Haus Hog’n Dor

Wie kam das Coronavirus ins Norderstedter Pflegeheim?

| Lesedauer: 10 Minuten
Annabell Behrmann
Ute Steenblock ist mit Corona infiziert und lebt im Seniorenpflegeheim Haus Hog'n Dor in Norderstedt. Die 82-Jährige bekommt Besuch von ihrer Familie.

Ute Steenblock ist mit Corona infiziert und lebt im Seniorenpflegeheim Haus Hog'n Dor in Norderstedt. Die 82-Jährige bekommt Besuch von ihrer Familie.

Foto: Annabell Behrmann

Gesundheitsministerium geht von ungeimpfter Mitarbeiterin als Quelle aus – aber der Infektionsschutz des Kreises hält sich bedeckt.

Norderstedt.  „Komm mal ans Fenster, Mutti.“ Jan-Peter Steenblock wartet vor dem Norderstedter Seniorenheim Haus Hog’n Dor. Mit dem Handy hat er Mutter Ute auf ihrem Festnetztelefon angerufen. Die 82-Jährige öffnet das Fenster im ersten Stock des Gebäudes. Unten auf dem Gehweg an der Ulzburger Straße winken ihr Sohn Jan-Peter, Schwiegertochter Juliane und die beiden Enkelkinder Johann (6) und Jan (2) zu. „Wie geht es dir?“, fragt die Familie fast im Akkord. Sie unterhalten sich weiter per Telefon. Ute Steenblock hört nicht mehr so gut. Der Lärm der vorbeifahrenden Autos ist zu laut, um sich auf mehrere Meter Distanz verstehen zu können.

„Mir geht es gut, danke“, sagt die Heimbewohnerin. Mit den Armen stützt sie sich auf dem Fensterrahmen auf und lächelt. „Schade, dass wir uns nicht richtig begrüßen können, aber das wird auch alles wieder besser.“ Die gebürtige Westpreußin ist Optimistin. Sie beklagt sich nie. Auch in der jetzigen Situation nicht. Seit mehr als zwei Wochen ist sie in ihrem kleinen Zimmer isoliert.

68 Rentner mit Corona infiziert – sechs Tote

Im Haus Hog’n Dor gab es einen Corona-Ausbruch, der das Heim mit voller Wucht getroffen hat. 68 von 76 Bewohnerinnen und Bewohnern haben sich mit dem Virus infiziert. 22 von etwa 70 Mitarbeitern sind ebenfalls positiv getestet worden. Sieben Todesopfer hat der Ausbruch bereits gefordert – sechs Bewohner sowie eine Kontaktperson eines Infizierten aus dem Heim sind verstorben. Zwei von ihnen waren nicht vollständig geimpft.

Auch Ute Steenblock ist an Corona erkrankt – glücklicherweise ohne Symptome. An ihr positives Testergebnis kann sie sich durch ihre zunehmende Demenz nicht mehr erinnern. Im Gegensatz zu ihren Angehörigen. Bei ihnen wirft der Ausbruch eine Menge Fragen auf. Allen voran: Wie konnte es zu einer solchen Infektionswelle kommen? Und warum hat sie niemand darüber informiert?

Angehörige erfuhren vom Corona-Ausbruch aus der Zeitung

Jan-Peter Steenblock hat in den Medien davon erfahren, dass das Pflegeheim seiner Mutter wegen eines Corona-Ausbruchs abgeriegelt ist. Das war am Montagabend, 18. Oktober. „Ich war fassungslos. Ich dachte, das muss ein Witz sein“, sagt der 48-Jährige. Erst Anfang Oktober hatte er Mutter Ute aus Oldenburg nach Norderstedt geholt und im Haus Hog’n Dor untergebracht. „Wir wollten sie an unserem Leben teilhaben lassen, sie regelmäßig zu uns nach Hause holen.“ Daraus wurde nichts. Das Heim bestätigte Steenblock auf Nachfrage am darauffolgenden Dienstagmorgen die Corona-Infektionen. „Seitdem herrscht Funkstille. Wir haben keinen einzigen Anruf mehr erhalten.“ Steenblock schüttelt mit dem Kopf. Ob seine Mutter immer noch infektiös ist, weiß er nicht. „Die Angehörigen müssen doch informiert werden!“

Hartmut Feddersen (74) hat sich beim Abendblatt gemeldet, weil er wissen wollte, seit wann der Corona-Ausbruch in der Norderstedter Pflegeeinrichtung bekannt ist. Auch ihm wurden die Fälle verschwiegen. Sein 80 Jahre alter Bruder, ehemaliger Bewohner des Heims, ist im Krankenhaus an oder mit Covid-19 verstorben. „Ich habe erst von der Klinik erfahren, dass mein Bruder Corona hat“, sagt Feddersen. Seine Stimme bricht am Telefon. „Warum hat man den Angehörigen nichts gesagt? Ich wüsste keinen Grund, warum man sie nicht über den Ausbruch hätte informieren sollen. Das ist unbegreiflich.“

Pflegeheim beklagt fehlende Hilfe der Behörden

Laut Gesundheitsamt des Kreises Segeberg seien Anfang Oktober die ersten Fälle im Haus bekannt geworden. „Da war ich noch mit meiner Mutter Kaffee trinken. Die hätten mich gar nicht mehr reinlassen dürfen“, sagt Jan-Peter Steenblock. Erst am Freitag, 15. Oktober, kurz bevor die Infektionen öffentlich geworden sind, durfte Steenblock seine Mutter nicht mehr besuchen. Da habe die Einrichtung noch von „Corona-Verdachtsfällen“ gesprochen, berichtet er. „Das war definitiv eine Lüge. Zu diesem Zeitpunkt müssen die Infektionen schon bekannt gewesen sein.“

Auf Anfrage des Abendblatts hat die Einrichtung keine Stellung bezogen. Bereits vor zwei Wochen aber sendete Geschäftsführerin Martina Homfeldt einen Hilferuf an die Öffentlichkeit. Der hohe Personalausfall durch die zahlreichen erkrankten Mitarbeiter führe zu Engpässen in der Versorgung. Es gebe auch „nach 19 Monaten pandemischer Lage keine Krisenintervention in Form von praktischer Unterstützung seitens der Behörden für Betriebe des Gesundheitswesens“, beklagte Homfeldt.

Grundsätzlich sei es immer die Aufgabe der Einrichtungsträger, bei jeglichen Krankheitsausfällen dafür zu sorgen, dass Personal vor Ort ist, erklärt Sabrina Müller, Sprecherin des Kreises Segeberg. „Die Einrichtung hat unserer Kenntnis nach Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus einer weiteren Einrichtung des Trägers zur Unterstützung hinzugezogen.“ Der Infektionsschutz sowie die Heimaufsicht würden im regelmäßigen Kontakt zum Haus stehen.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Jan-Peter Steenblock möchte dem Haus Hog’n Dor keine Vorwürfe machen. „Ich kreide dem Heim nicht viel an“, sagt er. Er hätte ein gutes Gefühl gehabt, seine Mutter in die Obhut der Einrichtung zu geben. Die Hygieneregeln schienen streng. Die Angehörigen hätten das Gebäude nur nach Anmeldung betreten dürfen. „Das haben sie gut geregelt.“ Was Steenblock hingegen nicht versteht: „Warum hat das Gesundheitsamt erst so spät alle Bewohner und Mitarbeiter des Hauses getestet?“

Erste vereinzelte Fälle seien in einem abgegrenzten Bereich des Heimes aufgetreten, sagt Kreissprecherin Sabrina Müller. „Bei Eingang der ersten Meldungen wurden unverzüglich Maßnahmen zur Eindämmung durch den Infektionsschutz eingeleitet. Allerdings waren viele, auch leitende Mitarbeitende erkrankt oder im Freizeitausgleich/Urlaub, sodass einige Zeit benötigt wurde, um einen vollen Überblick über die Situation zu gewinnen.“ Die Infektionszahlen seien innerhalb kurzer Zeit so rasch gestiegen, sodass bei Erkennen des Ausbruchs bereits viele infizierte und ansteckende Personen im Heim waren, so Müller.

Brachte ungeimpfte Mitarbeiterin Corona ins Pflegeheim?

Die entscheidende Frage, die bisher noch unbeantwortet bleibt: Wie konnte das Virus überhaupt in die Einrichtung gelangen? Der Infektionsschutz hält sich bedeckt. Es gebe einen Verdacht, heißt es – diesen teilte die Behörde bislang aber nicht mit der Öffentlichkeit. Das Kieler Gesundheitsministerium geht nach bisherigen Erkenntnissen davon aus, dass eine ungeimpfte Mitarbeiterin trotz einschlägiger Symptome zur Arbeit gegangen ist. Ob die Frau vor Dienstantritt nicht wie vorgeschrieben getestet worden ist, ermittelt derzeit der Infektionsschutz. Zum laufenden Verfahren möchte sich die Behörde „bis auf Weiteres“ nicht äußern. „Sollte es hier zu Verstößen gekommen sein, werden diese selbstverständlich entsprechend geahndet werden“, sagt Sabrina Müller.

Die Staatsanwaltschaft Kiel hat indes ein Todesermittlungsverfahren eingeleitet, um mögliche strafrechtlich relevante Verantwortlichkeiten zu prüfen. Die Todesopfer werden derzeit von der Rechtsmedizin untersucht. „Ein Ermittlungsverfahren gegen eine konkrete Person ist bislang nicht eingeleitet worden“, teilt Oberstaatsanwalt Axel Bieler mit.

Im Zuge des Ausbruchs ist die Impfquote des Haus Hog’n Dor bekannt geworden. 97 Prozent der Bewohner sind vollständig geimpft – aber ein Viertel des Personals hat die Immunisierung gegen das Coronavirus bisher verweigert. Die niedrige Impfquote unter den Mitarbeitern befeuert eine Debatte, die schon länger im Land geführt wird: „Warum beschließt die Politik für Pflegekräfte, die mit einer vulnerablen Gruppe so engen Kontakt haben, keine Impfpflicht?“, fragt sich Jan-Peter Steenblock. Ehefrau Juliane stimmt ihm zu. „Ich verstehe nicht, dass dieser Ausbruch nicht für einen noch viel größeren Aufschrei sorgt.“

Debatte über Imfpflicht für Pflegekräfte

Es gibt kaum eine Berufsgruppe, die näher am Menschen arbeitet. Pflegekräfte helfen Senioren beim Essen, Anziehen oder Waschen. Abstand halten funktioniert in diesem Beruf nicht. Katja Rathje-Hoffmann, Landtagsabgeordnete der CDU, hat das Geschehen im Haus Hog’n Dor sehr beschäftigt. „Ich würde mir wünschen, dass es für Pflegekräfte eine Impfpflicht gibt. Es kann nicht sein, dass Menschen, die mit den vulnerablen Gruppen agieren, ungeimpft sind.“ Rathje-Hoffmann zieht einen Vergleich zur Masern-Impfpflicht, die seit März 2020 Gesetz ist. „Das ist ein gutes Beispiel, dass es funktioniert.“ Diese gilt unter anderem für Kinder, die Kitas besuchen – und für das dortige Personal.

Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) sieht die Impfpflicht für Pflegekräfte als „allerletztes Mittel“. „Bis wir einem solchen Gedanken nähertreten, müssen wir alle Anstrengungen unternehmen, um den Mitarbeitenden in der Pflege Impfangebote zu machen. Und bevor wir zu einer Impfpflicht kämen, müssten andere Maßnahmen ausgeschöpft sein, zum Beispiel das Arbeiten in voller Schutzausrüstung, wenn man nicht geimpft ist“, sagte Garg kürzlich dem Abendblatt. Dennoch: „Die besten Regeln helfen uns nichts, wenn es an Verantwortung und Rücksichtnahme mangelt, also beispielsweise symptomatische Beschäftigte dennoch den Dienst aufnehmen“, so Garg.

Patricia Drube, Präsidentin der Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein, ist gegen eine Impfpflicht, wie sie in Frankreich und Großbritannien in der Pflege besteht. „Wir sprechen uns gegen eine Impfpflicht aus, weil sie ein starker Eingriff ins Persönlichkeitsrecht darstellt“, sagt Drube. „Wir können nur immer wieder versuchen, die Menschen aufzuklären und entsprechende Schutzmaßnahmen zu ergreifen.“ Keine ungeimpfte Pflegekraft dürfte ohne negativen Test am Patienten arbeiten, meint Drube.

Vor dem Haus Hog’n Dor wirft der zweijährige Jan seiner Oma zum Abschied einen Luftkuss mit der Hand zu. Ute Steenblock beobachtet von ihrem Fenster aus, wie ihre Familie mit dem Fahrrad wieder nach Hause fährt. Ohne sie. „Ich weiß nicht, wann ich wieder raus darf“, sagt sie noch. Aber sie beschwert sich nicht. Sie genießt jede Minute, in der sie ihre Liebsten sehen kann.

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