Pinneberg
Uetersen

Frohsinn setzt auf Flashmob

Liedertafeln fehlt der Nachwuchs. Während sich der Chor in Uetersen auflöst, greifen andere zu ungewöhnlichen Mitteln

Schenefeld/Uetersen. „Als in Hamburg der HSV gegründet wurde, waren wir schon zehn Jahre erstklassig“, sagt Karl Bichowski. Der Schenefelder ist seit kurzem der Vorsitzende der Liedertafel Frohsinn. Das ist der älteste Gesangsverein der Stadt, also ein Verein mit einer bis ins Jahr 1877 zurückgehenden Tradition – auf die die Mitglieder sehr stolz sind es. Es ist allerdings auch vom Alter der Mitglieder her betrachtet kein taufrischer Verein mehr. Der Altersdurchschnitt liegt bei 70 Jahren. 21 Mitglieder haben die Sänger noch in ihren Reihen. Das passt ihnen überhaupt nicht. „Wir brauchen dringend Nachwuchs“, sagt Bichowski. Doch nur, weil die Mitglieder schon etwas älter sind, bedeutet das noch lange nicht, dass sie veraltete Werbe-Ideen haben. Ganz im Gegenteil.

Die Liedertafel Frohsinn von 1877 verfügt seit kurzem über eine Facebook-Seite. Immerhin drei Personen haben den Auftritt im Internet schon mit „Gefällt mir“ markiert. Spannend wird wohl auch, wie eine für diesen Sonnabend geplante Aktion bei den Besuchern des Schenefelder Stadtzentrums ankommt. Die rüstigen Sänger planen einen Flashmob. Sprich, sie wollen auf ein verabredetes Zeichen hin, eine kurze, spontan wirkende Aktion zwischen den Besuchern starten. Mitmachen ist ausdrücklich erlaubt.

Auch bei der Uetersener Liedertafel wird seit langem gesungen, genau genommen seit 175 Jahren. Doch damit ist es bald vorbei. Am Sonntag, 29. März, gibt der Traditionschor sein Abschiedskonzert in der Stadthalle. Marianne Kratzer ist Erste Vorsitzende und seit 43 Jahren Mitglied der Liedertafel. „Die Entscheidung, dass die Liedertafel sich auflösen wird, haben wir schon Ende 2014 getroffen“, sagt sie. Doch das Jubiläum in diesem Jahr wollten die Sänger und Sängerinnen noch abwarten.

14 Mitglieder zählt der Chor zurzeit, das jüngste ist 63 Jahre alt. Der Altersdurchschnitt liegt bei mehr als 75Jahren, die meisten der Mitglieder sind seit mindestens 30 Jahren dabei. „Wir hatten schon lange Nachwuchssorgen, jetzt ist der Chor praktisch nicht mehr konzertfähig. Nicht nur wegen der Mitgliederzahl, sondern auch stimmlich. Gerade die Frauen verlieren mit dem Alter immer mehr die Kraft in der Stimme“, sagt Kratzer. Die Nachwuchssorgen sind ein bekanntes Problem bei vielen Vereinen. „Junge Leute engagieren sich lieber in Projektchören“, sagt die gebürtige Uetersenerin. „Die machen zwei oder drei Projekte im Jahr, man kann jederzeit aufhören, ohne schlechtes Gewissen.“

Schon einmal hatte die Uetersener Liedertafel mit Nachwuchssorgen zu kämpfen. Das war etwa 1966 – mehr als 120 Jahre nach der Gründung. Damals gelang es, den Chor mithilfe der Kantorei der Klosterkirche am Leben zu halten. 2014 war es nicht möglich, den Konzertbetrieb aufrechtzuerhalten.

Der Uetersener Klostersyndikus und Justizrat Friedrich Hermann Klenze gründete die Liedertafel 1840. Zur Einordnung: Im selben Jahr heiratet Königin Victoria ihren Prinz Albert, in Großbritannien wird die erste Briefmarke der Welt ausgegeben und den Komponisten Pjotre Tschaikowski wird in Russland geboren. In den Jahren des Deutsch-Französischen Krieges (1870/1871) fehlten dem Gesangsensemble, das bis dahin nur aus Männern bestanden hatte, die Sänger, sodass die Liedertafel erstmals zum gemischten Chor wurde. Erst Mitte der 1930er-Jahre fiel diese Entscheidung endgültig.

Zahlreiche Uetersener Persönlichkeiten, wie Ferdinand Lavorenz, Carl Heydorn und Ernst Ladewig Meyn leiteten den Chor, letzterer sogar mehr als 20 Jahre. Im Ersten Weltkrieg wurden die Übungsabende eingestellt, jedoch unmittelbar nach Kriegsende wieder aufgenommen. Im Jahr des 100-jährigen Bestehens kam die Chorarbeit durch den Zweiten Weltkrieg erneut zum Erliegen, erst 1945 wurde die Liedertafel wiederbelebt.

In den Folgejahren wurden ein Kinderchor gegründet, eine Offene Singstunde eingeführt, viele Ausflüge unternommen und natürlich gesungen. Vieles hat sich seitdem verändert. „Wir singen immer noch deutsche Volkslieder, aber mittlerweile auch deutsche Schlager aus den 1920er- und 1930er-Jahren“, sagt Marianne Kratzer. „So wird auch das Abschiedskonzert klingen.“

Geprobt wird bis dahin weiterhin einmal in der Woche im Kantoreisaal der Klosterkirche. „Wir singen uns kurz ein und dann gehen wir das Programm durch“, sagt Kratzer. Ein aufwendiges Stimmentraining hat keines der Mitglieder absolviert, alle sind reine Laiensänger. „Uns ging es immer vor allem um die Gemeinschaft“, sagt Kratzer, die seit den 1970er-Jahren im Vorstand der Liedertafel tätig ist, vor 25 Jahren den Vorsitz übernahm und zudem den Appener Feuerwehrchor leitet.

Dass die Liedertafel nun vor der Auflösung stehe, sei sehr traurig, sagt sie. „Das tut richtig weh. Die Liedertafel begleitet mich schon mehr als zwei Drittel meines Lebens. Es ist, als würde ich einen Teil meiner Familie aufgeben“, sagt die 67-Jährige. Über die Jahre seien innerhalb des Chors Freundschaften entstanden, der Kontakt solle auch weiterhin bestehen bleiben.

Marianne Kratzer kann und will das Singen aber noch nicht sein lassen. Außer im Appener Feuerwehrchor singt Kratzer weiterhin im Interkulturellen Frauenchor Uetersen. Wenn es die Uetersener Liedertafel nicht mehr gibt, will sie zum Heidgrabener Chor wechseln. Doch zuvor gibt es noch einiges zu erledigen. Die Vereinsfinanzen müssen geregelt werden, das übriggebliebene Geld soll an die Kinderchöre der Klosterkirche gehen. „Außerdem hat sich über die vielen Jahre ein beachtlicher Stapel an Noten und Gesangsbüchern angesammelt“, sagt Kratzer. Diese wolle sie nicht wegwerfen, sondern verschenken. Wer Interesse habe, könne sich bei ihr melden.

Für das Abschiedskonzert der Liedertafel wünsche sie sich vor allem viele Besucher, sagt Marianne Kratzer. „Wir wollen einfach noch einmal gemeinsam singen und nicht so viele schlaue Reden hören.“ Das Konzert in der Kleinen Stadthalle, Berliner Straße in Uetersen, beginnt am 29. März um 15 Uhr, der Eintritt ist frei. Neun Stücke hat der Chor, der den zweitältesten Verein der Rosenstadt bildet, für sein Abschiedskonzert einstudiert.