Prozess

Raubserie in Wahlstedt: Drittes Opfer überwältigte den Täter

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Thomas Geyer
Prozessauftakt im Kieler Landgericht um einen 27-jährigen Räuber aus Wahlstedt.

Prozessauftakt im Kieler Landgericht um einen 27-jährigen Räuber aus Wahlstedt.

Foto: Thomas Geyer

Ein 27-Jähriger war völlig verschuldet – und kam auf die schiefe Bahn. Das brachte ihn nun vor das Landgericht in Kiel.

Wahlstedt/Kiel.  Vielleicht lief es anfangs einfach zu glatt für den Täter: Ermutigt vom schnellen Erfolg, einem Bankkunden direkt am Geldautomaten mit vorgehaltener Pistole 600 Euro abzupressen, ließ er sich auf zwei weitere Raubüberfälle ein. Doch dann ging alles schief. Am Ende gelang es dem dritten Opfer sogar, den Täter mithilfe von zwei weiteren Zeugen festzuhalten.

Seit Mittwoch muss sich ein 27-jähriger Mann aus Wahlstedt wegen dreier Vorfälle im Tatzeitraum 15. Oktober bis 15. November 2021 vor dem Kieler Landgericht verantworten. Der Angeklagte ist hoch verschuldet und vorbestraft. Er hatte diverse Ausbildungen und Jobs abgebrochen, bevor er auf die schiefe Bahn geriet. Für den nächsten Verhandlungstag kündigte er über seinen Verteidiger ein Geständnis an.

Er lauerte seinen Opfern vor der Bank auf

Zum Prozessauftakt schilderte ein 20-jähriger Zeuge seine Begegnung mit dem Täter am Geldautomaten. Eigentlich wollte der große, kräftige Berufskraftfahrer abends in der Raiffeisenbank-Filiale „An der Eiche“ nur eine kleinere Summe abheben. Er dachte sich nichts dabei, als er draußen einen blonden Mann in Jeans und Bomberjacke vor dem Eingang herumstehen sieht. „Da kam er plötzlich von hinten mit Maske und Pistole und wollte 1000 Euro“, sagte der Zeuge aus. „Als ich sagte, soviel Geld habe ich nicht, wollte er meinen Kontostand sehen.“ Als der Täter erkennt, dass nur 690 Euro verfügbar sind, fordert er 600 Euro. Der Bankkunde hebt die Summe ab und übergibt sie dem Angeklagten, den er später im Gerichtssaal wiederzuerkennen glaubt. „Wenn ich die Polizei rufe, würde er mich umbringen“, habe der Bewaffnete gedroht.

Eine Frau weigerte sich standhaft, ihre Handtasche herzugeben

Der zweite Raubversuch des Täters nach derselben Masche misslingt. Die 47-jährige Wahlstedterin, die er am 10. November in einer Sparkassenfiliale am Markt ebenfalls gegen 20 Uhr mit einer Schusswaffe bedrohte, verweigerte entschlossen die Herausgabe von Bargeld. Nun zerrte der Maskierte mit der Sonnenbrille an ihrer Handtasche. Und scheiterte erneut am Widerstand der couragierten Zeugin, die ihr Eigentum festhielt. Der Täter ließ von der wehrhaften Frau ab und flüchtete ohne Beute.

Fünf Tage später misslang ihm der dritte Überfall trotz veränderter Strategie noch gründlicher. Diesmal hatte der Angeklagte Kontakt mit einem 34-Jährigen aus Kaltenkirchen aufgenommen, der über Ebay-Kleinanzeigen ein hochwertiges Smartphone für 750 Euro anbot. Er täuschte Kaufinteresse vor und lotste den Handybesitzer nach Wahlstedt vor die Raiffeisenfiliale. Hier tat er so, als wolle er am Geldautomaten die Kaufsumme abheben, versprach dem Zeugen sogar zusätzliche 50 Euro Spritgeld für die lange Anfahrt.

Zwei Zeugen verfolgten den Räuber gemeinsam mit dem Opfer

Nach dem Verlassen der Filiale trat der Angeklagte an das Fahrzeug des wartenden Verkäufers heran, hielt ihm durch das geöffnete Seitenfenster die Schusswaffe vor die Nase und forderte zwei Handys. Doch der Zeuge aus Kaltenkirchen warf seine beiden Smartphones in ein Gebüsch und rief laut um Hilfe. Zwei junge Männer stiegen aus ihrem Auto und halfen dem Überfallenen bei der Verfolgung des Täters. Auf einem Schulhof konnten die drei Verfolger ihn stellen und zu Boden bringen. Die Tatwaffe hatte der Angeklagte vorher in einer Hecke versteckt. Er wurde festgehalten, bis die Polizei eintraf. Am nächsten Tag erließ ein Richter Haftbefehl.

Für den am Mittwoch eröffneten Prozess vor dem Landgericht Kiel hat die 5. Strafkammer zwei weitere Verhandlungstage angesetzt. Nachdem ein Verständigungsgespräch zwischen den Prozessbeteiligten ohne Ergebnis blieb, wird ein Urteil gegen den 27-Jährigen frühestens Mitte Mai erwartet.

( gey )

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