Pinneberg
Fischer Hermann Holtorf ermahnt Bürokraten

Elbe nicht am grünen Tisch planen!

Der Haseldorfer hat die massiven Veränderungen durch Deichbau und Industrialisierung erlebt.

Haseldorf. Als am Freitag in Wedel die Umweltminister der Bundesländer den neuen Wirtschaftsplan für die Elbe vorstellten, machte einer seine Arbeit - auf dem Fluss: Hermann Holtorf (76), Fischer im Nebenerwerb und aus Leidenschaft.

1948 war es, als Holtorf das erste Mal - damals mit Vater und Großvater - zum Fischen hinausfuhr. Seitdem prägt der Fluss das Leben des Haseldorfers. Er weiß, wo die Elbe gefährlich werden kann, er kennt ihre Wunden wie auch die schönsten Ecken.

Gern zeigt und erklärt er diesen Lebensraum anderen Menschen. Von den Minister und ihre beratenden Professoren wünscht er sich: Wenn sie über etwas entscheiden, sollten sie sich den Fluss anschauen, ihn erleben und nicht vom grünen Tisch aus planen.

Holtorf hat erlebt, wie nach dem großen Deichbau und der Elbvertiefung in den 80er-Jahren der Fluss seine Lebensbahnen ganz neu geduscht hat. "Wo hier noch der Baum aus dem Wasser ragt, war damals eine Insel", erzählt der 76-Jährige. Und wo sich vorher Aal und andere Fische im Schilf ihre Nahrung suchen, sind heute so große Wattflächen vorgelagert, dass Fische dort keine Chance mehr haben, Nahrung zu finden.

Und auch ihr einstiges Ruhebett, die tiefen Täler im Flussbett der Elbe sind längst kein Lebensraum mehr für Aal und Co. "Wenn dort ein großes Containerschiff drüber fährt, reißen Sog und Schwell alles mit, was nicht niet- und nagelfest ist", berichtet Holtorf. Das wird nach der nächsten geplanten Vertiefung noch extremer werden, weiß der Fischer aus Leidenschaft. Deshalb hat er noch einen Wunsch an die Entscheider in Politik, Verwaltung und Wirtschaft: "Die Schiffe müssen auch nachts kontrolliert werden, damit sie nicht zu schnell fahren."

Holtorf hat es selbst erlebt an Bord von Frachtschiffen, die ihn auf seine Reisen besonders gen Litauen mitnahmen, wie die Kapitäne im Dunkeln die Regeln auf der Schifffahrtsstraße außer Kraft setzten. "Zeit ist Geld", sagt der knorrige Mann, der seine Freiheit als Fischer, Bandreißer und Jäger jeden Tag genießt. Doch was auch mit dem Fluss geschehen mag, Hermann Holtorf wird den Strom und seine Bewohner so lange genießen, wie er kann.

Der Haseldorfer wehrt sich auch nicht gegen die Elbvertiefung. "Die Wirtschaft muss sich weiterentwickeln. Wir brauchen Arbeitsplätze." Und trotzdem hat auch er dafür gesorgt, dass das Chemieunternehmen Dow, das Atomkraftwerk in Stade und andere Industriebetriebe nicht mehr ungeklärt ihre Abwässer in den Fluss leiten. Wie lebensgefährlich das früher war, hat Holtorf bitter erfahren müssen. Sein Kollege auf dem Wasser starb in den 70er-Jahren an Krebs. Und auch Holtorf wird das Brennen der Säure auf der Haut, wenn er die Netze damals vor dem Stader Industriegebiet aus dem Wasser zog, nie vergessen. Der Hautkrebs, den Ärzte vor drei Jahren operieren mussten, war ebenfalls eine Folge von Umweltgiften.

Doch Holtorf geht es wieder gut. "Ich habe wohl Glück gehabt und die richtigen Gene", sagt er und blickt über den Fluss, erklärt, wie aus dem großen Schlickgebiet zwischen den Elbinseln Pagensand und Drommel bald eine Insel werden wird. "Dort wachsen schon die Binsen." Und nur einen Augenblick weiter schweift sein Blick über die Reste des Kirchspielortes Bishorst: "Dort haben wir als Jungs gebadet, die Baggerfahrer auf der Elbe haben uns dafür extra Sand gebracht."

Nur wenn heute die Bagger ihr Werk machen, "und sie sind schon kräftig dabei, die Elbe wie geplant für die nächste Containergeneration zu vertiefen", dann verspürt der kräftige Fischer ein Unwohlsein. "Da werden viele Bomben und Granaten aus dem Zweiten Weltkrieg aufgewühlt, die damals im Flussbett landeten und jetzt tief unten im Sand vor sich hingammeln" - doch davon wussten die Minister, die sich im Schulauer Fährhaus versammelten, kaum etwas. Dort übergab die Kieler Umweltministerin den Vorsitz an ihren thüringischen Partner. Elbfischer Holtorf zog derweil ein paar Kilometer stromabwärts seine Aale und Zander aus dem Netz. Und der Fluss fließt weiter, zeigt alle zwölf Stunden ein paar seiner Wunden und wenig später sind sie wieder verschwunden.