Wo Pinnebergs Lilienthal das Fliegen erlernte

Das Pinneberg Museum stellt August Nesemann vor. Bernd Heitmann entdeckte die Geschichte den lokalen Flugpioniers

Wie gut, dass Bernd Heitmann, 64, gern mit seinen Nachbarn plauscht. Sonst hätten vermutlich weder der Meister der Landmaschinentechnik aus Borstel-Hohenraden, noch die interessierte Öffentlichkeit je etwas über den Pinneberger Flugpionier August Nesemann erfahren. Dabei lohnt sich ein Blick auf dessen Biografie und seine waghalsigen Experimente zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf dem heutigen Gebiet der Wulfsmühle im Tangstedter Forst.

Nesemann (1873-1951) ist eine Art Pinneberger Pendant zu Früh-Aviateuren wie Otto von Lilienthal oder den amerikanischen Brüdern Wright, die mit ihrem Flug im Dezember 1903 Weltruhm erlangten. Seine ungewöhnliche Geschichte präsentiert das Pinneberg Museum jetzt anhand von Fotos, Dokumenten und Modellen, die Issa Baziev vom Pinneberger Freiwilligen Forum extra angefertigt hat. Die Ausstellung „…un ik segg di, ik fleeg doch!“ („… und ich sage dir, ich fliege doch!“), wird am Freitag, 15. November, im Pinneberg Museum an der Dingstätte 25 um 17 Uhr eröffnet. Der Eintritt ist frei.

Die Schau basiert auf den akribischen Recherchen von Heitmann, deren Ergebnisse nach 20 Jahren mehr als ein halbes Dutzend dicker Aktenordner füllen. Urkunden, Patente, Rechnungen, Zeitungsartikel, Fotos.

Das Gelände in Tangstedt war umzäunt und von scharfen Hunden bewacht

Der Startschuss aber fiel mit der Randbemerkung des über 90 Jahre alten Nachbarn eines beschaulichen Nachmittags anno 1993 auf der Gartenbank. Eher beiläufig erwähnte der alte Herr den eigenwilligen Tüftler, der vor dem Ersten Weltkrieg Flugversuche auf einer eigens errichteten Startrampe mit Schienen und Hangar unternommen haben sollte. Der Nachbar hatte es mit eigenen Augen als junger Mann beobachtet, als er in der Gegend arbeitete. Das Gelände sei mit einem hohen Stacheldrahtzaun umgeben gewesen und von scharfen Hunden bewacht worden.

„Da wurde ich hellhörig“, sagt Bernd Heitmann. Wie der Tüftler hieß, wusste der alte Herr zwar nicht mehr. Wohl aber konnte er Heitmann die Stelle im Wald zeigen, an der Hangar und Startrampe gestanden hatten. Tatsächlich erheben sich dort bis heute unter den aufgeforsteten Tannen zwei unnatürlich parallele Erdwälle auf einem 1,50 Meter hohen Geländequader in Segelflug-freundlicher Ost-West-Richtung mit gleichmäßigem Gefälle und in exakt zwölf Metern Abstand voneinander. „Allein hätte ich die Stelle nie gefunden, obwohl ich mich in dieser Gegend auskenne“, sagt Heitmann. „Wenn man diesen geschichtlichen Hintergrund nicht kennt, fällt einem die besondere Bodenformation nicht auf.“

Heitmann, ohnehin technikbegeistert und gern auf unbekannten Pfaden unterwegs, nahm die Spur auf. Allerdings anfangs noch nicht via Google. Das Internet steckte ja noch in den Kinderschuhen. Über einen Zeitungsaufruf versuchte er, den Namen des unbekannten Abenteurers herauszubekommen. „Und es meldete sich tatsächlich jemand per Telefon, der den Mann kannte – leider vernuschelte mein alter Anrufbeantworter die Angaben, sodass ich nichts verstand und nicht mal zurückrufen konnte“, sagt Heitmann. Der Zufall half ihm weiter – und ein weiterer Plausch. Ausgerechnet Horst Feuerhake, ein alter Bekannter aus Heitmanns Geburtsort Prisdorf, nannte dem Forscher den Namen August Nesemann. „Der kam sonntags manchmal zum Kaffee mit Feuerhakes Mutter.“ Die stammte aus der Nähe von Buchholz – wie der Flugpionier. Heitmann fuhr hin, klingelte auf gut Glück bei Anwohnern, stieß auf Spuren und Nachkommen von Nesemann, der dort von 1898 bis 1912 ein Bauunternehmen besessen hatte. Der Ehemann einer Nesemann-Enkelin versorgte ihn mit Informationen, zur Ur-Ur-Enkelin des Flugpioniers hält er bis heute Kontakt.

Zeitungsartikel über die Pinneberger „Todesraketenfahrt“

Er reiste nach Eltze bei Peine, wo Nesemann 1873 geboren wurde und als Junge durchaus Otto von Lilienthal begegnet sein könnte. In Pinneberg fand er Zeitzeugen, die sich an Nesemann erinnerten. Doch dem Hobbyforscher fehlten zunächst handfeste Beweise. Nicht wenige seiner Gesprächspartner hielten ihn für einen Dickkopf, mindestens ebenso verrückt wie sein Forschungsobjekt. „Mir glaubte ja keiner, dass es hier bei uns in Pinneberg jemanden gab, der so früh bereits erfolgreiche Flugversuche unternommen hatte.“

Wieder half ihm der Zufall. Das Fernsehen berichtete über eine Ausstellung des Altonaer Museums über den Hamburger Senator und Schiffsschraubenfabrikanten Alfred Zeise. Heitmann hörte die Begriffe „Nesemann“ und „Fliegen“. Er fragte beim Museum nach, entdeckte die Verbindung zum flugbegeisterten Sponsor Zeise. Heitmann stöberte in den Mikrofiche-Archiven lokaler Zeitungen und den Chroniken im Keller der Hamburger Handelskammer. Schließlich stieß er auf den Artikel über Nesemanns Pinneberger „Todesraketenfahrt“ von 1929 und seinen tödlichen Unfall 1951. Einer seiner wertvollsten Funde fiel ihm auf einem Flohmarkt in die Hände. In einer Festschrift der Hannoveraner Waggonfabrik von 1923 war Nesemann nebst Flugzeug abgebildet und beschrieben. „Das war besser als ein Lottogewinn, da standen Namen und Orte drin, die mit Nesemanns Biografie zu tun hatten.“ Als ähnlich hilfreich erwies sich ein antiquierter Buchhaltungs-Wälzer der Tischlerei Harms aus Ramelsoh.

Akribisch hatte der Kompagnon des Flugpioniers darin die angefallenen Kosten für die Materialien zum Flugzeugbau aufgelistet. Überraschend: In amerikanischen und französischen Internetportalen war mehr über Nesemann zu finden als in deutschen. So erblickte Heitmann das erste Foto des Gesuchten auf der US-Site „Global Flight“.

Er halte zwar Augen und Ohren offen, doch eine Spürnase sei er nicht, sagt Heitmann. „Ich suche nicht mit Gewalt nach etwas, ich stoße meistens einfach zufällig darauf.“