Pinneberg
Schenefeld

Busbetriebe brauchen dringend Fachkräfte

Jens Klose (l.) bildet beim Busverkehrsunternehmen VHH den Nachwuchs aus, so wie Aylin Kazancilar (daneben). Die 23-Jährige ist Teilzeit-Azubi

Jens Klose (l.) bildet beim Busverkehrsunternehmen VHH den Nachwuchs aus, so wie Aylin Kazancilar (daneben). Die 23-Jährige ist Teilzeit-Azubi

Foto: Katy Krause / HA

Bis zu 60 neue Fahrer pro Jahr werden beim Busverkehrsunternehmen benötigt. Die VHH setzt auf Anreize besonders auch für Frauen.

Schenefeld. „Es gibt welche, die haben es im Blut“, sagt Jens Klose. Er muss es wissen. Klose hat schließlich Hunderten das Handwerk beigebracht. Als einer von drei Fahrlehrern der Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein (VHH) absolviert er etwa 200 Kilometer pro Tag auf den Straßen von Hamburg und Umgebung. Sein Platz im Bus ist direkt neben dem des Fahrers, beziehungsweise des angehenden Fahrers. In diesem Fall hat Aylin Kazancilar dort Platz genommen. Die 23 Jahre alte Harburgerin absolviert an diesem Vormittag ihre 16. Fahrstunde. Sie gehört laut Klose zu denen, die das Busfahren einfach im Blut haben. Sie zählt in mehrfacher Hinsicht zu den Hoffnungsträgern. Nicht nur für Klose, sondern auch für die VHH, die händeringend Personal benötigt.

„Alle fürchten den Fachkräftemangel. Bei uns ist der schon lange angekommen“, berichtet Angelika Schoder. Sie ist Sprecherin des Verkehrsunternehmens, das auch Busbetriebshöfe in Schenefeld und Quickborn unterhält. Der Bedarf der VHH nach Mitarbeitern sei enorm. Laut Schoder werden in den kommenden Jahren aufgrund des demografischen Wandels sowie steigender Fahrgastzahlen 50 bis 60 neue Fahrer pro Jahr gesucht. Um diese Lücke zu schließen, gebe es viel zu wenig qualifiziertes Personal auf dem Markt. Deshalb setzt das Unternehmen jetzt verstärkt auf die eigene Ausbildung. So erhält Klose von Oktober an Unterstützung. Zwei zusätzliche Fahrschullehrer sollen helfen, die nötigen Kräfte auszubilden.

Unternehmen will Anreize für Azubis schaffen

Wiedereinsteiger, Berufsanfänger und Umschüler sind gefragt. Damit sich auch genügend für die Ausbildung entscheiden, lockt das Unternehmen mit unbefristeten Arbeitsverträgen, Weihnachts- und Urlaubsgeld, vermögenswirksamen Leistungen und einer Altersvorsorge. Zudem wirbt das Unternehmen, das 1650 Mitarbeiter zählt und pro Jahr etwa 106 Millionen Fahrgäste transportiert, mit kreativen Imagekampagnen in den Bussen.

Aylin Kazancilar, die während ihrer 45-minütigen Fahrstunde an diesem Tag gekonnt den 15 Meter langen Bus durch die Hamburger Baustellen zirkelt, ist über Freunde zum Job gekommen. Viele ihrer Bekannten steuerten Linienbusse. „Ich fand das interessant“, berichtet sie. „Ich wollte schon immer Busfahrerin werden.“ Nach der Schule war sie aber zu jung. Das Mindestalter von 21 Jahren sowie ein Pkw-Führerschein mit zweijähriger Berufspraxis sind Voraussetzung. Deshalb begann die Harburgerin eine Ausbildung zur Hauswirtschaftlerin. Das wäre nichts für sie gewesen.

Nach einem Bewerbungsgespräch und einem Arztcheck konnte sie nun im Sommer ihre Ausbildung bei der VHH beginnen. Vor ihr liegen noch mehr als 100 Theorie- und Fahrstunden. Wenn sie ihren Führerschein der Klasse D bestanden hat, wird sie zum ersten Mal im regulären Linienbusverkehr dabei sein. Allerdings sind anfangs noch erfahrene Kollegen an Bord.

Nur 14,4 Prozent der Busfahrer sind weiblich

Die 23-Jährige gehört dann noch zu einer eher seltenen Spezies bei der VHH. Denn nur 14,4 Prozent der Busfahrer sind weiblich. Noch. „Das ist deutlich zu wenig. Wir wollen das unbedingt ändern“, gibt VHH-Sprecherin Schoder die Richtung vor. Um Frauen verstärkt für den Beruf des Busfahrens zu begeistern, wurde ein Ausbildungsmodell in Teilzeit entwickelt. So soll Wiedereinsteigern und Neulingen mit Kindern die Wahl erleichtert werden.

Auch die 23-jährige Harburgerin hat die Chance genutzt. Die junge Mutter lässt sich in Teilzeit ausbilden. Im Unterschied zu denen, die Vollzeit wählen, startet sie nicht um 8 Uhr, sondern erst um 9.30 Uhr. Auch am Nachmittag hat sie 1,5 Stunden früher Schluss und so als Alleinerziehende mehr Zeit für ihre dreijährige Tochter. Dafür dauert die Qualifizierung allerdings zwei Monate länger. In der Regel umfasst die Schulung fünf Monate.

Das Ziel der VHH ist ambitioniert. Mit diesen und anderen Aktionen wollen sie den Anteil an Frauen in dem Unternehmen laut Schoder auf 50 Prozent anheben. Die Fahrstunde an diesem Tag ist da wohl schon ein Schritt in die angestrebte Richtung. Immerhin betrug der Schnitt mit zwei Frauen von sechs Fahrschülern schon 33 Prozent. Klose ist das nur recht. Seiner Erfahrung nach sind Frauen die besseren Schüler. „Männer kommen in den Bus und glauben, sie können das alles. Das muss man ihnen erst abgewöhnen“, sagt er. „Frauen haben Respekt vor dem Fahrzeug und hören viel besser zu.“