Kreis Pinneberg

Die Zahl der Klagen von Patienten über Ärzte steigt

Ombudsmann Reinhart Pawelitzki hilft Betroffenen im Kreis Pinneberg. Landesweit 1525 Beschwerden in diesem Jahr – eine Steigerung von acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr

Kreis Pinneberg. Immer mehr Menschen haben Probleme mit ihrem Arzt, der Krankenkasse, ambulantem Pflegedienst, dem behandelnden Krankenhaus oder einer Apotheke. Das geht aus dem neuesten Bericht der Ombudsstelle für Patienten hervor, die 1996 für Patienten, Pflegebedürftige und deren Angehörige geschaffen wurde. Demnach ist die Zahl der Beschwerden im Vergleich zum Vorjahr um weitere acht Prozent auf 1525 Fälle angewachsen. Innerhalb von zehn Jahren hat sich diese Zahl damit um mehr als 50 Prozent erhöht, so Reinhart Pawelitzki.

Häufig sind Missverständnisse der Anlass für die Beschwerden

Der 65-jährige Pawelitzki ist einer von fünf Ombudsleuten für Patienten in Schleswig-Holstein. Er ist zuständig für die Bürger in den Landkreisen Pinneberg, Steinburg und Dithmarschen sowie der Stadt Neumünster. Wie alle seine Ombudskollegen ist Pawelitzki Pastor im Ruhestand. „Als erfahrener Seelsorger fällt es mir leicht, den Menschen und ihren Anliegen zuzuhören.“ Zudem habe er jahrzehntelange Berufserfahrung, was die Schweigepflicht über die ihm anvertrauten Sorgen der Patienten und ihrer Angehörigen angeht.

In seltenen Fällen müsse er sich um schwerwiegende Behandlungsfehler kümmern, berichtet Pawelitzki. „Oft sind es nur Missverständnisse zwischen dem Arzt und seinem Patienten.“ Jede sechste Anfrage sei ein Kommunikationsproblem. Dem Mediziner fehle offenbar die Zeit, seine Therapie dem Patienten ausführlich zu erklären, sagt Pawelitzki. „Ich wünschte mir auch, dass die Ärzte pädagogisch besser ausgebildet wären.“ Vielen Medizinern falle es offenbar schwer, die Diagnose und ihre Strategie ihrem Klienten so zu erläutern, dass dieser sie auch versteht. Andererseits lasse das moderne Gesundheitssystem den Ärzten kaum eine andere Wahl.

Viele Patienten trauten sich nicht, dem Arzt die Fragen zu stellen, die sie hinterher dem Patienten-Ombudsmann klagen. Da wissen sie dann nicht, warum sie dieses oder jenes Medikament einnehmen oder ein anderes nicht bekommen sollen und wie lange die Therapie anhält. Und sie erschrecken über die vielen Nebenwirkungen, die sie in den Internet-Foren darüber staunend gelesen hätten und die oftmals eine wahre Horrorshow für sie darstellten, berichtet Ombudsmann Pawelitzki. „Da kommt vielleicht noch das hohe Ansehen der Ärzte als Halbgötter in Weiß durch.“

Gleichwohl sei aber die Hürde gefallen, die die Bürger davon abhalte zu intervenieren. „Viele, die mich anrufen und um Rat bitten, drohen gleich mit einer Klage.“ Gegen den Mediziner, die Krankenkasse, das Pflegeheim. „Ich frage sie dann, ob sie versucht hätten, dies mit dem betreffenden Arzt oder der Krankenkasse zu klären, was sie meistens verneinen.“ Statt sich also an den zuständigen Menschen zu wenden, der sie oder ihre Angehörigen falsch behandelt hat, drohen sie lieber bei einem Außenstehenden mit einem Gerichtsverfahren und fordern Schadensersatz. „Dabei ahnen sie nicht, wie lange so ein Verfahren dauert und was es kostet.“

Dabei könne er die meisten Probleme schon am Telefon klären, berichtet Ombudsmann Pawelitzki. „Diese Gespräche sind oft sehr emotional. Die Patienten, die sich missverstanden oder nicht ernst genommen fühlen, reagieren ausgesprochen aggressiv.“ Fingerspitzengefühl und Verständnis für jedes Problem helfen ihm bei dieser Arbeit.

Pawelitzki ist über seine Hotline (04641/98 73 69) zu erreichen. Falls er nicht direkt ans Telefon kann, sollte der Patient auf dem Anrufbeantworter um einen Rückruf bitten. Als Ombudsmann ist er ehrenamtlich tätig, bekomm nur seinen Aufwand entschädigt. Dabei sei diese Aufgabe viel umfangreicher als er anfangs gedacht hatte. „Bis zu zehn Stunden in der Woche kommen da locker zusammen“, erklärt er. So sei es ja nicht allein mit dem Gespräch mit dem betroffenen Patienten getan.

Frühere Ministerpräsidentin Simonis ist Vorsitzende des Ombudsleute-Vereins

Über jeden Fall müsse er einen schriftlichen Vermerk anlegen, sich im Heim, bei der Krankenkasse oder dem Arzt erkundigen oder diese zur Rede stellen. Auch weitere Hilfsorganisationen oder die Ärztekammer könnten zur Klärung des Falles beitragen. „Uns steht dazu ein regelrechtes Netzwerk an Organisationen und Ansprechpartnern zur Verfügung.“ Regelmäßige Treffen aller fünf Ombudsleute könnten zudem so manche Problemlage eines Ratsuchenden im gegenseitigen Gespräch auflösen helfen.

Vorsitzende des Vereins der Ombudsleute ist die frühere Ministerpräsidentin Heide Simonis. Sie rät den Patienten: „Wir beraten Sie kostenfrei und unabhängig, vertreten vertrauensvoll Ihre Anliegen und unterstützen Sie auf dem Weg zur Konfliktlösung.“ Bundesweit würden 17.000 Menschen wegen medizinischer Behandlungsfehler sterben, Hunderttausende zu Opfern von Fehlern in Klinik und Praxis werden. „Da ist es erfreulich, dass die Rechte von Patienten nunmehr festgeschrieben worden sind. Dies trägt sicherlich dazu bei, dass Ihr Selbstbestimmungsrecht gegenüber Ärzten und Krankenkassen gestärkt wird.“

Hilfe und Schlichtung erhalten Patienten und Pflegebedürftige auch unter diesen kostenpflichtigen Telefonnummern: (14 Cent pro Minute): 01805/23 53 83 und 01805/23 53 84.