Borstel-Hohenraden

Der einsame Kampf des Krötenretters

Bernd Heitmann aus Borstel bewahrt Amphibien seit 1993 vor dem Tod auf der Straße. Zuletzt sogar unter Polizeischutz

Borstel-Hohenraden . Es dämmert über der Pinnauniederung, in den Häusern am Mühlenweg in Borstel-Hohenraden gehen die ersten Lichter an. Die Nachbarn machen es sich vorm Fernseher gemütlich - nicht so Bernd Heitmann, 63. Er nimmt sich Eimer, eine Taschenlampe, die Warnweste und startet entlang der Straße Richtung Wulfsmühle seine Rettungsmission. So wie an jedem Abend. Wie seit 20 Jahren, wenn bei einer bestimmten Wetterlage Kröten und Frösche wandern.

"Viele fragen mich, warum ich das mache", sagt der Landmaschinenmechanikermeister im (Un-)Ruhestand. "Ich fühle mich für die Kreaturen, die nicht selbst für sich sprechen können, verantwortlich." Heitmann führt einen meist einsamen Kampf, um die Amphibien, die dieser Tage zum Laichen in Richtung Tümpel und Seen wandern, vor dem Tod unter Autoreifen zu bewahren. In der hereinbrechenden Dunkelheit geht er allein den Mühlenweg ab. Entdeckt er Frösche oder Kröten auf der Fahrbahn oder am Rand der Straße, nimmt er die Tiere vorsichtig per Hand auf und trägt sie auf sicheres Terrain.

Während die meisten anderen Menschen im Dorf am Sonntagabend den "Tatort" im TV sahen, entdeckte Heitmann zwischen 21 und 21.45 Uhr am Tatort Mühlenweg 25 Leichen. Außer diesen überfahrenen Amphibien registrierte der "Krötenvater", wie Heitmann genannt wird, aber an diesem Abend auch 155 gerettete Tiere: 147 männliche Kröten, sechs Weibchen und zwei Frösche. In Heitmanns Krötenkladde stapeln sich die Statistiken der vergangenen 20 Jahre. 1999 war eines der Spitzenjahre, als der Borstel-Hohenradener, seinerzeit mit ein paar freiwilligen Helfern aus der Familie und der Nachbarschaft, 1200 lebende Tiere aufgesammelt und diesen über die Straße geholfen hatte. Mehr als 300 tote Kröten und Frösche wurden in jenem Jahr gezählt. Vor zehn Jahren hatte Heitmann zusammengerechnet, dass er bis dahin mehr als 2000 Stunden in seine ganz eigene Artenschutz-Initiative investiert hatte.

"Die sagen mir nach all den Jahren immer noch nicht Bescheid, wenn sie loslaufen", sagt der 63-Jährige und lacht. In manchen Jahren begann die Krötenwanderung schon im Februar. "In diesem Jahr ging es so spät wie noch nie los. Finde ich bei mir vor der Tür die erste tote Kröte, ist das das Startsignal."

Als Heitmann 1978 ins neu gebaute Einfamilienhaus am Mühlenweg gezogen war, wo er heute alleine lebt, gab es dort am Ortsausgang kaum Autoverkehr: "Die Fahrer der 25 Autos, die am Tag vorbeikamen, kannte man alle persönlich." Inzwischen sind es an machen Tagen bis zu 2500 Fahrzeuge, die die schmale Straße durch die Pinnauniederung benutzen. Der Bau des Golfplatzes an der Wulfsmühle vor einigen Jahren hat zu einer Zunahme des Verkehrs geführt. Vor allem wird die schmale Verbindung zwischen Borstel-Hohenraden und Tangstedt/Quickborn von vielen Pendlern als Schleichweg benutzt, wenn die Autobahn 23 dicht ist. "Die Navis leiten die Autofahrer hier durch. Das hier Kröten wandern, zeigen die Geräte nicht an", sagt Heitmann.

Er war es, der vor vielen Jahren durchsetzte, dass im Bereich Wulfsmühle Schilder aufgestellt werden, die auf die Amphibien hinweisen. Zuerst malte der Krötenretter die Schilder selbst. Heitmann ist es auch, der fortwährend bei der Unteren Naturschutzbehörde darauf drängt, dass der Krötenzaun, den die Golfplatzbetreiber von Amts wegen am Mühlenweiher aufbauen mussten, in Ordnung gehalten wird. "So wie es jetzt aussieht, ist es ungenügend. Ich bin traurig, dass es nicht gelungen ist, etwas Nachhaltiges zu schaffen", sagt der "selbsternannte Umweltschützer".

Diesen Namen hatten ihm andere Bewohner von Borstel-Hohenraden vor langer Zeit verpasst. "Früher hat mich das geärgert, inzwischen sehe ich es als Auszeichnung an", so Heitmann. Er befürchtet, dass sich in neuen Teichen, die zuletzt auf dem Golfplatz gebaut worden sind, neue Populationen von Amphibien ansiedeln: "Dann laufen noch mehr Tiere über den Mühlenweg." Weiter unterwegs sein mit Taschenlampe und Eimer wird zur Zeit der Krötenwanderung auch Bernd Heitmann. "Solange ich selbst noch laufen kann, mache ich weiter. Klar, bei Wind und Wetter geht man nicht gerne raus. Aber es ist und bleibe eine schöne Aufgabe."

Am Wochenende hat der Borstel-Hohenradener nach all den Jahren als Krötenretter eine Premiere erlebt: Er sammelte Frosch und Kröte unter Polizeischutz ein. "Ich hatte bei der Polizei in Pinneberg angerufen, weil es für mich selbst gefährlich ist, wenn einige Autofahrer hier abends durchrasen. Und es kam tatsächlich eine nette Streifenwagenbesatzung, die hinter mir hergefahren ist und mit geleuchtet hat."