Norderstedt

Die neue Masken-Freiheit – doch kaum einer will sie haben

| Lesedauer: 5 Minuten
Annabell Behrmann
Vor zwei Jahren ist Abendblatt-Redakteurin Annabell Behrmann zum ersten Mal mit Maske einkaufen gegangen. Nun wurde die Maskenpflicht im Einzelhandel in Schleswig-Holstein wieder aufgehoben.

Vor zwei Jahren ist Abendblatt-Redakteurin Annabell Behrmann zum ersten Mal mit Maske einkaufen gegangen. Nun wurde die Maskenpflicht im Einzelhandel in Schleswig-Holstein wieder aufgehoben.

Foto: Thorsten Ahlf

Einkaufen ist in Schleswig-Holstein ohne Mund-Nasen-Schutz erlaubt. Im Herold-Center führt das zu bisweilen paradoxen Situationen.

Norderstedt. An der U-Bahnstation Garstedt steige ich aus und laufe mit einem Pulk von Fahrgästen die Treppe in Richtung Herold-Center hoch. Oben angekommen reißt sich eine junge Frau die Maske vom Gesicht. Der Rest behält sie auf. Seit dieser Woche gilt in Schleswig-Holstein nur noch im öffentlichen Nahverkehr, in Pflegeeinrichtungen und für ambulante Pflegedienste Maskenpflicht – nicht aber mehr beim Einkaufen.

Bevor ich das Herold-Center betrete, drücke ich die FFP2-Maske noch ein Stück dichter auf meine Nase. Mit ihr habe ich ein gutes Gefühl. Besser als mit einer OP-Maske – die fühlt sich für mich angesichts von Hunderten Neuinfektion pro Tag im Kreis Segeberg so luftig an, als würde ich ein Sommerkleid im Winter tragen. Ohne Maske loszugehen, wäre für mich wie am FKK-Strand zu liegen.

Schleswig-Holstein: Maskenpflicht im Einzelhandel aufgehoben

Seit Beginn der Pandemie spiele ich in Team Vorsicht. Aber ich weiß nicht, wie sehr sich andere Menschen nach der alten Normalität sehnen. Ich kann verstehen, dass viele das Einkaufserlebnis „oben ohne“ angenehmer finden. Also stelle ich mich auf Besucherinnen und Besucher ein, die keine Maske mehr tragen – doch beim Gang durch das Herold-Center habe ich Mühe, sie zu entdecken.

Die meisten Menschen tragen nach wie vor Maske. Weil sie sich, so wie ich, geschützter fühlen? Oder weil sie bei dem ganzen Regelwirrwarr nicht mitbekommen haben, dass die Maskenpflicht gefallen ist? Nur vereinzelt laufen Besucher ohne Schutzbedeckung an mir vorbei. Jugendliche. Eine ältere Dame. Ein Mann mit seiner schwangeren Frau, die wiederum Maske trägt.

Automatisch frage ich mich auch nach ihren Beweggründen: Sind sie einfach entspannter, was das ganze Corona-Thema angeht? Freuen sie sich über ihre zurückgewonnene Freiheit? Oder hatten sie vielleicht gerade Corona und haben keine Angst, sich nach kurzer Zeit erneut zu infizieren?

Maskenpflicht: Paradoxe Situation im Herold-Center

Ich denke an einen Selbstversuch zurück, den ich vor ziemlich genau zwei Jahren ebenfalls im Herold-Center gemacht habe. Mein Auftrag damals: Wie fühlt es sich an, zum ersten Mal mit Maske shoppen zu gehen? Zu Beginn der Maskenpflicht trug ich wie die meisten eine selbst genähte Stoffmaske mit bunten Mustern. Es war ein komisches Gefühl – und ein ungewohnter Anblick. Das Lächeln der anderen Menschen nicht sehen zu können und das eigene verbergen zu müssen, störte mich besonders.

Zwei Jahre später fehlt es mir immer noch, aber man hat gelernt, anderen viel mehr von den Augen abzulesen. In dem Artikel damals beschrieb ich, wie schwer mir das Atmen unter der Maske fiel. Heute ist eine Einkaufstour mit FFP2-Maske zwar anstrengend – aber man hat sich an die Teile gewöhnt. Vor zwei Jahren setzte ich zum Luftholen die Maske in der Umkleidekabine heimlich ab – inzwischen weiß ich, dass das angesichts der herumfliegenden Aerosole nicht die beste Idee war. Wir haben dazugelernt. Uns an die Situation angepasst. Nun müssen wir einen Weg zurück in unser altes Leben vor der Pandemie finden. Oder ist es dafür noch zu früh?

Wie paradox die Lage ist, zeigt sich im Obergeschoss des Einkaufszentrums. An der Impfstation stehen Menschen jenseits der 70 mit ihren gelben Impfpässen in der Hand am Empfang. Ich vermute, dass sie sich ihre vierte Spritze abholen. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt eine vierte Dosis für Menschen über 70. Für sie kann auch die als harmloser geltende Omikron-Variante eine Gefahr darstellen. Im Wartebereich sitzen ausschließlich Impflinge, die eine Maske tragen. Sollte auf die Risikogruppe nicht weiterhin Rücksicht genommen werden? Ist es so schlimm, Mund und Nase in öffentlichen Bereichen zu bedecken? Oder ist die Zeit reif, dass jeder wieder so lebt wie er möchte?

Maskenpflicht aufgehoben: Nicht jeder fühlt sich wohl

In den meisten Geschäften tragen die Verkäuferinnen und Verkäufer genau wie ihre Kunden weiterhin eine Schutzmaske. Ich frage in der Buchhandlung Thalia nach. „Ich fühle mich sicherer mit Maske“, erzählt mir eine Mitarbeiterin. „Die Pandemie ist ja noch nicht vorbei.“ Das Team hätte gemeinsam darüber abgestimmt, weiterhin mit einer Mund-Nasen-Bedeckung zu arbeiten.

In einem Kleider-Geschäft läuft die Verkäuferin „oben ohne“ durch die Gänge. An der Kasse spreche ich sie an – mit mehr Hemmungen als bei der Thalia-Mitarbeiterin mit Maske. Schließlich will ich sie nicht maßregeln, es ist erlaubt, dass sie keinen Schutz mehr trägt. „Ich setze die Maske auf, wenn viel los ist im Laden“, sagt sie. Aber acht Stunden damit auszuhalten, sei anstrengend.

An der Kasse bei Rewe steht ein junger Mann ohne Maske hinter mir. Automatisch rücke ich einen Schritt weiter von ihm ab. Als ich meinen Einkauf mit Karte bezahlen will, ihm wieder näher kommen muss, weicht er zurück. Der Höflichkeitsabstand gilt offenbar immer noch. Nicht jeder fühlt sich mit der neuen Freiheit wohl. Das sollte genauso respektiert werden wie andersherum.

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