Pinneberg

Dieses Mallorca liegt mitten in der Elbe

Wedel: Keine Straße, keine Fähre - die Insel Hanskalbsand ist jetzt ein verwunschenes Paradies. Warnung vor der Strömung: "Wenn bei Niedrigwasser Schiffe schnell vorbeifahren, reißt es einem die Beine weg."

Wedel. Warm küßt die Sonne die braune Haut der Insulaner. Sanft plätschern die Wellen an den hellen Strand, wenig später sprudelt dort für ein paar Minuten eine aufregende Brandung, in der ein paar Kinder vor Vergnügen quietschen. Deren Eltern beobachten den Trubel von der Bastmatte aus, die im Schatten eines großen Baumes liegt. Irgendwo weiter hinten: ein Zelt mit Lagerfeuer. Außer Sichtweite, versteckt hinter Büschen, noch eines, irgendwo in der Ferne eine kleine, schilfumstandene Lagune, überall Vogelzwitschern, zirpende Grillen und eine Duftmischung von Gräsern und Wasser. Mallorca? Ibiza? Oder sogar Hawaii? Weit gefehlt. Es ist Hanskalbsand, das Mallorca in der Elbe vor Wedel.

"Wozu muß ich wegfliegen? Das Paradies liegt doch um die Ecke", strahlt Thomas Engelhardt. Wann immer er kann, schippert er mit seinem Schlauchboot von Wedel aus herüber und genießt das einzigartige Flair dieses verwunschenen Fleckens. Keine Straße führt nach Hanskalbsand, keine Fähre steuert es an - deshalb gibt es immer noch Einsamkeit in Sichtweite der Metropole. Damit ist natürlich nicht Wedel, sondern Hamburg gemeint. Von der Insel aus ist ein fulminanter Blick weit elbaufwärts möglich.

Heute ist Thomas Engelhardt mit Irene Körner, Michael, Sina und Sam-Leon gekommen. Die Angel hängt im Strom, vielleicht beißt ja was fürs Grillen überm Lagerfeuer. Und wenn nicht, ist es auch nicht so schlimm. "Dann fahren wir kurz zu Isis Grill in Schulau, in den Hamburger Yachthafen oder auf eine Pizza rüber in den Strandclub", lacht Engelhardt.

Bei Jensens, ein paar Dutzend Meter weiter hinter den umgestürzten Weiden, wird das Boot gerade klar gemacht, um aus Lühe Pommes und Hamburger zu besorgen. "Keine Scherben, Super-Sand, prima Wasser - klasse hier", bringt es Torsten auf den Punkt. Marcel, Sherine, Celina und Justin toben im Wasser. "Nicht so weit raus, da kommt 'n Schlepper!" Und der macht Welle. Im Nu brodelt es am Strand. Gefährlich? "Na, klar. Man muß schon aufpassen. Besonders bei Schleppern und den Katamaran-Fähren gibt es Wellen. Da ist es sicherer, wenn die Kinder Schwimmwesten tragen."

Aber so schnell, wie der Strudel kam, ist er auch wieder verschwunden. "Richtig Klein-Mallorca hier", schwärmt Torsten Jensen - Langeweile kommt nie auf. Feuer machen, Frisbee spielen, in den Bäumen Schaukeln bauen und bei Ebbe Federball auf dem dann mächtig breiten Strand spielen - all das, was er schon während seiner Kindheit mit seinem Vater gemacht hat, setzt er jetzt an gleicher Stelle mit den eigenen Kindern fort.

Ebenso wie Peter Kalytta, der mit Lennart und Ole aus Wedel auf der "Hui Buh" angeschippert kommt, wann immer Zeit ist. "Schon mein Vater hatte ein Boot, und immer im Sommer hatten wir ein festes Zelt hier. Die ganzen Ferien haben wir hier verbracht." Und heute ist es noch schöner als damals. "Das Wasser ist viel besser geworden. Bedenken beim Baden habe ich überhaupt keine. Das beweist auch der Fischreichtum. Sogar Lachse hat mir ein Fischer neulich gezeigt", sagt Peter Kalytta. Auch er warnt aber vor dem Schiffsverkehr. "Man muß höllisch aufpassen, besonders bei Niedrigwasser. Wenn dann Schiffe schnell vorbeifahren, reißt es einem die Beine weg."

Das könnte noch heikler werden, wenn die Fahrrinne weiter ausgebaggert wird. Aber ohne die oft kritisierte Elbvertiefung gäbe es die ganze Insel nicht. Hanskalbsand ist nur entstanden, weil Anfang des vorigen Jahrhunderts immer größere Schiffe den Hamburger Hafen ansteuerten. Zwischen 1906 und 1914 entstanden so Hanskalbsand und das benachbarte Schweinesand. Sie gehören zu Niedersachsen, aber wenn es brennt - und das im Wortsinne - rückt auch schon mal die Freiwillige Feuerwehr Wedel an.

Doch das ist die ganz große Ausnahme. Denn die Insel-Touristen sind nur geduldet, und weil sie das wissen, gehen die allermeisten sehr umsichtig mit dem Eiland um. Thomas Engelhardt: "Das Paradies muß man doch unbedingt erhalten."