Kreis Segeberg

"Für Kulturschaffende ist das ein Desaster!“

TriBühne-Geschäftsführer Kai Jörg Evers (r) mit Bühnenmeister Lars Kellermann im leeren Großen Saal des Norderstedter Kulturzentrums.

TriBühne-Geschäftsführer Kai Jörg Evers (r) mit Bühnenmeister Lars Kellermann im leeren Großen Saal des Norderstedter Kulturzentrums.

Foto: Meno / Jörg Riefenstahl

Schließungen aufgrund der Corona-Verordnung sorgen in Norderstedt und in der Region für Existenzangst und Verzweiflung.

Kreis Segeberg.  Nur 19 Neuinfektionen im Kreis Segeberg am Donnerstag – im Vergleich mit den Vortagen, als es die höchsten Tageszunahmen seit Beginn der Pandemie gegeben hatte, jeweils über 50 Fälle, da wirken 19 Fälle wie eine Verschnaufpause im dynamischen Infektionsgeschehen. Trotzdem bleibt die Lage ernst: Die Inzidenz, als die Fallzahl pro 1000.000 Einwohner je Woche, liegt jetzt bei 68,5. Der Kreis Segeberg ist Risikogebiet. Außerdem: In 18 der neuen Fälle lassen sich die Infektionsquellen nicht nachvollziehen.

In den Norderstedter Altenheimen Steertpogghof und Haus im Park kamen am Donnerstag keine neuen Fälle hinzu. Im Steertpogghof gibt es 53 positive Fälle, 39 Bewohnerinnen und Bewohner, 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Im Haus im Park gibt es derzeit sechs Covid-19-positive Fälle, vier davon Bewohner. Das Heim wird derzeit aber noch komplett getestet. Unterdessen sorgen die verschärften Corona-Auflagen, die Bund und Länder von Montag an erlassen haben, bei vielen betroffenen Branchen und Betrieben in Norderstedt für Existenzangst und Frust. Ein Überblick.

Kulturbereich besonders hart getroffen

Die die Stimmung in der TriBühne in Norderstedt ist auf dem Tiefpunkt. ,,Es ist ein weiterer Tropfen in den gut gefüllten Misttopf“, sagt TriBühne-Geschäftsführer Kai Jörg Evers. ,,Wir sind angesichts der schwierigen Voraussetzungen, unter denen Veranstaltungen bei uns derzeit stattfinden können, von einem wirtschaftlichen Kulturbetrieb weit entfernt. Wir sind der tiefen Überzeugung, dass Veranstaltungen in unseren Räumen absolut sicher sind. Wir haben Platz für 900 Gäste und fahren mit höchstens 200 Besucherinnen und Besuchern. Vor allem für die Kulturschaffenden wird die Schließung ein Desaster.“

Corona in Hamburg, Deutschland und weltweit – die interaktive Karte

32 Festangestellte und rund 80 Aushilfen arbeiten in der TriBühne. Das vom Bühnenmeister Lars Kellermann ausgearbeitete Hygienekonzept wird konsequent umgesetzt: Jeder Gast trägt Maske und wird vom Personal unter Einhaltung der Abstandsvorschriften an seinen Platz geleitet. ,,Unsere Mitarbeiter überwachen ständig die Einhaltung des Hygienekonzepts“, sagt Evers. ,,Wir können die Schließung nicht nachvollziehen - auch wenn wir Verständnis dafür haben, dass diejenigen, die politische Gesamtverantwortung tragen, jetzt so agieren.“

Positiv sei, dass der Veranstaltungsbranche wirtschaftlich geholfen werden soll. ,,Ob uns das auf kommunaler Ebene helfen wird, wissen wir nicht“, sagt der Geschäftsführer. Ein Teil der Belegschaft ist schon in Kurzarbeit, ab Montag werden fast alle zu Hause sein. ,,Für die ein- oder andere Aushilfe ist es definitiv existenzbedrohend“, sagt Evers. Einige Veranstaltungen werden verschoben, andere fallen komplett aus. Bereits erworbene Tickets behalten ihre Gültigkeit, bei Ausfall gibt es Geld zurück.

Amateurtheater sagen Weihnachtsmärchen ab

Schon seit dem ersten Tag der Corona-Krise, kämpft insbesondere die Kulturbranche um ihre Existenz. Dass nun mindestens für den gesamten November alle Veranstaltungen erneut gestrichen werden, trifft die Kulturschaffenden hart. „Bis zuletzt haben wir daran gearbeitet, unser Weihnachtsmärchen auf die Bühne zu bekommen“, sagt Michael Scharbert, Vorsitzender vom Norderstedter Theater Pur. Mitte Dezember sollte die Premiere von „Cinderella und der grüne Schuh“ im Kulturwerk am See stattfinden. „Doch nun haben wir das Weihnachtsmärchen endgültig beerdigt.“

Selbst wenn die Regierung im Dezember wieder Veranstaltungen erlaubt würde, sei es unmöglich, ein Stück ohne vorherige Proben aufzuführen. „Wir haben lange gekämpft, viel Energie investiert. Aber wir müssen der Realität ins Auge sehen“, sagt Scharbert.

Kein Weihnachtsmarkt in Norderstedt

Nun ist es traurige Gewissheit: In diesem Jahr wird es kein gemütliches Beisammensein bei Glühwein und weihnachtlicher Musik geben. Alle Veranstalter hatten die Weihnachtsmärkte in Norderstedt bereits abgesagt, ehe die Regierung den erneuten Lockdown am Mittwoch verkündet hat. „Die Entscheidung ist uns wahnsinnig schwer gefallen. Besonders weil wir wissen, wie wichtig die Einnahmen für die Aussteller gewesen wären“, sagt Oliver Hauschildt, der den Adventsmarkt im Stadtpark organisiert.

Das Hygienekonzept sei perfekt vorbereitet gewesen. „50 Stände und tolle Rezepte für alkoholfreien Glühwein hätte es gegeben“, so Hauschildt. Doch selbst wenn kleine Veranstaltungen ab Dezember wieder erlaubt sein sollten, würde sich ein Weihnachtsmarkt für wenige Besucher nicht lohnen. Dennoch will Hauschildt es sich nehmen lassen, positiv aufs nächste Jahr zu blicken: „Schon zwei Tage, nachdem wir die Unterlagen für 2021 rausgeschickt hatten, hat die Hälfte der Aussteller ihr Kommen zugesichert.“

Die Weihnachtsmärkte auf dem Rathausmarkt, am Schmuggelstieg, im Feuerwehrmuseum und in Norderstedt-Mitte vor der Postfiliale fallen ebenfalls aus. „Wenn nur ein paar Besucher erlaubt sind, kommt keine Stimmung auf“, sagt Veranstalter Thomas Will. Gerade das Wintervergnügen an der Rathausallee lebt von seiner Enge und Gemütlichkeit. Die vergangenen Jahre sind viele Norderstedter auf kleinem Raum zusammengekommen – etwas, das in Pandemie-Zeiten dringend vermieden werden soll.

Andreas Matuschak hätte in diesem Jahr zum 20. Mal den historischen Weihnachtsmarkt am Schmuggelstieg ausgerichtet. „Das ist mir leider nicht vergönnt“, sagt er und seufzt. „Die Händler weinen um jede Einnahme, die ihnen wegbricht. Das ist eine einzige Katastrophe.“ Der Adventsmarkt wäre unter Pandemie-Bedingungen lediglich ein trauriger Abklatsch geworden, da ist sich der Veranstalter sicher.

Sportler dürfen nicht im Fitnessstudio trainieren

,,Abstand halten, Maske tragen, Desinfizieren, Stoßlüften und begrenzte Teilnehmerzahl bei Kursen – wir tun wirklich alles, damit bei uns alle sicher sein können“, sagt Sinah Große, Inhaberin vom Teuri Fitnessclub in Bad Segeberg. Sechs Angestellte arbeiten auf 450 Euro Basis, neun Freiberufler geben Fitness-Kurse. Sie gehen vermutlich leer aus. ,,Ich verstehe nicht, warum man ausgerechnet Fitness-Clubs schließt. Von dort gingen bisher kaum Infektionen aus“, sagt die Inhaberin.

Mit Videokursen halten Fitness-Clubs ihre treuen Mitglieder bei der Stange – bei Elixia in Langenhorn hat man sich außerdem dazu entschlossen, für den Monat November keinen Mitgliedsbeitrag zu verlangen.

Kinos rechnen mit mindestens 30 Prozent Verlust

Im Spectrum Kino Center hatte man sich gerade erst wieder über etwas mehr Zulauf gefreut, als die Nachricht von der Schließung eintraf. ,,Es ist ein schwerer Schlag“, sagt Christof Gräser, geschäftsführender Gesellschafter vom Betreiber K-Motion. Kinosäle seinen sichere Orte. Weltweit gebe es keinen einzigen nachgewiesenen Fall, dass sich ein Kinobesucher mit Corona infiziert habe.

,,Gerade jetzt machen wir das Geschäft des Jahres, das uns über die Sommermonate trägt“, sagt Gläser. Selbst wenn der Bund die versprochenen 70 Prozent Ausgleich zahle, blieben unterm Strich 30 Prozent Verlust hängen. Seine Mitarbeiter gehen in Kurzarbeit. ,,Wir werden durch diese Krise kommen, aber wir werden Beulen davontragen, die uns noch über Jahre begleiten werden“, sagt Gläser.

Die zehn Mitarbeiter im Kino Cine Planet 5 in Bad Segeberg gehen am Montag in Kurzarbeit. Unter normalen Umständen arbeiten im November bis zu 30 Menschen in dem Lichtspielhaus. ,,Wir haben gerade erst wieder angefangen. Die Menschen trauen sich endlich wieder ins Kino, weil sie merken, dass sie hier sicher sein können. Und jetzt müssen wir schließen. Es ist doof“, sagt Theaterleiter Stephan Häfner, der den Familienbetrieb in der vierten Generation führt. Es werde schwierig, den Besuchern nach der Zwangspause, die im Dezember enden soll, erneut klar zu machen, dass ein Kinobesuch eine sichere Sache ist.

Gastronomie stellt sich auf Außer-Haus-Verkauf ein

Restaurants und Bars sind ebenfalls ab Montag dicht. Im Restaurant Hof Immenhorst in Norderstedt, in dem normalerweise auch größere Gesellschaften feiern, bereitet sich das Team derweil auf einen Außer-Haus-Verkauf vor. Den hatte es dort auch im Frühjahr schon einmal gegeben. ,,Wir hatten gehofft, dass man uns wenigstens das A-la-Carte-Geschäft lässt“, sagt Inhaber Detlef Berg. Wenn es das Umsatzausfallgeld gibt, habe er ,,kein Problem“, betont der Gastronom.

Für Bergs Mitarbeiter sieht es weniger rosig aus. Sie bekommen für November Kurzarbeitergeld, haben aber zusätzliche Verluste, da sie kein Trinkgeld erhalten. Aushilfen sind noch schlechter dran. ,,Die 450-Euro-Kräfte sind komplett raus, sie kriegen nichts erstattet“, sagt Berg, der auch das Restaurant Binnen un Buten in der Ulzburger Straße führt. ,,Das Binnen un Buten machen wir komplett zu. Es wird dort keinen Außer-Haus-Verkauf geben.“

Darauf müssen Gäste des Steakhauses Porter House in Garstedt ebenfalls verzichten, das wie alle anderen am Montag wegen der Kontaktbeschränkungen schließt.