Denksport-Rätsel

Ein Pfarrer, der das blaue Band flattern ließ

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Foto: Artur Cupak / picture alliance / imageBROKER

Im Denksport-Rätsel geht es um einen Theologen und bekannten Lyriker der Biedermeier-Zeit.

Sie verbringen während der Corona-Pandemie viel Zeit in den eigenen vier Wänden, und die Langeweile nagt an Ihnen? Nun, versuchen Sie doch einmal, das folgende Denksport-Rätsel zu lösen. Wir veröffentlichen täglich unsere Rätsel-Kolumne – gesucht wird der Name einer bekannten Persönlichkeit. Los geht’s!


Heinrich Heine lästerte über den dichtenden Pfarrer der schwäbischen Gemeinde Cleversulzbach: „Man sagt mir, er besinge nicht nur Maikäfer, sondern sogar Lerchen und Wachteln, was gewiss sehr löblich ist.“ Der Verspottete war in der Tat kein hitzköpfiger Revolutionspoet und ließ sich mit einer Reaktion viel Zeit. Dann aber zeigte er sich in einem knappen Vierzeiler nicht minder schlagfertig: „Bei euren Taten, euren Siegen/ Wortlos, beschämt, hat mein Gesang geschwiegen./ Und manche, die mich damals schalten,/ hätten auch besser den Mund gehalten.“

Der 1804 in Ludwigsburg geborene Pfarrer hatte sich auf Familienwunsch hin in die Theologenlaufbahn drängen lassen. Leider ließen die Leistungen stark zu wünschen übrig. Im Theologischen Stift beurteilte man seine Probepredigt vernichtend als „mittelmäßig disponiert, unangemessen ausgeführt, unangenehm vorgetragen.“ Das Vikariat empfand er als Knechtschaft. Dichten wollte er, und deshalb unternahm er 1827 einen hoffnungsvollen Ausbruch. Er ließ sich krankheitshalber beurlauben und verpflichtete sich, einer Stuttgarter „Damenzeitung“ monatlich eine bestimmte Anzahl „ästhetischer Aufsätze“ zu liefern. Das ging schief: „Ich sah voraus“, klagte der Lohnschreiber, „ich würde von dem Erzählungen schreiben bald Bauchweh bekommen, ärger als je vom Predigtmachen... Die erste Wurst, die ich vom vorgeschossenen Geld aß, schmeckte mir schon nicht recht, und eh vierzehn Tage vergingen, hatte ich das Grimmen.“

Also bewarb sich der Poet für die vakante Cleversulzbacher Pfarrei. Neun Jahre waltete er im Amt, in dem er keinen Kniff scheute, um sich dichterische Freiräume zu schaffen. Ungeniert baggerte er bei alten Freunden um ökonomische Amtshilfe: „Sei so gut und schicke mir für die Sonntage von Ostern an ein Dutzend Deiner Predigten. Ich werde mich ihrer mit einem ganz anderen Gefühl als jeder fremden bedienen. Was die Handschrift anbelangt, so haben ja die Diebe gute Augen.“

So blieb Zeit genug für zeitlos beliebte Lyrik, in welcher der Frühling ein blaues Band flattern lässt, ein Tännlein grünet und ein Rosenstrauch auf dem Grab wurzelt. Als der Dichter, dem zu Lebzeiten kein finanzieller Erfolg seiner Werke beschieden war, am 4. Juni 1875 starb, schrieb Gottfried Keller: „Wenn der Tod nun seine Werke nicht unter die Leute bringt, so ist ihnen nicht zu helfen, nämlich den Leuten.“


Wie hieß der dichtende Schwabe?

Die Antwort steht am Montag im Abendblatt. Die Lösung der Freitagausgabe: Heinrich VIII.

( jasch )

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