Pinneberg
Wedel

Hohe Belastung für Modellschule

Die kreisweit einzige Ganztags-Grundschule in Wedel ist gefragt wie nie, kämpft aber mit schwierigen Bedingungen

Wedel. Die Chefin der Albert-Schweitzer-Schule, Mechthild Akgün, hätte allen Grund zum Feiern. Im Sommer verlässt der erste Jahrgang, der die kompletten vier Jahre an der Modellschule des Landes verbrachte, die Wedeler Grundschule. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Denn die Zahl der Schüler, die jetzt Gymnasien besuchen, ist laut Akgün im Verhältnis zu anderen Schulen hoch. „Die Statistik zeigt, dass wir erfolgreich arbeiten“, sagt die Schulleiterin. Auch der Zuspruch wächst. Für das kommende Schuljahr haben sich 128 Erstklässler angesagt. Dann besuchen 450 Schüler die Einrichtung, so viele wie seit zehn Jahren nicht mehr – trotz Geburtenrückgang.

Die Albert-Schweitzer-Schule ist eine von nur vier Grundschulen in Schleswig-Holstein, die verlässlichen Unterricht bis 16 Uhr anbietet. Nur eine Schule im Land macht es noch so wie Wedel und setzt dabei auch auf den Wechsel zwischen Unterrichts- und Freizeiteinheiten. Das kommt nicht nur bei Eltern, sondern auch bei den Kindern gut an, die hier ihren Bewegungsdrang ausleben können. Akgün steht ganz hinter dem Konzept ihrer Schule, deren Leitung die 54-Jährige vor einem Jahr ganz bewusst und trotz aller Schwierigkeiten übernahm.

Gute Ergebnisse, ein Konzept, das offenbar aufgeht, und ein wachsendes Interesse an ihrer Schule – trotz alldem ist Akgün so gar nicht nach Feiern zumute. Denn die Schule hat mit schwierigen Rahmenbedingungen zu kämpfen, was auch der Schulrat des Kreises bestätigt. Dirk Janssen dazu: „Die Belastung der Schule ist im Vergleich zu anderen Grundschulen der Region und des gesamten Kreises sehr hoch.“ Kranke Lehrer, viele förderbedürftige Kinder, ein Raumproblem wegen der gestiegenen Schülerzahlen, ein Migrantenanteil von 46 Prozent und auch wegen der hohen Flüchtlingszahlen derzeit 18 Schüler, die teilweise traumatisiert sind und kein Deutsch sprechen: Das sind nur einige der Probleme.

Die Lage an der Albert-Schweitzer-Schule verschärft sich durch das spezielle Konzept. Denn gerade der verlässliche Ganztagsunterricht, der berufstätigen Eltern so entgegenkommt, fordert den Lehrern und der Schulleiterin viel ab. „Wir dürfen keine Unterrichtsstunde ausfallen lassen, und so vertreten Lehrer Erkrankte, bis sie selbst ausgelaugt sind und krank werden“, sagt Akgün. Für die Modellschule gibt es kein zusätzliches Personal. Notfalls werden Klassen zusammengelegt. Einen landesweiten Pool an Pädagogen, die bei Langzeiterkrankung oder Elternzeit schnell einspringen können, gibt es nicht.

Da nützt der Albert-Schweitzer-Schule auch der Sonderstatus als Modellprojekt nichts. Ganz im Gegenteil. Die gebundene Ganztagsgrundschule hat höhere Standards zu erfüllen, bekommt aber über eine zusätzliche Koordinationsstelle hinaus keine weitere Unterstützung. „Wir befinden uns in einer schwierigen Situation. Es fehlt an nötigten Ressourcen“, zieht Akgün kritisch Bilanz. Derzeit sind zwei von insgesamt 42 Lehrkräften langzeiterkrankt. Die Fluktuation ist hoch. „Viele sind die Arbeitsweise an einer Ganztagsschule im Grundschulbereich einfach nicht gewöhnt“, so Akgün. Junge Kollegen wandern gen Hamburg ab, wo sie besser verdienen als in Schleswig-Holstein. Derzeit haben drei Kollegen der Albert-Schweitzer-Schule nur einen befristeten Vertrag. Dennoch harren einige seit eineinhalb Jahren aus, obwohl sie in Hamburg sofort verbeamtet würden. „Das kann man diesen Kolleginnen gar nicht hoch genug anrechnen“, sagt Akgün.

Unterstützung gibt es für die Schule jetzt aus Wedel. Die Politiker erhörten einen Appell der Schulleitung und stimmten trotz des auferlegten und nötigen Sparzwangs zu, mit der Anschaffung von Containern das Platzproblem an der Albert-Schweitzer-Schule zu lösen. Zusätzlich gab es grünes Licht für weiteres Personal beziehungsweise weitere Wochenstunden im Freizeitbereich, wofür die Stadt Wedel freiwillig die Kosten trägt. Kostenpunkt der finanziellen Nothilfe: 116.000 Euro pro Jahr, plus einmalig 40.000 Euro für die nötige Ausstattung der Container.

„Wir wollen die Generation von morgen ausbilden und nicht verwahren“, sagt Akgün dazu. „Wir müssen die Bedingungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft schaffen. Es wäre schade, das kaputtzusparen.“