Interview Fortsetzung

Schwarz-Grün ist zweite Wahl

| Lesedauer: 7 Minuten

Foto: Manfred Augener

CDU-Landeschef Christian von Boetticher hofft auf Fortsetzung der Koalition mit der FDP

Pinneberg. Im zweiten Teil unseres Interviews mit Christian von Boetticher erklärt der CDU-Landesvorsitzende und Fraktionschef im Landtag im Gespräch mit den Redakteuren Manfred Augener und Claudia Eicke-Diekmann, wie er die Zukunft von Schwarz-Grün sieht, warum Hamburg den Nordstaat dringender braucht als Schleswig-Holstein und warum der Vorstoß der Kreis-CDU für eine bundesweite Vereinheitlichung des Schulsystems keine Chancen hat.

Hamburger Abendblatt:

In Baden-Württemberg ist Schwarz-Gelb abgewählt worden. Droht Ihnen in Schleswig-Holstein das gleiche Szenario?

Christian von Boetticher:

Ich bin für eine starke CDU und eine Fortsetzung der Koalition mit der FDP. Ich habe die FDP schon totgesagt erlebt, ich habe die Grünen schon totgesagt erlebt. Wenn die FDP ihren Generationswechsel hinbekommt, hat sie viele neue Gesichter, um die sie manche Partei beneiden würde.

Auch die CDU?

Die CDU hat mit Norbert Röttgen, Julia Klöckner, Katharina Reichert sowie Ole und Kristina Schröder, um nur einige zu nennen, eine ganze Menge zu bieten. Bei der SPD fallen einem außer Hubertus Heil nur wenige ein.

Ist Schwarz-Grün keine Option für Schleswig-Holstein?

Die Fortsetzung unserer erfolgreichen Koalition mit der FDP hat klar den Vorrang. Ausschließen will ich das allerdings nicht.

Kanzlerin Merkel sieht in dem Modell Schwarz-Grün nach der Hamburg-Wahl keine Zukunft mehr.

Schwarz-Grün ist nach Hamburg schwerer geworden. Ich war in Hamburg dabei, als Parteifreunde vom Ausstieg der Grünen völlig überrascht wurden. Dieses Ereignis hat die Grünen nicht verlässlicher gemacht.

Brauchen wir den Nordstaat?

Wir brauchen eine bessere Zusammenarbeit. Das weiß ich als Kreis-Pinneberger sehr genau und da gehe ich auf Hamburg zu. Gemeinsame Felder sind beispielsweise die Landesplanung, Wirtschaftsförderung, Angleichung von IT-Strukturen sowie Beamtenrecht- und Besoldungsrecht. Mal sehen, was die SPD in Hamburg sagt. Von Olaf Scholz haben wir noch nichts in der Richtung gehört. Ich kann nur sagen, die Hamburger werden eine Zusammenarbeit mit Schleswig-Holstein bis zu einer möglichen Fusion der Länder in Zukunft dringender brauchen als wir. Der Hafen, der Flughafen und Gewerbegebiete - alles ist in Hamburg begrenzt.

Die Metropolregion wird also besonders profitieren?

Ja. Notfalls müssen wir zu gemeinsamen Absprachen wie Aufteilung der Gewerbesteueraufkommen kommen. Immerhin profitiert gerade das Umland vom Namen Hamburg und seiner Sogwirkung.

Wie bewerten Sie die neue Bildungsoffensive ihrer Kreis-CDU, die das Schulsystem in Deutschland vereinheitlichen und gleichzeitig die Qualitätsstandards der Bildung heraufsetzen möchte?

Ich hoffe, dass wir ein Stückchen aus der Geiselhaft-Debatte rauskommen, die uns das Schulsystem seit Jahrzehnten beschert. Die SPD ist seit 40 Jahren für die Binnendifferenzierung und mehr gemeinsamen Unterricht, die Union sagt seit Jahrzehnten, wir müssen mehr nach Leistung differenzieren. Wir müssen uns in Zukunft vor allem darum kümmern, die Qualität zu sichern. Was sollen die Inhalte der Schule sein, welche Lehrer brauchen wir? Wenn einer nach Abitur und drei Jahren Studium vor die Klasse tritt und merkt, dass das gar nicht seine Berufung ist, dann müssen wir etwas ändern. Wir brauchen mehr Praxisanteile, und es gibt Stimmen, die sagen, eine Bewerber für das Lehramt soll vorher ein Praktikum an der Schule machen, das der Schulleiter bewertet und das auch in die Entscheidung einfließt, ob man einen Studienplatz bekommt oder nicht.

Eine Stoßrichtung der Bildungsoffensive der Kreis-CDU ist die Abschaffung des föderalen Systems in der Bildung. Hat das eine Chance?

Dazu ein klares Jein. Ja, wir müssen das Kooperationsverbot durchbrechen. Die strikte Trennung von Bund und Land, gerade bei der Finanzierung von Bildung, ist Unsinn. Es wird aber nicht ein einheitliches Schulsystem in Deutschland geben.

Das fordert aber ihre Kreispartei.

Ich habe einen Kreisverband, der das fordert. Dies ist letztlich eine Forderung, die von den schwach aufgestellten Ländern gestellt wird, die sagen, wir können uns einfach nichts mehr leisten. Aber wir werden dafür keine Mehrheit bekommen. Notwendig ist aber, das Kooperationsverbot aufzuheben. Wir wollten mal das Zentralabitur mit Hamburg gemeinsam machen, doch von dort kam ein Rückzieher, es war ihnen doch etwas zu hart, was wir machen. Wir brauchen vergleichende Parameter auf Bundesebene und wollen an Bundesprogrammen teilhaben.

Aber Schleswig-Holstein hat gerade im Alleingang die Rückkehr zum Abitur G 9 an Gymnasium beschlossen.

Das stimmt nicht ganz, auch andere Länder wir NRW gehen ihren eigenen Weg in dieser Frage. Was stimmt ist, dass Schüler bis auf den Raum Brunsbüttel flächendeckend die Möglichkeit haben, das Abitur nach acht Jahren zu erreichen.

Wieso trennen sie nicht: G 8 für Gymnasien, G 9 für Gemeinschaftsschulen?

Wir hatten große Probleme mit der Akzeptanz von G 8 seit der Einführung durch Bildungsministerin Erdsiek-Rave (SPD). Das Abitur in acht Jahren war aufgrund der Anforderungen eigentlich nur für Spitzenschüler erreichbar. Freie Nachmittage waren kaum noch möglich. Das war auch gewollt, die SPD wollte, dass möglichst wenige Schüler das Abi am Gymnasium machen und dafür möglichst viele die Gemeinschaftsschule besuchen. G 8 war so verschärft , dass es nur eine kleine Elite schaffte.

Was haben sie verändert?

Wir wollten G 8 besser machen. Wir haben die Profiloberstufe überarbeitet und Zwischenklausuren abgeschafft. Früher hatte man beispielsweise nach der 10. Klasse automatisch den Realschulabschluss. Unter Frau Erdsiek-Rave musste dafür eine Extra-Zwischenprüfung abgelegt werden. In der Unterstufe haben wir Differenzierungsstunden mit zwei Lehrern eingeführt. Zwei Lehrer im Unterricht wird als Doppelstunde gewertet, führt aber zu weniger Einzelunterrichtstunden. Die Folge: nur einmal in der Woche Nachmittagsunterricht. Lehrer haben uns bescheinigt, dass G 8 so vernünftig ist. Unser Problem war: Die Eltern haben uns nicht mehr geglaubt. In Schulkonferenzen wurde auf Druck der Eltern meist G 8 abgelehnt.

Wie ist es zum Umdenken gekommen?

Ich bin durchs Land gefahren, um zu erklären, dass wir ein anderes Konzept von G 8 haben als die SPD. Knappe 90 Prozent der Gymnasien haben sich daraufhin mit den Stimmen der Eltern für G 8 entschieden, das war ein ganz schöner Kraftakt. Die Menschen müssen spüren, dass G 8 die Kinder nicht über Gebühr belastet. Wir müssen beweisen, dass G 8 geht, dann wird sich G 9 ein Stück weit auflösen.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Pinneberg