Pinneberg

Aus der Kaserne wird die Parkstadt

Pinneberg kauft das Militärgelände für 3,93 Millionen Euro. Kritiker sprechen von einer Kungelpolitik der großen Fraktionen.

Pinneberg. Einst dröhnten hier schwere Stiefel marschierend über den Asphalt. Seit vielen Jahren beschränkt sich die Geräuschkulisse allerdings auf Biolärm. Am Donnerstag gaben die Singvögel in der Eggerstedt-Kaserne ein munteres Konzert in der Wintersonne. Mit dem Dornröschenschlaf soll es vorbei sein. Schon bald wird nach den Plänen der Stadt Pinneberg in der früheren Kaserne wieder schweres Gerät rollen. Nicht Militärlaster, sondern Bagger und andere Baufahrzeuge. Nach dem Willen der politischen Mehrheit wird aus der 2001 von der Bundeswehr aufgegebenen Kaserne ein neuer Stadtteil, die "Parkstadt Eggerstedt".

Am Mittwochabend fasste die große Kasernen-Koalition von CDU und SPD in der Ratsversammlung den Beschluss, das 37 Hektar große Gelände auf Kosten der Stadt zu kaufen. Nur wenige Stunden später, am Donnerstagmorgen, unterzeichnete Bürgermeisterin Urte Steinberg den Kaufvertrag mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. 3,93 Millionen Euro muss die hoch verschuldete Stadt bezahlen. "Ich bin froh, dass wir endlich etwas entwickeln, etwas bewegen können", sagte die parteilose Verwaltungschefin nach der Vertragsunterzeichnung.

Mit 21:9 Stimmen votierten CDU- und SPD-Fraktion im Rat dafür, dass private Investoren, die ihrerseits nach und nach Teile des Kasernengeländes von der Stadt kaufen sollen, das Gelände entwickeln und erschließen sollen. Zunächst sollen rund sieben Hektar für Wohnbebauung zum Verkauf ausgeschrieben werden. Der Kita-Träger Wabe will möglichst schnell zwei bis drei Hektar für den Bau einer Kindertagesstätte kaufen. Die sogenannte äußere Erschließung, also vor allem die Schaffung der Verkehrsanschlüsse, wird Aufgabe der Stadt sein.

Die drei kleinen Fraktionen stellten sich geschlossen gegen die Kasernen-Pläne in der jetzigen Form. Werner Mende, FDP, nannte die Pläne oberflächlich und nicht durchdacht. Was die angestrebten Verkaufserlöse angehe, agiere die Verwaltung mit blauäugigen Annahmen. Joachim Dreher, Fraktion Grüne & Unabhängige, forderte nochmals eine detaillierte Kosten-Nutzen-Rechnung ein. Er sprach von Kungelpolitik der großen Fraktionen und von einem Blindflug. Sein Fraktionskollege Herman Bührich kritisierte, dass zehn Hektar Wald und zwei intakte Sportplätze zerstört würden. Uwe Lange von den Bürgernahen hatte bereits tags zuvor im Ausschuss für Wirtschaft und Finanzen bemängelt, dass keine Wirtschaftlichkeitsprüfung vorliege. Mal sei die Rede davon, die Stadt könne mit dem Weiterverkauf von Kasernengelände dicke Gewinne machen, mal hieße es, man könne bestenfalls den Kaufpreis einspielen. Im Ausschuss war zur Sprache gekommen, dass im ersten Schritt 1,5 Millionen Euro Kosten für die äußere Erschließung auf die Stadt zukommen. Der Vorsitzende des Stadtentwicklungsausschusses, Gerhard Thomssen von der SPD, sagte im Rat: "Das ist kein Blindflug. Die Entwicklung der Kaserne wird eine Erfolgsgeschichte für Pinneberg."

Vor der Kaserne, vor dem großen Tor lebt Meike Oltmanns-Hase. Die Juristin und ehemalige Bürgermeister-Kandidatin ist Sprecherin der Bürgerinitiative Erhaltung des Naturerholungsgebietes Eggerstedter Weg und Hasenmoor (BIENEH). "Das Gelände wird zugepflastert werden", sagt Meike Oltmanns-Hase. Wie viele andere Kritiker befürchtet die BIENEH-Sprecherin, dass es der finanziell klammen Stadt nicht gelingen wird, eine Misch-Nutzung in Form von Wohnen, Gewerbe, Bildung und Freizeit zu erreichen. "Die Stadt hat sich jetzt den Kaufpreis von vier Millionen Euro aufgebürdet. Sie wird gar nicht anders können, als mehr Gelände als vorgesehen für den Wohnbau zu verkaufen."

Der Bürgerinitiative, die mit dem Thema Kaserne massiv im kommenden Kommunalwahlkampf agieren will, geht es vor allem um die ihrer Ansicht nach fehlenden oder mangelhaften Verkehrsplanungen. "Es wird mehr Verkehr geben, die Pendler werden in Richtung Autobahn fahren. Dort, wo die Stadt am heutigen Kaserneneingang einen Kreisel plant, liegen Schulen. Da wird Russisches Roulette gespielt", so Meike Oltmanns-Hase. Das Thema Kaserne gehe nicht nur die Menschen im Stadtteil etwas an. "Jeder in Pinneberg ist betroffen, wenn die Stadt sich mit dem Kauf weiter verschuldet und an anderer Stelle Leistungen gestrichen werden."