Tornesch

Netzwerken am Gewehr

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Fabian Schindler

Beim Kameradschaftsschießen der Polizei treffen sich Sicherheitskräfte, Justiz und Politik. Der Informationsaustausch steht dabei im Vordergrund

Tornesch. Gerd Blattschus schaut prüfend auf den Mann neben ihm. Dessen Finger gleitet ganz langsam zum Abzug. Das eine Auge ist zugekniffen, der Blick des anderen Auges schweift über Kimme und Korn. Ein Knall, ein prüfender Blick von beiden. Voll ins Schwarze. „Na geht doch“, sagt Gerd Blattschus, klopft dem Mann anerkennend auf die Schulter. Alles läuft wie am Schnürchen.

Für gewöhnlich kümmert sich Blattschus um seine Kollegen vom Tornescher Schützenverein im Vereinsheim an der Schützenstraße. Er achtet darauf, dass diese genügend Munition haben, dass die Kleinkaliber-Waffen einsatzbereit sind, dass Sicherheitsaspekte eingehalten werden. Aber heute ist alles anders. Denn nicht die Schützenkollegen sind an diesem Tag am Schießstand, sondern unzählige Polizisten, Feuerwehrleute, Soldaten, Richter, Kommunalpolitiker, Amtsvorsteher, Verwaltungsangestellte, Polizeipensionäre, Ärzte, Medienvertreter und Staatsanwälte. Es ist Kameradschaftsschießen der Polizei. Und das zum inzwischen 40. Mal.

„Es ist eine schöne Tradition, die wir hier haben“, sagt Thorsten Schmidt, Erster Polizeihauptkommissar und Revierleiter in Wedel. Er sitzt entspannt am Tisch, lächelt. Die Stimmung ist gut, denn rekordverdächtige 150 Männer und Frauen haben sich in diesem Jahr angemeldet. Das Vereinsheim in Tornesch, es ist zum Bersten voll, überall wird geplaudert. Und das freut Schmidt.

Auch wenn es das Schießen schon seit Jahrzehnten gibt, für Schmidt ist es das erste Mal, dass er die Veranstaltung organisiert. Und es wird nicht das letzte Mal gewesen sein. Denn das Kameradschaftsschießen ist mehr als nur ein Wettkampf um Pokale. „Genau genommen ist hier das Schießen nur von zweitrangiger Bedeutung. Das ist für alle ein kleiner Spaß am Rande“, sagt Schmidt. Viel wichtiger sei, dass sich Polizei, Feuerwehr, Justiz und Politik vernetzen und austauschen könnten. Netzwerken auf dem Lande – für Sicherheitskräfte sei es genauso wichtig wie für Unternehmer und Handwerker.

Das sagt auch Manfred Gerlach. Heute ist er Pensionär. Früher war er Schmidts Vorgänger im Wedeler Polizeirevier. Seit vielen Jahren ist er beim Kameradschaftsschießen dabei, weil es ihm, wie er sagt, viele nützliche Informationen für die tägliche Arbeit beschert habe. „Und auch für uns, die wir aus dem aktiven Dienst raus sind, ist dieses Treffen enorm wichtig. Es ist für ehemalige Gesetzeshüter die einzige Möglichkeit, an Informationen zu kommen“, sagt Gerlach. Das Land habe die Informationsflüsse mit dem Ausscheiden aus dem Dienst komplett gekappt.

„Die tun beim Land von einem Tag auf den anderen so, als wenn wir nie existiert hätten“, erzählt Gerlach. Das schmerze. Denn Polizist sei man nun mal mit Leib und Seele, und es interessiere einen Ex-Polizisten halt, wie es der Polizei geht, was die ehemaligen Kollegen machen, welche Probleme sie vielleicht haben und wie sich die Zusammenarbeit mit anderen Einsatzkräften, Justiz und Politik gestaltet.

„Wir müssen uns nichts vormachen“, sagt Schmidt, „die Rahmenbedingungen für die Arbeit der Polizei, sie werden schlechter“. Die Belastungen im Dienst würden steigen, auch weil in Zeiten leerer Haushaltskassen immer mehr Personal abgebaut werde. Daher sei es enorm wichtig, die wenigen noch zur Verfügung stehenden Ressourcen und die Erfahrungen der Kollegen sinnvoll einzusetzen. „Das bedeutet, dass die Polizisten untereinander, aber auch alle anderen den Kontakt untereinander ausbauen müssen“, sagt Schmidt.

Das gehe aber nicht, wenn sich alle nur per E-Mail, Briefverkehr oder Telefon kennen. „Es ist halt ein Riesenunterschied für den Erfolg unserer Arbeit, ob man sich nur vom Telefon kennt oder sich in die Augen schaut und richtig kennenlernt“, sagt Schmidt. Nur der direkte Kontakt ermögliche es, den Charakter der Menschen zu spüren und gewisse Schranken zu überwinden.

Gerlach bestätigt das. Die Treffen ermöglichten es, abseits vom offiziellen Dienstweg auch unbürokratisch auf gewisse Missstände hinzuweisen. Wenn die Polizei etwa spüre, dass in gewissen Stadtvierteln zu wenig Angebote für Jugendliche da sind und dies zu einem Sicherheitsproblem führen könnte, dann werde das schon mal mit Politikern und Verwaltungsvertretern besprochen, noch bevor es in den Kriminalpräventionsräten auf den Tisch kommt. Denn dort würden viele Dinge erst dann besprochen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen sei. Auch die Folgen der Sparpolitik bei der Polizei, könnten übergreifend besprochen werden und zugleich eine Einschätzung der Lage etwa von Seiten der Justiz gewonnen werden. Das helfe, die eigene Situation besser und objektiver einzuschätzen.

Die Behörden sind ihrerseits Nutznießer des Informationsaustausches, erfahren, welche Leistungen realistisch zu erwarten sind und wo Polizei, Feuerwehr und Bundespolizei inzwischen an ihre Grenzen stoßen.

Und welchen Nutzen hat die Bundeswehr von den jährlichen Treffen? „Das war vor allem früher für die wichtig, als hier noch viel mehr Soldaten waren“, sagt Gerlach. Damals, als noch Hunderte Rekruten nach Dienstschluss mit ihren Autos viel zu schnell durch den Kreis Pinneberg rasten und sich regelmäßig um Bäume wickelten, war der Kontakt zwischen Polizei, Ärzten, Feuerwehr und Armee besonders wichtig.

„Wir haben Aufklärungsarbeit bei der Bundeswehr geleistet, denn die Rekruten haben die Sicherheitslage auf den Straßen im Kreis Pinneberg ständig falsch eingeschätzt“, erinnert sich der ehemalige Revierleiter. „Wir hatten fast jedes Wochenende einen toten Rekruten zu beklagen, der sein Auto in den Graben oder an einen Baum gesetzt hatte. Das war eine tragische Zeit. Wir haben versucht, das zu ändern und daher das Gespräch gesucht“, sagt Gerlach. Die Rekruten gibt es heute kaum noch, auch deren tödliche Unfälle sind passé. Dennoch bleibe man im Kontakt. „Warum auch nicht?“, meint Gerlach. Das jährliche Treffen unter Freunden, es sei halt eine schöne Tradition.

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