Segeberger Geheimnisse

Das Geheimnis der Insel im Neversdorfer See

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Frank Knittermeier
Dorfchronist Peter Schultze weiß viel über die Insel im Neversdorfer See. Betreten hat er sie jedoch noch nie.

Dorfchronist Peter Schultze weiß viel über die Insel im Neversdorfer See. Betreten hat er sie jedoch noch nie.

Foto: Frank Knittermeier

Zu dem See haben nur wenige Einwohner Zugang. Die Insel darf nicht betreten werden – und ist ein Tabu-Thema für die Neversdorfer.

Neversdorf ist ein beschauliches und übersichtliches Dorf: Knapp 750 Einwohner leben hier in idyllischer Ruhe. Markant ist der See, der beliebter Ausflugsort und beliebtes Naherholungsgebiet sein könnte. Ist er aber nicht: Es gibt viele Neversdorfer, die diesen See zwar erahnen, ihn aber kaum je zu Gesicht bekommen. So unglaublich es klingen mag: Zugang zum rund 83 Hektar großen See haben nur wenige Einwohner - vor allem diejenigen, die das Glück hatten, vor Jahren ein Seegrundstück kaufen zu können.

Alle anderen können sich glücklich schätzen, wenn sie von wenigen Standpunkten aus schnell mal einen Blick auf den See werfen können. Aber das ist wenig attraktiv, weil es keinen Weg gibt, der am See entlang führt. Das Geheimnisvollste an diesem geheimnisvollen See aber ist die Insel. „Wahrscheinlich hat kein Einwohner jemals einen Fuß auf die Insel gesetzt“, vermutet Peter Schultze (84), der die Dorfchronik vor einigen Jahren mit herausgegeben hat.

1985 ist der ehemals selbstständige Gärtner mit seiner Familie von Langenhorn nach Neversdorf in ein 1864 erbautes Bauernhaus gezogen, um in ländlicher Abgeschiedenheit seine Ruhe zu finden. Während dieser Zeit hat Peter Schultze niemanden kennengelernt, der jemals auf der Insel war. Und das ist auch kein Wunder: Denn im Leben und in den Gedanken der Neversdorfer spielt diese Insel keine Rolle. Von Neversdorf aus betrachtet ist kaum zu erkennen, dass es sich um eine Insel handelt. Zu sehen ist ein dichter Baumbewuchs. Mehr nicht. Erst Google Earth gibt Aufschluss: Ein schmaler Wasserstreifen trennt die Insel vom nördlichen Uferrand.

Neversdorfer See: Geheimnis um die kleine Insel

Der Neversdorfer See mit einer Länge von 2,5 Kilometer und einer größten Breite im Westen von 500 Meter birgt viele Geheimnisse. Vor allem um die kleine Insel haben sich im Laufe der Jahrhunderte alle möglichen Vermutungen geschlungen. Bei dem Versuch, Sage und Wirklichkeit auseinanderzuhalten sind interessante Dinge entdeckt worden.

So soll auf der Insel eine Schule gestanden haben, zu der Kinder aus Neversdorf und Krems 1 mit dem Boot gebracht wurden. Andere berichten von einem Kloster oder einer Kapelle. Was liegt da näher, als dass dann auch eine Nonne hier eingemauert wurde? In der Reformationszeit sollen katholische Mönche hier Zuflucht gefunden haben. In engster Beziehung damit steht das nahe gelegene Ufer an der Neversdorfer Straße, an dem vermutlich die Burg der drei Junker gestanden haben soll. Alles interessante Vermutungen, nichts davon lässt sich wirklich belegen, heißt es in der Dorfchronik.

Aber die untere Naturschutzbehörde des Kreises Segeberg befeuert die Ahnungen und Vermutungen: Auf einer alten Karte ist ein nicht näher definierter denkmalgeschützter Bereich eingezeichnet. Das archäologische Denkmal soll genau in der Mitte der Insel stehen. Worum es sich handelt, geht weder aus der Zeichnung noch aus dem beigefügten Text hervor.

Um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, ist also ein Besuch auf der Insel nötig. Der schnell gefasste Plan, lässt sich allerdings nur umständlich realisieren. Nötig ist nicht nur ein Boot, sondern auch gutes Wetter – und vor allem eine behördliche Genehmigung. Die wird mit Bedenken erteilt, weil es sich hier um ein Landschaftsschutzgebiet handelt: Die Röhrichtbestände im Uferbereich seien zudem gesetzlich geschützt und dürften keinesfalls niedergetreten werden. Und überhaupt: „Das Betreten sollte schonend, mit Rücksichtnahme auf die vorhandene Vegetation erfolgen – nicht nur bezüglich der geschützten Röhrichtbestände“, teilt der Kreis Segeberg mit.

Diese Inselwelt ist still und verlassen

Was also erwartet einen Besucher auf der baumbestandenen Insel? Verwitterte Mauern? Überreste vergangener Zeiten? Vom Neversdorfer Bootssteg ist das Ziel nur zu erahnen, aber nicht zu sehen. Eine Landzunge, auf der das imposante Reetdachhaus der Udo-Keller-Stiftung steht, verdeckt den Blick auf die Insel. 20 Minuten lockeres Rudern und das Rätsel steht vor der Auflösung.

Ein kurzer Sprung vom Boot und zu sehen ist – nichts. Also außer imposanten Eichen und Buchen, umgestürzten Bäumen, die auf dem Boden verwittern, dornigen Ranken, die das Vorwärtskommen auf dem weichen Blätterboden erschweren. Aber eben keine Mauerreste oder sonstige Anzeichen einer zivilisatorischen Nutzung der Insel. 1926 soll hier ein abenteuerlustige Hamburger einen zerstörten Pavillon gesehen haben, heißt es in der Dorfchronik. Sollte diese Beschreibung damals gestimmt haben, so ist heute nichts mehr davon zu sehen. Möglicherweise haben die Jahr für Jahr herabrieselnden Blätter der Baumriesen die Mauern verschlungen. Oder der Hamburger hat den Dorfbewohnern einen Bären aufgebunden. Wer weiß?

Diese Inselwelt jedenfalls ist still und verlassen. Im nördlichen Bereich sind die überwucherten Reste eines schmalen Dammes zu erkennen, der die Insel einst vermutlich mit dem Festland verbunden hat. Heute ist er nicht mehr passierbar. Immerhin lassen offenbar einstmals gerade gepflanzte Baumreihen erahnen, dass hier mal eine Art Park vorhanden war. Kann sein, muss aber nicht.

Um 1880 jedenfalls sollte die Insel zu einem Park umgebaut werden, der Besitzer soll dabei angeblich Ungeheuerliches gefunden haben: Goldschätze, Grabplatten, unter denen viele Knochen lagen, eine gepflasterte Hofstelle. Angeblich ließ er alles wieder zuschaufeln, damit von behördlicher Seite ja niemand darauf aufmerksam würde. Blühende Phantasie? Oder doch ein Körnchen Wahrheit? Das bleibt bis heute unklar. Aber derartige Berichte regen die Phantasie an und haben zur Legendenbildung rund um die Insel ganz erheblich beigetragen.

Für die Neversdorfer bleibt die Insel ein Tabu-Thema

Vor etwa 60 Jahren gab es offenbar weitere Grabungen auf der Insel, wobei einige archäologische Experten zu dem Schluss kamen, dass es sich um einen gut 1000 Jahre alten Ringwall handelt, der mehrere Jahrhunderte von Slawen besetzt war. Weiter verfolgt wurden diese Expertisen bis heute aber offenbar nicht.

Heute jedenfalls deutet nichts mehr auf einen Ringwall hin. Alle Spuren einer möglichen Zivilisation hat die Natur im Laufe von Jahrzehnten und Jahrhunderten vertilgt. Entstanden ist eine Landschaft, die sich selbst überlassen bleibt. Hier sterben Bäume ab, bleiben liegen und vermodern, der nährstoffreiche Boden fördert neues botanisches Leben. Der Kreislauf der Natur wird nicht durch menschliches Eingreifen gestört. Und weil das so bleibt, entsteht hier auf engem Raum ein paradiesischer Urwald.

„Kein Neversdorfer interessiert sich für diese Insel“, weiß Dorfchronist Peter Schultze aus eigener Erfahrung. „Sie ist geradezu ein Tabu-Thema für die Bewohner unseres Dorfes.“

Die kleine Insel im Neversdorfer See bleibt also weiter eine große Unbekannte, über die vermutlich auch noch in Jahrzehnten allerlei Vermutungen angestellt werden. Es sei denn, wissensdurstige Archäologen machen sich eines Tages auf, um zu ergründen, welches Geheimnis tatsächlich unter dem dicken Blätterboden steckt.

Die Insel im Neversdorfer See darf auch künftig nicht betreten werden, auf diese Feststellung legt die Untere Naturschutzbehörde des Kreises Segeberg wert. Am besten zu betrachten ist sie von der Leezener Seite. Dort gibt es am Ende der Seestraße eine unbewachte Badestelle am Wichmanns Berg. Der Neversdorfer See hat fünf Eigentümer: Die Gemeinden Neversdorf, Leezen, Krems 1, Bebensee sowie eine Privatperson.

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