Norderstedt. Virtuos und gefühlvoll: Der „King of Klezmer“ aus Israel zieht in der Johanneskirche auch mit 88 Jahren noch seine Zuhörer in den Bann.

Singend schreitet er langsam in die Kirche. Doch er singt nicht mit seiner Stimme. Sondern mit seiner Klarinette. Selten ist ein Musiker mit seinem Instrument derart vereint wie Giora Feidman. Das Holzblasinstrument gehört zu ihm wie Arme und Beine, Ohren und Augen, Herz und Seele. Rund 200 Zuhörerinnen und Zuhörer feierten den „King of Klezmer“ bei seinem Konzert „Revolution of Love“ in der Norderstedter Johanneskirche.

Giora Feidman versteht seine Konzerte als Botschaften des Friedens und der Einheit und sich als Friedensbotschafter. Ende 2023 schloss er mit seinem Klavierbegleiter Vytis Šakūras und seinem Komponisten Majid Montazer das Programm „Friendship“ ab, um jetzt mit „Revolution of Love“ seine Friedensbotschaft zu verkünden als „musikalischen Ausdruck eines friedlichen Protestes“.

Giora Feidman in Norderstedt: Für den Frieden, für die Liebe

Schon lange spielt der Musiker, der in Argentinien geboren wurde und als 21-Jähriger nach Israel zog, nicht mehr nur traditionelle Klezmer-Lieder, sondern neue Songs, die für Frieden und Liebe werben. Sehr berührend vermittelt er sein tief empfundenes Anliegen, dass Frieden und Liebe die einzigen Wege zum menschlichen Dasein und Miteinander sind.

Dabei geht er nicht nur auf die aktuellen Kriege in seiner Heimat Israel und in der Ukraine ein, sondern auch auf den Zweiten Weltkrieg, auf die stillen Helden, die Jüdinnen und Juden vor dem Rassenwahn der braunen Machthaber gerettet haben. „Sie riskierten ihr Leben“, sagte Feidman. „Silent Heroes“ von Majid Montazer, diesem Mann aus Teheran, setzt ihnen ebenso ein Denkmal wie die Auszeichnung „Gerechte unter den Völkern“ der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Auch die Herkunft seines Komponisten gehört zu Giora Feidmans Friedensbotschaft: „Der eine ist Moslem, der andere Jude, der eine kommt aus dem Iran, der andere aus Israel“, beschreibt Feidman seine Beziehung zu Montazer und umarmt ihn.

Der israelische Meister-Klarinettist Giora Feidman stellte dem Publikum auch seinen Komponisten Majd Montazer aus dem Iran vor.
Der israelische Meister-Klarinettist Giora Feidman stellte dem Publikum auch seinen Komponisten Majd Montazer aus dem Iran vor. © Heike Linde-Lembke | Heike Linde-Lembke

Programm voller Höhepunkt: Traditionals, Leonard Cohen, ein Gebet und ein Tango

Mit den israelischen Traditionals „Schalom Chaverim“ und „Happy Nigun“ (Glückliche Melodie, Sprache der Seele) eröffnete der große Klarinetten-Spieler das Konzert, bevor er Kompositionen wie „Revolution of Love“, „The Sound of Soul“ bis zu „Friendship“ und „Happiness“ viel Raum, Zeit und Intensität gab. Höhepunkte seines neuesten Programms sind aber auch „Halleluja“ von Leonard Cohen und „The Entertainer“ von Scott Joplin. Erklang der Cohen-Song wie ein intensiv gesprochenes Gebet, so sorgte „The Entertainer“ für eine fröhliche Stimmung. Temperamentvoll wurde es mit dem Tango „Adios Nonino“ von Astor Piazzolla.

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Giora Feidman entführte das Publikum mit seiner Moderation tief in seine Welt des Friedens und der Liebe, ließ die 200 Zuhörerinnen und Zuhörer „Schalom Chaverim Lehitraot“ (Schalom Freunde, auf Wiedersehen) singen, mal laut, mal leise und besinnlich.

In vielen Liedern brachte er seine Klarinette zum Singen und Tanzen, trieb sie in höchste Töne und tiefe Melancholie, ließ sie kaum hörbar, traurig und mahnend, dann wieder frohlockend und dreckig erklingen bis zum Swing.

Giora Feidman in Norderstedt: Beziehung zwischen Juden und Deutschen „größtes Wunder nach dem Zweiten Weltkrieg“

Er lobte die heutigen Beziehungen zwischen Juden und Deutschen wahrlich in den höchsten Tönen als „größtes Wunder nach dem Zweiten Weltkrieg“ und als Beispiel für die Größe der Liebe. Aber immer noch herrsche Krieg auf Erden, doch „Menschen dürfen Menschen nicht töten, genug ist genug!“

Als feine kleine, zu Herzen gehende Weise ließ er „The Sound of Soul“ von Montazer erklingen, stets kongenial von Pianist Vytis Šakūras begleitet. Feidman, der gerade seinen 88. Geburtstag feierte, witzelt über sich selbst, lobt die Musik als Bindeglied unter Freunden, jongliert mit ihr virtuos zwischen Übermut und Trauer, Fröhlichkeit und Schmerz. Das Publikum erhob sich nach einigen Zugaben und applaudierte dem Friedensbotschafter Giora Feidman voll Dankbarkeit.