Engagement gegen Rechts

Die Zeitzeugin der NS-Zeit sprach Klartext

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Christopher Herbst
Marianne Wilke (2. von rechts) und ihr Sohn Jens waren auf Einladung des Bündnisses für Demokratie und Vielfalt ins Bürgerhaus gekommen.

Marianne Wilke (2. von rechts) und ihr Sohn Jens waren auf Einladung des Bündnisses für Demokratie und Vielfalt ins Bürgerhaus gekommen.

Foto: Christopher Herbst

Beim Aktionstag „Aus der Geschichte lernen“ im Bürgerhaus vernetzten sich Organisationen, die sich gegen Rechtsextremismus stark machen.

Henstedt-Ulzburg.  Klartext kann man auch sprechen mit einer leisen Stimme. Marianne Wilke ist 92 Jahre alt, doch ihr Blick auf die Welt bleibt wach und kritisch. „Aus der Geschichte lernen“, so hatte das Henstedt-Ulzburger Bündnis für Demokratie und Vielfalt seinen Aktionstag im Bürgerhaus genannt. Während in den Fluren und im Hauptsaal mehrere Ausstellungen aktuelle und historische Entwicklungen des Rechtsextremismus, des Antisemitismus, auch von Verschwörungsideologien, aufzeigten, wurde ebenso deutlich: In der Region vernetzt sich das Engagement gegen Hass und Hetze zunehmend. Ob nun unter anderem die „Omas gegen Rechts“ und „Segeberg bleibt bunt“ aus Bad Segeberg, das Bündnis für Demokratie und Zivilcourage aus Kaltenkirchen, das Zentrum für Betroffene Rechter Gewalt – oder die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (Bund der Antifaschisten).

Doch Geschichte wird zuerst von Zeitzeugen weitergegeben. Marianne Wilke, Ehrenvorsitzende des VVN, ist Jahrgang 1929, geboren in Hamburg, ihr Vater war Jude, ihre Mutter nicht. Sie wuchs in einer Diktatur auf, die geprägt war von der rassistisch-völkischen Ideologie des Nationalsozialismus. „Ich war sieben Jahre alt, da kam ein Junge auf meinen Bruder und mich zu. ‚Meine Mutter sagt: Ihr seid Juden!‘ Ich wusste gar nicht, wovon er spricht.“ Doch es dauerte nicht lange, da wurde es auch den Kindern klar. Sie wurden zu Menschen zweiter Klasse. Zuhause sei es dann immer um eine Frage gegangen: „Kommt es noch schlimmer oder müssen wir weg aus Deutschland?“

Granaten-Weitwurf im Sportunterricht

Der Schulunterricht war voller Propaganda. Ihr Bruder übte Granaten-Weitwurf im Sportunterricht. „Aber am schlimmsten war Biologie. Es ging immer um Blut. Deutsches Blut ist edel, jüdisches das niedrigste, das es gibt. Nie dürften sich deutsches und jüdisches Blut vermischen. Das ist Blutschande.“

Die Zeiten wurden immer schwieriger. „Meine Mutter hat meinen Vater immer geschützt.“ Doch bei den Großeltern mussten sie gelbe Judensterne auf die Kleidung nähen. „Können Sie sich vorstellen, damit durch die Straßen zu gehen? Das ist derartig diskriminierend. Jeder darf einen anspucken, schlagen.“ Selbst das Fahrradfahren wurde ihnen später verboten. Die Familie überlegte, zu fliehen. Doch ohne Visum und zudem eine Einladung einer Familie war das nicht möglich.

Die Großeltern wurden deportiert, von Dammtor nach Riga gebracht, dort ermordet. Genauso wie weitere Verwandte. „Für diese liegen heute Stolpersteine in Hamburg.“ Marianne Wilkes Vater wurde am 19. Februar 1945 nach Theresienstadt transportiert. „Er hat überlebt.“ Sein Glück: Der Krieg war am 8. Mai zu Ende, die Vernichtung stoppte. „Die unmittelbare Lebensbedrohung war nicht mehr da.“

Wilke hat ihr Leben dem Kampf gegen Faschismus verschrieben. „Wir dürfen nicht gleichgültig sein. Wir müssen uns engagieren“, sagt die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes. „Ob nun für das Klima oder gegen Nazis, für soziale Fragen, für mehr Wohnraum. Wir müssen uns bemühen, einen Teil dazu beitragen, dass die Welt ein bisschen besser wird.“

Empörung über AfD eint viele Henstedt-Ulzburger

In Henstedt-Ulzburg war vor einigen Jahren die Empörung gegen die wiederholte Präsenz der AfD im Bürgerhaus – ein wunder Punkt für viele Menschen – der Anlass, dass sich eine Protestbewegung formierte, die heute eine starke Stimme im Ort ist. Ein Aktionstag mit Akteuren verschiedener Organisationen war dabei die nächste logische Stufe. Dazu gehörte auch eine politische Diskussion mit Vertretern der Parteien und Wählervereinigungen. Im wesentlichen Punkt waren sich alle einig: „Gegenhalten“, ob nun bei Alltagsrassismus oder anderer Hetze, da seien alle gefragt. „Auch im privaten Bereich, wenn es unangenehm ist“, sagte etwa der CDU-Landtagsabgeordnete Ole-Christopher Plambeck.

Doch bei den Aktionsformen muss jeder seinen eigenen Weg finden, auch das wurde beim Austausch sichtbar. „Dort, wo die schwarze Fahne der Antifa weht, gehe ich nicht zur Demo“, meinte Stephan Holowaty, FDP-Politiker aus der Gemeinde. Das Bündnis setzt Reizpunkte, das ist nichts Neues, hier kommen bürgerliche Henstedt-Ulzburger mit Antifa-Aktivisten zusammen. So etwas ist manchen etwas zu forsch.

„Wie stellen Sie sich vor, das Bündnis mehr unterstützen zu können?“, fragte Sprecherin Britta de Camp-Zang in die Runde. „Eine Unterstützung wäre, dass die AfD diese Räume nicht mehr nutzen kann“, sagte WHU-Gemeindevertreterin Karin Honerlah mit Blick auf das Bürgerhaus. Zumal das Bündnis, das kein eingetragener Verein ist, seine Veranstaltung nur ohne Mietkosten durchführen konnte, weil die örtliche Politik ebenso mit eingeladen hatte. In diesem Punkt müsse man die Benutzungssatzung ändern, so Honerlah.

Doch um die AfD-Treffen zu verhindern, fehlt es an einer Lösung. Ein Rechtsgutachten hatte für Henstedt-Ulzburg bekanntlich ergeben: Die einzige Möglichkeit wäre, sämtliche Veranstaltungen von Parteien oder Wählergemeinschaften im gemeindeeigenen Bürgerhaus per Satzung auszuschließen. Derzeit ist das politisch nicht durchsetzbar, auch wenn es durchaus Stimmen gibt, die sagen, man solle es auf eine Klage der AfD gegen ein Verbot, das nur für die Rechtspopulisten ausgesprochen wurde, ankommen lassen.

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