Recycling-Produkt

Rellinger bringt Koffer zum Klingen

Archäologiestudent verwandelt Kindergepäck und andere Utensilien in Musikboxen. Sein Recycling-Produkt hat bereits viele Fans.

Kofferradios waren in den 60er-Jahren der große Hit: Wenn es darum ging, Musik auch unterwegs verfügbar zu haben, gehörten die tragbaren Transistorgeräte zur Grundausstattung bei Ausflügen ins Grüne, an die See oder ins Freibad. Mittlerweile sind diese Apparate längst modernen Tonerzeugern wie MP3-Playern und ähnlichen Musikmaschinen gewichen – meist in Verbindung mit Kopfhörern.

Ein Rellinger Archäologiestudent hat dem Oldtimer der mobilen Unterhaltungselektronik nun auf eben so urwüchsige wie originelle Weise zu einem allerdings etwas andersartigen Comeback verholfen: Christopher Zielske fördert zunächst, ganz wie es seinem Studienfach entspricht, altes Material zutage. Doch dann lässt er daraus unter der Markenbezeichnung Kinderkofferklänge ein völlig neues Kunstprodukt entstehen. Und dabei kommt der Sound dann wirklich aus dem aufgeklappten Koffer. Denn Zielske und sein Kompagnon Tassilo Portig, der Kunstgeschichte studiert, verwenden vor allem gebrauchte Kinderkoffer als Basis für ihre transportablen Musikboxen. In diese Second-Hand-Koffer werden ebenfalls gebrauchte Lautsprecher aus ausgedienten Hifi-Anlagen eingebaut.

Die Produktidee entwickelten der 24-jährige Christopher und sein 27 Jahre alter Kumpel Tassilo mehr zufällig, als sie vor etwa einem Jahr beim Ausspannen im Hamburger Schanzenpark eine füllige Klangkulisse schmerzlich vermissten. Bald stießen die Freunde auf das Kinderkofferformat als idealen Träger für Musikgenuss bei Freiluftpartys und ähnlichen Anlässen. Um den alten Lautsprechern zu einem beachtlichen Klangvolumen zu verhelfen, bastelten sie aus Pressholz eine schöne Box, die passgenau das Koffervolumen ausfüllt. Zusammen mit einem Verstärker und einem Batteriesatz, den einzigen Neuteilen der Musikmaschine, fügen sich die Kinderkofferklänge zu einem akustisch-optischen Gesamtkunstwerk zusammen. „Jedes Stück ist ein Unikat”, beschreibt Christopher Zielske nicht ohne Stolz die Eigenständigkeit des Produkts. Um das mobile Soundsystem zum Klingen zu bringen, genügt es, einen Tonträger jeglicher Art anzustöpseln. Ob CD- oder MP3-Player, altmodische Walkmen, Discmen oder Kassettenspieler ist egal. „Alles, was einen Kopfhöreranschluss hat, kann mit dem Kinderklangkoffer verbunden werden”, erläutert Christopher.

Nachdem die mobilen Lautsprechergehäuse zunächst im Freundeskreis auf gute Resonanz stießen, begannen Christopher und Tassilo, der gegenwärtig im Ausland unterwegs ist, damit, ihre Kreationen auch über Szeneläden auf der Schanze, im Internet sowie in Designshops und auf Flohmärkten zu verkaufen. Auch Designer-Messen gehören inzwischen neben Musikfestivals zu den idealen Adressen, um neue Geschäftskontakte zu knüpfen oder die Klangkoffer direkt zu verkaufen.

Auf Flohmärkten und im Internet stoßen die geschäftstüchtigen Studenten auch auf ihr Rohmaterial. Die Lautsprecher werden technisch geprüft und überholt, die Koffer auf Hochglanz gebracht und mit möglichst künstlerisch anspruchsvoller Innenausstattung versehen. Dabei berücksichtigen die Designer auch Kundenwünsche. Wer will, kann seinen Koffer oder den Inhalt mit Reiseaufklebern, Fotos oder anderen Erinnerungen gestalten lassen.

Die handlichen Kleingepäckstücke haben sich in Verbindung mit Zwölf- Watt-Lautsprechern als ideales Format erwiesen. Doch auf Wunsch können auch andere Behälter mit leistungsfähigeren Musik-Kraftwerken bestückt werden. „Das geht theoretisch bis zum Überseekoffer“, sagt Zielske. Allerdings sei dann die Mobilität wiederum eingeschränkt.

Zielkes Oma näht Stoffbeutel für die Batterien der Boxen

Der Standard-Kinderklangkoffer wird komplett mit Batteriesatz für 129 Euro angeboten. Die zehn Batterien (Format AA) sind in Stoffbeuteln untergebracht, die von Christophers Oma handgenäht wurden. Die Stromkonserven reichen für eine Betriebszeit von 13 Stunden. Wer möchte, kann auch wiederaufladbare Akkus verwenden.

Per Internet und über Facebook sind die Kinderkofferklänge schon bis nach Dänemark und ins ferne Australien gedrungen. Ins Nachbarland wurden schon einige Exemplare verkauft, vom anderen Ende der Welt liegen zumindest Anfragen vor. Wenn die „Erfinder” der Kinderkofferklänge auf Reisen sind, haben sie selbstverständlich auch ihre musikalischen Begleiter dabei. Christopher hat sogar schon eine Fototasche zu einem Klangkoffer umgebaut.

Erst einmal gab es ein Missverständnis wegen des klingenden Gepäckstücks. Am Stockholmer Flughafen wurde Zielskes Köfferchen beim Durchleuchten zum Sicherheitsrisiko. In einem separaten Raum tasteten die Kontrolleure das merkwürdige Handgepäckstück mit Sensoren ab. „Die dachten wohl, ich hätte Sprengstoff im Koffer”, vermutet der Rellinger. Erst nachdem sich seine Fracht als harmlos erwiesen hatte, durfte Christopher Zielske den Heimflug antreten.