Norderstedt

Nach Artikel im Abendblatt: Traditionsgeschäft gerettet

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Heile Linde-Lembke
René Behrens hat noch jede Schraube, jeden Dübel einzeln auf Lager in den vielen Schubläden seines Ladens.

René Behrens hat noch jede Schraube, jeden Dübel einzeln auf Lager in den vielen Schubläden seines Ladens.

Foto: Heike Linde-Lembke

Viola und René Behrens aus Norderstedt können ihre Rechnungen wieder bezahlen, hadern aber mit impfunwilligen Paketkunden.

Norderstedt.  Viola und René Behrens können ihre Rechnungen wieder bezahlen. Das sah vor einem Jahr noch anders aus. Die Inhaber des Haushalts-, Eisen-und Waffengeschäfts an der Ulzburger Straße standen vor dem Aus. Der Grund: Corona und der Lockdown. Als die Geschäfte wieder öffnen durften, kam niemand mehr. Auch nicht zu den Behrens’. Zwar hatten viele Lieferanten ihnen ihre Rechnungen gestundet, doch auch sie waren auf deren Bezahlung angewiesen.

Das Hamburger Abendblatt berichtete im Februar 2021 über die Situation des Ladens. Viola und René Behrens gaben sich damals noch drei Wochen, bevor für immer Schluss gewesen wäre. Alle Rücklagen hatten sie aufgebraucht, sogar die Kapital- und Lebensversicherung beliehen, selbst das Konto der Mutter überstrapaziert.

Norderstedt: Artikel im Abendblatt brachte neue Kunden

Doch nun, zwölf Monate später, gibt es gute Nachrichten. „Der Bericht im Hamburger Abendblatt hat unsere Kundinnen und Kunden wieder zu uns gebracht und einige neue dazu“, freut sich René Behrens. Viele hätten gesagt, dass sie gar nicht wussten, dass es das Geschäft noch gibt. Und die Leute kauften auch wieder ein. Der Renner waren die Bratpfannen der Marke Gastro-Lux. „Die musste ich fünfmal nachordern“, sagt René Behrens. Kein anderes Geschäft in Norderstedt würde die Marke noch führen.

Auch Selbstverteidigungswaffen wie Pfeffersprays und Gaswaffen kaufte die Kundschaft wieder bei Behrens, dazu Edelstahl-Bestecke bis zu großen Schöpflöffeln. Ohnehin ist Behrens’ Laden einmalig in der Stadt. Hier gibt es noch Schrauben und Dübel einzeln statt im Zehnerpack, und wer zu seiner Handeule das passende Kehrblech sucht, wird ebenfalls fündig.

Corona bedrohte das Traditionsgeschäft

Der kleine Laden an der Ulzburger Straße 8 lädt mit seinen Ecken und Winkeln, mit nostalgischen Schubladenschränken und Vitrinen zum Stöbern ein. Viola und Ehemann René Behrens bieten fast alles vom Allesschneider über Kaffeekannen bis zu Mäusefallen, Wetzstäben und Zitronenpressen. Und was sie nicht im Geschäft haben, das besorgen sie.

Doch vor einem Jahr stand das sympathische Sammelsurium an Waren vor dem Aus. Ein Stückchen Händlertradition in Norderstedt drohte zu verschwinden. Bereits vor mehr als 60 Jahren war der Waffen-, Eisenwaren- und Haushaltshandel Wolfgang Malchow eine gute Adresse am Harksheider Markt, eröffnete eine Filiale im Herold-Center, um dann, als die Kundinnen und Kunden ihren Haushaltsbedarf bei der Konkurrenz der großen Kaufhäuser deckten, an die Ulzburger Straße 8 zu wechseln. Viola und René Behrens haben bei Wolfgang Malchow im Einzelhandel gelernt, und sie lernten sich dort auch kennen, heirateten – und übernahmen das Geschäft im Dezember 2008.

Vor Corona kamen 40 Kunden pro Tag, dann brach das Interesse ein

Und nun gibt es die Chance, die Tradition fortzuführen. „Jetzt sehen wir wieder Licht, wir haben lediglich noch Mietrückstände für den Laden und unsere Wohnung“, sagt René Behrens, der seit November obendrein frühmorgens, mittags und sonntags im Nebenjob als Fahrer der Norderstedter Bäckerei Rathjens arbeitet. „Wir haben noch Glück, denn weil wir für den Versanddienst Hermes-Pakete annehmen, durften wir im Lockdown von 9 bis 18 Uhr öffnen“, sagt René Behrens.

Vor Corona kamen 40 Kundinnen und Kunden pro Tag, vor einem Jahr waren es nur drei, jetzt sind es wieder neun bis zehn Interessenten. „Das hilft uns schon viel weiter, aber wir hoffen jetzt auf Umsätze wie vor Corona, um auch unsere Mietrückstände zahlen zu können“, sagt Behrens.

Impfunwillige Paketkunden bepöbeln die Geschäftsleute

Pro Hermes-Paket gebe es 30 bis 50 Cent. Doch gerade die Kundschaft des Paketdienstes bereiten dem Ehepaar Behrens Sorgen. „Kundinnen und Kunden, die Haushaltswaren kaufen, zeigen bereitwillig ihre Impf- und Personalausweise vor, nicht aber die, die ihre Hermes-Pakete abholen. Wenn wir die um die Ausweise bitten, werden wir angepöbelt und sogar bedroht“, bedauert Behrens.

Er könne die ungeimpften Paket-Kundinnen und -Kunden aber nicht in sein Geschäft lassen. „Wenn eine Kontrolle kommt, bin ich meine Existenz los, außerdem verstehe ich nicht, warum sich jemand nicht impfen lässt.“ Die Leute kommen ihm nicht in den Laden, die Pakete gehen zurück an Hermes, das zieht er korrekt durch. „Wir hoffen jetzt nur, dass sich das Leben wieder normalisiert und es weiter bergauf geht“, sagt René Behrens.

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