Pinneberg
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Anschlag auf jüdisches Gemeindezentrum in Pinneberg

Foto: Andreas Schmidt

In der Nacht von Sonnabend auf Sonntag - dem 75. Jahrestag der Reichspogromnacht - beschädigten Unbekannte die Eingangstür des jüdischen Gemeindezentrums. Der Staatsschutz ermittelt.

Pinneberg. Große Aufregung herrschte am Sonntag in der jüdischen Gemeinde in Pinneberg. Ausgerechnet in der Nacht vom Sonnabend, 9. November, auf Sonntag, 10. November - dem 75. Jahrestag der Reichspogromnacht - , hatten Unbekannte das Glas der Eingangstür zum jüdischen Gemeindezentrum am Clara-Bartram-Weg beschädigt. Sonntagmittag sperrte ein Beamter den Eingangsbereich ab. Der Staatsschutz aus Itzehoe wurde alarmiert, ermittelte vor Ort und forderte die Spurensicherung an.

Die Eingangstür zum Gemeindezentrum weist drei Einschläge auf. Rundherum zeichnen sich Risse im Glas ab. "Es bleibt zu prüfen, wie diese Beschädigungen zustande gekommen sind", sagte ein Beamter dem Hamburger Abendblatt vor Ort. "Wir werden dies im Rahmen einer kriminaltechnischen Untersuchung klären."

Genau vor 75 Jahren brannten in Deutschland in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 Synagogen und Geschäfte jüdischer Mitbürger. Sie wurden beraubt, misshandelt, ermordet. Die Nazis nannten diese Barbarei gewalttätiger deutscher Bürger und NS-Schergen "Reichspogromnacht". "Das ist keiner dieser antisemitischen Übergriffe, wie wir sie leider immer wieder erdulden müssen", sagte der Gemeindevorsitzende Wolfgang Seibert. "Das ist zum 75. Jahrestag der Pogromnacht ein gezielter Anschlag, der uns sagen soll, 'wir sind noch da, wir können es immer noch – euch Juden vernichten'."

Die Zerstörung hatte ein Gemeindemitglied entdeckt, das abends und morgens einen Kontrollgang um die Synagoge macht. "Um 19 Uhr am Sonnabend war noch alles in Ordnung", sagte Seibert. "Am Sonntag um 8.30 Uhr hat unser Mitglied die mutwillige Zerstörung entdeckt und mich informiert."

Seibert benachrichtigte sofort die Polizei. "Die Löcher im Glas neben der Eingangstür haben unterschiedliche Tiefen und liegen dicht nebeneinander. Es sieht aus, als hätte jemand mit einem spitzen Hammer zugeschlagen", sagte Seibert. Von einem Überfall mit einer Schusswaffe gehe er nicht aus, da die Löcher in diesem Fall eine gleich große Tiefe aufweisen würden. Auch fanden am Sonntag weder Polizei noch Gemeindemitglieder Geschosshülsen.

Auch einen Einbruch vermutet Seibert nicht, denn der Angriff sei auf der Vorderseite der Synagoge verübt worden. Einbrecher würden in der Regel durch den hinteren Gebäudeteil einsteigen. Der Gemeindevorsitzende fühlte sich am Sonntag "sehr schlecht und geschockt", zumal er selbst bis vor kurzem wegen Übergriffen von Neonazis und radikalen Islamisten unter Polizeischutz stand. "Ich werde jetzt sofort verstärkt Bewegungsmelder einbauen, vor allem auch gezielt auf der Vorderseite der Synagoge und im Eingangsbereich", sagte Seibert.

Am Sonntagvormittag hatte Seibert an einem Gedenk- und Mahngottesdienst zur "Reichspogromnacht" in der Pinneberger Christuskirche teilgenommen, den der Propst des Kirchenkreises Hamburg-West/Südholstein, Thomas Drope, leitete. Nach dem Gottesdienst gingen Drope und 15 Gemeindemitglieder gemeinsam mit Seibert zum jüdischen Gemeindezentrum, um ihre Solidarität zu bekunden. Drope überreichte Seibert eine Sonderkollekte in Höhe von 160 Euro. "Dass dieser Überfall auf die jüdische Gemeinde gerade in der Nacht vom 9. auf den 10. November verübt wurde, ist kein Zufall", sagte der Propst.

Im September 2010 hatte die Jüdische Gemeinde ihre Synagoge am Clara-Bartram-Weg bezogen. Von Beginn an baute die liberaljüdische Gemeinde mit 260 Mitgliedern auf ein offenes Konzept und öffnet die Synagoge auch nichtjüdischen Bürgern. "Eine Synagoge ist kein Gotteshaus", sagte Seibert. "Gottes Haus ist in Jerusalem. Eine Synagoge ist ein Haus für die Menschen."

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