Norderstedt. Warum es sich lohnt, zur Europawahl am Sonntag zu gehen: Unternehmer und Politiker aus Norderstedt nennen viele gute Gründe.

Für viele ist sie ganz selbstverständlich. So selbstverständlich, dass ihnen nicht klar ist, was ihr Verlust oder ihre Beschädigung bedeuten würde: die EU. Sie beeinflusst stark das Leben der Bürger in Norderstedt und Umgebung, EU-Gesetze und EU-Mittel wirken überall. Aber rechtspopulistische Kräfte würden die EU am liebsten abschaffen, und diese könnten bei der Europawahl am Sonntag sehr stark werden.

Warum ist es wichtig, am 9. Juni wählen zu gehen? Das haben wir Unternehmer und Politiker aus Norderstedt und der Region gefragt.

Norderstedt: Warum Kreuzfahrt-Touristen zur Europawahl gehen sollten

Andreas Herrmann, Inhaber des Reisebüros Herrmann Touristic in Norderstedt-Mitte.
Andreas Herrmann, Inhaber des Reisebüros Herrmann Touristic in Norderstedt-Mitte. © FMG | Claas Greite

Andreas Hermann, Inhaber des seit Jahrzehnten bekannten Norderstedter Reisebüros Hermann Touristic, sagt: „Ohne einheitliche Reise- und Grenzregeln der EU gäbe es mit Sicherheit wieder lange Staus an den Grenzen und Flughäfen.“ Dadurch dass die Reiseveranstalter nach einem Ende des Euro wieder das Währungsrisiko tragen müssten, würden sich die Preise für Urlaube in Ländern wie Spanien oder Griechenland „mit Sicherheit erhöhen.“

Was ein EU-Aus für die beliebten Kreuzfahrten bedeuten würde, skizziert er so: „Auch diese Reisen würden sich erschweren und verteuern.“ Denn bei einer Kreuzfahrt würden in der Regel viele Länder angesteuert. „Durch die dann sicherlich sehr unterschiedlichen Einreisebestimmungen und die Wiedereinführung der Reisepasspflicht würde alles erheblich komplizierter.“ Für das Reisebüro Herrmann könnte ein Ende der derzeitigen Reisefreiheiten bedeuten, dass weniger gebucht würde.

Jungheinrich-Sprecher: Brexit als „mahnendes Beispiel“

Der Norderstedter Sitz des Unternehmens Jungheinrich.
Der Norderstedter Sitz des Unternehmens Jungheinrich. © THORSTEN AHLF / FUNKE FOTO SERVICES | Thorsten Ahlf

Auch für das in Norderstedt ansässige, weltweit tätige Unternehmen Jungheinrich hätte ein EU-Aus sehr negative Folgen. Sprecher Benedikt Nufer sagt: „Jungheinrich profitiert, wie alle exportierenden Unternehmen, durch die EU vom Zugang zu einem der größten Wirtschaftsräume und wichtigsten Binnenmärkte der Welt. Ohne EU drohten Europa Zollschranken und Handelsbarrieren. Die Folge wäre eine geringere Wettbewerbsfähigkeit für Unternehmen und höhere Kosten für Konsumenten.“

Einschränkungen bei der Arbeitnehmerfreizügigkeit , so Nufer weiter, würden zudem den Fachkräftemangel „noch einmal verschärfen und die Innovationsfähigkeit und Produktivität beeinträchtigen.“ Der Brexit und seine Folgen für die Menschen in Großbritannien solle „uns ein mahnendes Beispiel sein“, so der Unternehmenssprecher.

WKS-Geschäftsführer: „Vorteile der EU überwiegen bei Weitem“

Clemens Hermann, Geschäftsführer der Wirtschaftsentwicklung des Kreises Segeberg (WKS), sagt: „Ich bin überzeugt, dass die Vorteile der Europäischen Union gegenüber den häufig sehr laut diskutierten Nachteilen bei Weitem überwiegen. Der EU-Binnenmarkt eröffnet unseren Unternehmen große Absatzmärkte und hilft uns in vielen Branchen, unsere immer größer werdende Lücke bei Fach- und Arbeitskräften zu verkleinern.“

Ein Beispiel für die günstige Wirkung der Zusammenarbeit sei der Fehmarnbelttunnel, der derzeit gebaut wird. Dieser biete „für uns, als Teil der HanseBelt-Region mit der begünstigten Lage zwischen Hamburg, Lübeck und Kiel, ganz neue Potentiale im Zusammenspiel mit den näher rückenden skandinavischen Nachbarn.“

Auch Clemens Hermann verweist auf das mahnende Beispiel von Großbritanniens Austritt: „Wer glaubt, dass wir ohne EU besser dran sind, braucht nur den Blick auf die negativen Folgen des Brexit in Großbritannien zu werfen.“

Landrat: „Europa muss stärker werden, nicht schwächer“

Kreispräsident Jörg Buthmann und Landrat Peter Schröder (r.).
Kreispräsident Jörg Buthmann und Landrat Peter Schröder (r.). © Michaela Plambeck | Michaela Plambeck

Einen anderen Punkt unterstreicht Jan Peter Schröder, Landrat des Kreises Segeberg. Er nennt Russlands Angriff auf die Ukraine als historische Herausforderung. „In Europa herrscht Krieg. Und nicht nur deswegen brauchen wir den Zusammenhalt mit den anderen europäischen Staaten“, sagt Jan Peter Schröder, Landrat des Kreises Segeberg.

Er hält die Europawahl am Sonntag für noch wichtiger als jene vor fünf Jahren, denn gemeinsam gelte es dieses Mal, einen starken Rechtsruck in der Europäischen Union (EU) zu vermeiden. „Europa muss stärker werden, nicht schwächer durch nationalistische Interessen.“ Zusammen mit Kreispräsident Jörg Buthmann ruft Schröder daher alle Berechtigten auf, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen und sich mit der eigenen Stimme ins politische Geschehen einzumischen.

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Norderstedts Oberbürgermeisterin Katrin Schmieder sagt: „Wählen ist wichtig – auch und gerade mit Blick auf Europa. Ein demokratisches und geeintes Europa ist in diesen Krisen- und Kriegszeiten wichtiger denn je. Überlassen wir unser Europa nicht den radikalen Kräften. Und Europa ist auch nicht ‚ganz weit weg‘: Viele Entscheidungen auf europäischer Ebene haben direkte Auswirkungen auf unser kommunales Handeln.“

EU finanziert viele Projekte vor der Haustür

Wem das alles zu theoretisch ist, der kann die Auswirkung von EU-Politik auch ganz handfest vor der eigenen Haustür im Kreis Segeberg finden. In den drei sogenannten Aktiv-Regionen „Holsteins Herz“, „Auenland“ und „Holsteiner Auenland“, die Fördermittel aus europäischen Quellen an Projekte im ländlichen Raum vergeben.

Zum Beispiel für die Errichtung einer Photovoltaik-Anlage auf dem „MarktTreff“ in der Gemeinde Glasau. Im März 2023 wurde der „MarktTreff“ mit „Tante-Enso“-Laden eröffnet. Der Supermarkt hat rund um die Uhr geöffnet und das Café mit Backshop dient als sozialer Treffpunkt im Ort.

Die Gemeinde Glasau möchte „MarktTreff“ und Supermarkt nun durch die Installation einer Photovoltaik-Anlage (43 Module/ 375 Watt) selbst mit Strom versorgen. Das soll nicht nur Energiekosten reduzieren, sondern auch einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Die Projektkosten belaufen sich auf 83.000 Euro, die EU-Förderung beträgt 44.000 Euro.

EU-Zuschuss macht Dorfgemeinschaft möglich

Die Gemeinde Nahe hat für den Kindergarten an der Straße „Hüttkahlen“ sowie für die Öffentlichkeit einen modernen Spielplatz gebaut. Kinder und Jugendliche freuen sich über Klettergerüst, Karussell, Trampoline und Schaukeln. Zudem gibt es einen Ballfangzaun zum benachbarten Sportplatz. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 127.000 Euro, die Fördersumme lag bei knapp 58.000 Euro.

Aus dem alten Feuerwehrhäuschen im Ortskern von Hartenholm soll ein zentraler Anlaufpunkt und Kommunikationsort für alle Einwohnerinnen und Einwohner werden. Geplant sind Büros für Bürgermeister, Dorfkümmerin und Integrationsbeauftragten. Ziel der Gemeinde ist es, Transparenz und Offenheit für Anliegen der Menschen zu schaffen und die Aufgaben und Funktionen zusammenzuführen. Die Umsetzung des Projekts kostet 120.000 Euro. 50.000 Euro gibt es als Zuschuss von der EU..