Portrait

Clown Mücke: 25 Jahre lang Spaß ohne Ende

| Lesedauer: 7 Minuten
Fabian Schindler

Jens Ewald tourt seit einem Vierteljahrhundert als „Clown Mücke“ durch Schleswig-Holstein. Das Leben als Spaßmacher ist aber nicht immer nur lustig, weiß Ewald aus Erfahrung zu berichten. Ein Portrait.

Uetersen. Jerry Lewis soll ein spaßbefreiter Mensch gewesen sein. Und auch Stan Laurel soll privat gar nicht komisch gewesen sein, so wie alle Komiker und Clowns. Das zumindest wird immer wieder angeführt, wenn es um die Frage geht, ob Komiker Humor besitzen oder nicht. „Das sind alles nur Klischees“, sagt Jens Ewald. Der Mann, der über zwei Gesichter verfügt, sitzt auf seiner Couch, die Stirn ist in verärgerte Falten gezogen. Er winkt ab. Alles Quatsch, Unsinn und unwahr. „Komiker und Clowns haben sehr wohl einen Sinn für Humor, auch abseits der Bühne“, sagt er.

Ewald muss es wissen: Der Uetersener verdient seit 25 Jahren seinen Lebensunterhalt als Clown Mücke. Und lachen gehört bei ihm auch privat zum Leben dazu. „Das Leben des Brian ist nach wie vor einer meiner Lieblingsfilme“, sagt er. Der harsche britische Humor der Monty Python-Truppe gefalle ihm und auch wenn er so manche Witze von modernen Comedians wie Dieter Nuhr oder Mario Barth hört, muss er herzlich lachen. „Ein Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag“, sagt er. Und darum ist es auch ihm ein Anliegen, Menschen regelmäßig zum Lachen zu bringen. Dies aber nicht nur, um das Zwerchfell zu strapazieren. Nein, der Humor erfülle eine wichtige soziale und psychologische Funktion.

Humor und kleine Späße könnten dafür sorgen, dass Menschen ihre Ängste überwinden, dass sie mehr Selbstvertrauen gewinnen. Zugleich kann mit vielen der Aktionen, die er als Clown macht, das Sozialleben von Menschen positiv beeinflussen. Gegenseitiges Vertrauen fördern, Rücksichtnahme und Respekt, das alles sei Teil seines Programms. Gerade bei Kindern könne mit einer Art Humortherapie viel erreicht werden und auch älteren Menschen erleichtere er es, den zuweilen trüben und zunehmend anonymisierten Alltag für einen Moment zu vergessen, sagt der ausgebildete Zirkuspädagoge. Ausgebildet? Ja, sagt der 52-Jährige. Er sei sogar ein „höchstzertifizierter Zirkuspädagoge“. Er selbst bezeichnet seinen Beruf als eine Art Ergotherapie mit Spaß und Freude. Der Beruf stelle hohe Anforderungen an jene, die das Fach ausüben wollen. Das sei vielen Menschen aber nicht bekannt.

Für die Zirkuspädagogik ist neben artistischem Können unter anderem eine Ausbildung als Erzieher, Sozialpädagoge, Lehrer, Sportlehrer oder Sportpädagoge erforderlich. Alles ist bürokratisch geregelt und festgelegt. Überhaupt, die Bürokratie und das Clownsgewerbe, das gehört unweigerlich und fest zusammen. Und das findet Berufs-Clown Ewald gar nicht lustig. „Es gibt so unglaublich viel Papierkram den ich erledigen muss. Das stört mich“, sagt er.

Rund 60 Prozent seiner Arbeitszeit verbringt er mit dem Ausfüllen von Anträgen, dem Erstellen von Lehrkonzepten, mit Rechnungen stellen, Korrespondenzen mit dem Finanzamt und was sonst noch alles zum Leben eines Freiberuflers dazugehört. Auch wenn es arbeitsintensiv ist – den Spaß am Clown-sein hat ihm die Bürokratie nicht austreiben können.

Angefangen hatte alles 1989. Einige Mitarbeiter des Kreisjugendring in Pinneberg hatten die Idee, eine Gauklertruppe zu gründen. Kurz darauf, in den Sommerferien brachte die Gruppe bereits Kindern das Jonglieren und auch Akrobatik bei. „Der Erfolg war für uns überwältigend, die Kinder waren vollauf begeistert“, sagt der Uetersener. Und so dauerte es nicht lange, bis sich Jens Ewald als Clown und Zirkuspädagoge selbstständig gemacht hatte. „Bereut habe ich den Schritt nie, auch wenn es nicht immer einfach gewesen ist, seine Leben als Clown und Zirkuspädagoge zu bestreiten“, sagt er.

Das habe vor allem mit einer fehlenden Wertschätzung seines Berufes zu tun. Für viele Menschen sei er „halt einfach nur ein Clown“, wie er sagt. Was er alles bei seiner Arbeit für die Gesellschaft mache, dass er der Gesellschaft den Spiegel vorhalte, Fehlentwicklungen aufzeige und Menschen so zum Nach- und Umdenken bewege, werde nur selten reflektiert. Nicht selten habe es Anfragen gegeben, ob er nicht eine Zirkus-AG an einer Schule in Schleswig-Holstein betreuen wolle. Grundsätzlich hat er nichts dagegen. Wenn ihm dann aber ein Stundenlohn von acht oder zehn Euro angeboten wird, dann ist der Clown beleidigt. „Es gibt immerhin ein paar Städte, die wissen, was sie an mir haben, die mich sehr gut behandeln“, sagt er. Die Stadt Tornesch und insbesondere die Stadt Pinneberg unterstützten seine Arbeit ausgiebig. Die wüssten was sie an ihm hätten. Daher gebe er dort auch gerne viel zurück, sagt der 52-jährige.

Kinder sind für den Berufsclown ein dankbares Publikum. Trotz der vielen Reize der modernen Gesellschaft, des Fernsehens, Videospielkonsolen und Smartphones, seien Kinder bis zur sechsten Klasse nach wie vor begeistert, wenn sie mit Clown Mücke Späße üben können oder Einradfahren und jonglieren lernen. „98 Prozent der Kinder lernen etwas, verbessern unter anderem ihre Feinmotorik, ihr Gleichgewichtsgefühl. Die Koordinationsübungen helfen den Kindern auch in der Mathematik. Wer auf einer Kugel laufen kann, kann auch Mathe“, sagt Ewald. Das sei inzwischen bewiesen. Und die Kinder seien auch immer stolz auf das Erreichte. In den Workshops die er anbietet, präsentieren die Kinder auch, was sie gelernt haben. Das Erstellen einer kompletten Abschluss-Show mit Späßen, Tricks und Akrobatik ist Teil des didaktischen Konzeptes des Zirkusclowns.

Wichtig sei seine Arbeit auch, um den Kindern ihre Kindheit zu erhalten. „Kinder wollen Spaß haben, aber viele haben keinen mehr“, sagt Ewald. Das liege am Erwartungsdruck der Gesellschaft und am Schulsystem. Von Kleinauf würden Kinder in einen Wettbewerb gedrängt, immer mehr müsse in immer kürzerer Zeit gelernt werden. „Der Leistungsdruck von Seiten der Schule und der Familien ist enorm“, sagt er. Die Kinder seien lange in die Ganztagsschulen eingebunden, dort würden aber selbst die Spaßfächer Kunst, Musik, Sport und auch Religion immer mehr ins Abseits gedrängt.

Und wie lange will Ewald noch als Clown durch Schleswig-Holstein touren? „Da haben ich keinen Zeitplan“, sagt er. Er gebe sich nach jedem Auftritt selbst Noten, wie in der Schule. Ewald: „Wenn ich mir fünf oder sechsmal hintereinander eine fünf oder sechs als Note gebe, dann höre ich auf“. Bis dahin, sagt er grinsend, sei es aber noch lange hin.

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