Pinneberg
Hamburg

Er macht der alten „Elbe“ richtig Dampf

Martin Beckmann ist PR-Manager und lebt in Seeth-Ekholt. In seiner Freizeit schuftet als als Maschinist und Heizer auf einem historischen Eisbrecher

Seeth-Ekholt/Hamburg. Die Klingel des Maschinentelegrafen rasselt dermaßen laut, dass wohl auch der abgeschlaffteste Seemann aus dem Schlaf gerissen werden würde. Doch Martin Beckmann ist trotz der Affenhitze im Maschinenraum hellwach: Der Zeiger auf der Telegrafen-Skala deutet auf „Ganz langsam voraus“. Beckmann greift mit der linken Hand zum Regler, der Dampfkraft auf die Kurbelwelle lenkt, während er mit der rechten Hand am Maschinentelegrafen das Kommando von der Brücke bestätigt. Normalerweise würde sich der Dampfer jetzt gemächlich vorwärts in Bewegung setzen. Doch der Ofen ist aus. Und außerdem liegt das Fahrgastschiff „Elbe” im Hafenmuseum Hamburg am Kai von Schuppen 51 fest vertäut. Immerhin reicht die Restwärme von der jüngsten Charterfahrt noch aus, dass Maschinist Beckmann das Kurbelgestänge der betagten Dampfmaschine langsam touren lassen kann.

Beruflich hat Martin Beckmann mit Wasserfahrzeugen absolut nichts zu tun. Als Pressesprecher der Verkehrsbetriebe Hamburg Holstein (VHH) kümmert er sich um die Öffentlichkeitsarbeit des zweitgrößten Busverkehrsunternehmens in der Metropolregion Hamburg. Seit der Fusion im vergangenen Jahr ist auch die Pinneberger Verkehrs-Gesellschaft (PVG) komplett in das Unternehmens integriert. Damit gehören fast 600 Busse zum Fuhrpark. Im Schenefelder Stützpunkt der VHH hat Beckmann sein Büro.

Doch immer, wenn es die Freizeit zulässt, lockt es den PR-Manager aus Seeth-Ekholt auf die Elbe. Und das im doppelten Sinne: Denn die Rede ist dann nicht nur vom größten Fluss Norddeutschlands, sondern eben auch von jenem Schiff gleichen Namens: Beckmann geht dann als Maschinist an Bord des einzigen noch erhaltenen und fahrtüchtigen dampfbetriebenen Flusseisbrechers in Europa.

Seit sechs Jahren gehört er zum Team der Besatzung, die ehrenamtlich tätig ist und dafür sorgt, dass der zum Fahrgastschiff umgerüstete Eisbrecher von April bis Ende Oktober mit bis zu 150 Passagieren an Bord unterwegs sein kann. Damit der 1911 gebaute kohlebefeuerte Dampfer auf Tour gehen kann, sind neben Kapitänin Sibylle Adrian ein Heizer, ein Maschinist, ein bis zwei Decksleute und bei Bedarf Servicepersonal für die Gastronomie erforderlich.

Beckmann ist fasziniert von der altertümlichen Technik des Dampfers: „Hier ist die Kraft noch direkt erlebbar. Das bietet keine andere Maschine in dieser Form.” Außerdem sind Maschinist und Heizer im wahrsten Sinne des Wortes die treibenden Kräfte an Bord. Denn von der Brücke aus hat die Schiffsführerin keinen direkten Zugriff auf den Antrieb. „Wenn wir die Meldungen des Maschinentelegrafen nicht umsetzen, passiert gar nichts”, sagt Beckmann schmunzelnd. Doch Sybille Adrian, die Frau am Ruder aus dem Landkreis Stade mit dem doppelten Schiffsführerpatent für Binnenschifffahrt und Fahrgastbeförderung, kann sich auf ihre Crew verlassen: „Das ist Teamarbeit hier. Aber es ist auch allen klar, dass ich das Kommando habe.” Vor allem bei An- und Ablegemanövern sowie auf Fahrten mit dichtem Schiffsverkehr gilt es, die Anweisungen von der Brücke in Sekundenschnelle umzusetzen. Zur Not gibt es noch eine mechanische Rufverbindung über eine Sprachrohrleitung. Sybille Adrian ist übrigens auch auf dem historischen Alsterdampfer „St. Georg” im Einsatz.

Martin Beckmann ist Mitglied und war früher auch Vorsitzender des Fördervereins für den Dampfeisbrecher, der Schiffseigner Mathias Kruse unterstützt. Gemeinsam wurde das vor 103 Jahren auf der Brandenburger Werft Gebrüder Wiemann auf Kiel gelegte Schiff wieder nach Hause geholt. Der Dampfer war bis 1976 noch als Eisbrecher betriebsklar, landetet dann im Technikmuseum Berlin und wurde später im Tausch nach Holland abgegeben. Von dort kehrte das ziemlich verwahrloste Schiff mithilfe des jetzigen Eigners in sein altes Revier auf die Elbe zurück, wurde aufwendig restauriert und zum historischen Fahrgastschiff hergerichtet.

Wenn Beckmann nicht die blitzsaubere Maschine hegt, pflegt und bedient, ist er auch ab und zu als Heizer unterwegs. So hat er auch angefangen und sich dann im praktischen Betrieb sowie aus alten Handbüchern die erforderlichen Kenntnisse als ehrenamtlicher Maschinist angeeignet.

Wenn die „Elbe” auf Tour geht, ist vor allem der Heizer gefordert. Stündlich werden 250 Kilogramm Kohle verfeuert, die per Schaufel in den Brennraum geschippt werden müssen. „Ein schönes Krafttraining”, sagt Beckmann grinsend. Allein eineinhalb Tage dauert es, die Maschine mit dem 8500 Liter Wasser fassenden Tank anzuheizen.

Die Dampfmaschine leistet 280 Pferdestärken, das langt für eine Reisefahrt von neun bis elf Knoten, etwa 17 bis 20 Kilometer pro Stunde. Recycling war zwar damals noch ein weithin unbekanntes Wort, doch ein ähnliches Verfahren kommt in der Maschine zum Einsatz. Wiederverwertet wird der Dampf – er kondensiert und wird als Wasser wieder dem Tank zugeführt.

Ehrensache ist es für die Besatzung der „Elbe”, ihr Prachtstück bei allen traditionellen Festen an Hamburgs Wasserkante mitlaufen zu lassen. Außerdem gibt es auch Törns in Richtung Oberelbe. Dort ist dann Lauenburg der Stützpunkt für weitere Fahrten. Sogar durch den schmalen Elbe-Lübeck-Kanal fährt das Schiff, über Mölln bis in die Hansestadt. Beliebt bei den Fahrgästen ist auch die Umrundung von Hamburgs größter Elbinsel Wilhelmsburg. Mehr über die Touren und das Schiff ist im Internet unter www.dampfeisbrecher.de zu erfahren. Sponsoren und neue Mitglieder sind immer willkommen.