Auslandsdienst

Der Lehrer im Schatten der Sphinx

| Lesedauer: 7 Minuten
Jörg Frenzel

Foto: Dieter Teising

Wedeler unterrichtet an der deutschen Schule der Borromäerinnen. Ex-Pädagoge des Johann-Rist-Gymnasiums kämpft sich durch das Umweltchaos von Kairo, überwindet kulturelle Barrieren, trainiert für den Pyramidenlauf und will 28 Mädchen fit fürs Abitur machen.

Wedel/Kairo. Oberstudienrat Dieter Teising ist mit allen Wassern gewaschen, sodass ihn kaum etwas erschüttert. Meinte man jedenfalls und hätte gute Gründe dafür. Als Lehrer stellte er sich engagiert den Herausforderungen der Schülerschaft am Wedeler Johann-Rist-Gymnasium. Mehrfach kämpfte er sich mit Freiwilligen durch den Dschungel Mittelamerikas, um in fast vergessenen Dörfern Solaranlagen zu installieren. Auf dem Weg dahin musste er auch schon mal unter Terrorismusverdacht geratene Schützlinge aus den Fängen übereifriger US-Sicherheitskräfte befreien und diverse andere Fährnisse abwettern - jedoch Schaden an Leib und Seele nahm er bislang nicht. Derzeit ist er einer Situation ausgesetzt, die auch den abgebrühten Pädagogen an den Rand der Frühpensionierung treiben könnte: Denn er unterrichtet im Chaos von Kairo - an der Deutschen Schule der Borromäerinnen.

Für drei Jahre hat Mathe- und Erdkundelehrer Teising unterschrieben, um Binomische Formeln, Kenntnisse über Klimazonen und allerlei andere Wesentlichkeiten wie Textverarbeitung unters Schülerinnenvolk zu bringen. Einige Monate sind vergangen, das Bild wird klarer. "Das Leben hier kostet unendlich viel Kraft und Nerven", sagt "Didi", wie ihn seine Wedeler Schüler nennen, sobald er sie nicht hört.

Ein Beispiel: Gegen den Schmutz und Smog des Molochs Kairo wirkt die Hamburger City wie ein Luftkurort. "Die Luft ist so, dass ich die Fenster fast nie öffnen und die frische Luft lieber über die Klimaanlage und ihre Filter in die Wohnung lasse", berichtet Teising.

Oder der Straßenverkehr. "In der Theorie gibt es Verkehrsschilder und -regeln. Es gibt rote Ampeln und Einbahnstraßen, markierte Fahrspuren und Polizisten, die Anweisungen geben", so Teising. "In der Realität nehmen die Leute all dies eher als Vorschlag, den man befolgen kann, aber nicht muss." Das führt zu Ereignissen, die für Anhänger der deutschen Straßenverkehrsordnung und Flensburg-Gespeicherte eher unüblich sind. "Man blinkt links und fährt rechts, blinkt rechts und fährt links", so Teising. "Oder beides gleichzeitig, was Deutsche als unkontrolliertes in der Schlange fahren mit 3,4 Promille verstehen würden." Merke auch: In der Einbahnstraße ist Gegenverkehr möglich. Und: "Wenn zwei oder mehr Polizisten eine Kreuzung gemeinsam regeln, entscheidet jeder für sich, welche Fahrspur Vorfahrt oder Abbiegerecht hat." Doch der Lehrer hat gelernt, wie diesen Seltsamkeiten zu begegnen ist: "Aus diesem Grunde fahre ich in Kairo trotz der Verkehrsdichte einen großen Geländewagen. Er verschafft Respekt."

Apropos Respekt. Es kostet schon einige Mühen, sich den am Arbeitsplatz Mädchenschule zu verschaffen. "Unterricht ist so, als ob man neben einem startenden Düsenflugzeug etwas erzählen möchte. Die Mädchen sind unbeschreiblich laut! Und das Schlimme ist: Sie merken es leider nicht, weil ja die ganze Umgebung und Gesellschaft so laut ist." Mindestens zehn Minuten pro Stunde sind nötig, um einigermaßen passable Unterrichts-Ruhe herzustellen. "Den Mädchen kann er dabei noch nicht einmal böse sein: Sie sind es eben nicht anders gewohnt."

In einer weiteren Hinsicht treffen Welten aufeinander. "Während unser Lehr-Ansatz darauf zielt, den Kindern selbstständiges Denken, Arbeiten und Hinterfragen beizubringen, ist es in Ägypten üblich, dass einfach nachgebetet wird, was Autoritäten erzählen", sagt der Pädagoge.

Unterrichtet werden fast alle Fächer auf Deutsch - bis auf Arabisch und ägyptische Geschichte. Das bringt weitere Probleme mit sich. "Die Mädchen lernen noch Deutsch und kennen viele Begriffe nicht. Ergo: In Mathematik werden Textaufgaben nur sehr langsam verstanden", sagt Teising, wobei erschwerend hinzu kommt, dass Unterrichtsmaterialien aus deutschen Landen importiert sind. "Wenn in einer Aufgabe nach dem Nachlass beim Sommerschlussverkauf gefragt wird, muss ich erst einmal diese Vokabel erklären - weil es solche Verkaufsaktionen hier schlichtweg nicht gibt."

Gerade wegen dieser Widrigkeiten hat Dieter Teising große Hochachtung vor "seinen" Mädchen: "Man muss sich das mal vorstellen: In der fünften Klasse lernen die Kinder schon anspruchsvolle Inhalte in einer Sprache, die so kompliziert ist, dass selbst erwachsene Muttersprachler manchmal unsicher werden." Deutsche Sprache - schwere Sprache. Mehr noch: Englisch und ab der siebten Klasse Französisch kommen hinzu. "Wenn alles gut läuft, machen sie das deutsche Abitur, bei dem die gleichen Kriterien wie an einem Gymnasium in Deutschland erfüllt werden müssen - das ist eine gewaltige Leistung."

Mentalität und Ansprüche der Eltern verschärfen den Druck auf die Kinder oftmals. Teising berichtet: "Die Mädchen werden im Kindergarten eingeschult. Da entsteht bei den Eltern oft der Irrtum, dass damit das Abitur schon fest gebucht ist. Doch liegen zwischen Kindergarten und Abitur einige Schuljahre, in denen sich die Mädchen weiter entwickeln und man feststellen muss, dass nicht alle "abiturfähig" sind - es ist traurig und anstrengend, diese Tatsache Eltern beibringen zu müssen, denen die Zukunft ihrer Kinder alles bedeutet, die viel von ihrem wenigen Geld für Nachhilfe investieren und deren große Hoffnung sich trotzdem nicht erfüllen kann."

Die Absolventinnen der Schule gehören zur Elite der ägyptischen Gesellschaft. Nicht nur die Unmengen an erlerntem Wissen unterscheidet sie von ihren Altersgenossinnen, die übliche ägyptische Schulen besuchen, sondern auch die Vertrautheit mit westlicher Kultur und Denkweisen. Teising: "Mit dem Abitur in der Tasche können die jungen Frauen problemlos an jeder deutschen Uni studieren - kommen sie jedoch irgendwann nach Ägypten zurück, haben sie es schwer, sich wieder in der traditionalistischen, patriarchalischen Gesellschaft zurechtzufinden."

Dieter Teising hätte es sich bequem machen können und im beschaulich geregelten Wedel dem definitiv zu erwartenden Ruhestand entgegenlehren können. Warum tut man sich also den Stress an? Des Rätsels Lösung hat viele Facetten. "Da ist zum Beispiel die Begeisterungsfähigkeit der Mädchen und ihre Bereitschaft zu lernen. Sie ist viel größer als die von den meisten Schülern in Deutschland. Da sind das November-Wochenende bei 30 Grad am Roten Meer und der Sonnenuntergang zwischen den Pyramiden", sagt Teising. Diese Hinterlassenschaften der Pharaonen sorgen bei Teising für eine Herausforderung der speziellen Art: "Im Frühling findet der Pyramiden-Lauf statt - acht Kilometer unter härtesten Bedingungen - das Training habe ich begonnen." In der endlosen Weite und Stille der Wüste ist das Chaos von Kairo rasch vergessen.

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