttger-Conradts Beobachtung und diesem Überprüfungflug lagen eineinhalb Jahre. Ein weiteres Jahr dauerte es, bis die Unesco das Nördliche Weiße Nashorn unter Schutz stellen. konnte Da hatte sich der Bestand auf bereits auf lediglich 14 Tiere reduziert.

Püttger-Conradt wollte sie nicht aufgeben. Er flog nach dem Studium an der Universität Konstanz als fertiger Biologe wieder zurück in den Kongo, lebte mit der Genehmigung der kongolesischen Regierung drei Jahre unter den Nashörnern, bis der Ausbruch des Bürgerkrieges dies unmöglich machte. Für den Kampf der Warlords um Coltan-Vorkommen findet er nur ein Wort: „Wahnsinn“. Bis 2003 war es dank der umfangreichen Rettungsaktionen gelungen, den Nashorn-Bestand auf 39 zu vermehren. Der Krieg machte dann jedoch alles zunichte, sodass das Ende für die geschützten Tiere immer näher kommt.

Heute schreibt Püttger-Conradt für Zeitschriften und Zeitungen und hält Vorträge über seine Arbeit an Schulen. Im kommenden Jahr will er kenianischen Kindern von seiner Arbeit mit den Nashörnern berichten. „Sie stehen exemplarisch für viele andere vom Aussterben bedrohte Arten“, sagt der Biologe. Er hofft, bei den Kindern so ein Bewusstsein zu schaffen, dass sie sich später einmal für ihre Tierwelt engagieren.