Kreis Segeberg

Keine gesonderten Corona-Zahlen für Norderstedt

Eine Mitarbeiterin eines Labors hat ein Blutentahmeröhrchen mit Blut für einen Corona-Antikörper-Test in der Hand. Die Infektionszahlen im Kreis Segeberg steigen (Symbolbild).

Eine Mitarbeiterin eines Labors hat ein Blutentahmeröhrchen mit Blut für einen Corona-Antikörper-Test in der Hand. Die Infektionszahlen im Kreis Segeberg steigen (Symbolbild).

Foto: Marijan Murat / dpa

Infektionszahlen steigen. Es bleibt auch diesen Herbst und Winter dabei: Das Gesundheitsamt veröffentlicht nur Daten für den ganzen Kreis.

Norderstedt.  Die Zahlen der Neuinfektionen mit Covid-19 steigen im Kreis Segeberg stetig. 22 neue Fälle zwischen Dienstag und Mittwoch, eine der höchsten Tagesmeldungen des Infektionsschutzes des Kreisgesundheitsamtes seit Ausbruch der Pandemie, am Donnerstag kamen 13 Fälle dazu. Darunter ein Reiserückkehrer aus der Türkei, fünf Personen mit unbekannter Infektionsquelle und sieben Personen, die sich bei einem bekannten positiv Getesteten angesteckt haben.

Die Sieben-Tage Inzidenz lag am Donnerstag bei 29,9 Fällen unter 100.000 Einwohnern pro Woche. Die Gesamtzahl aller registrierten Infizierten stieg auf 654, genesen sind davon 549, aktuell erkrankt sind also 98 Personen. In Quarantäne befinden sich aktuell 452 Menschen, im Krankenhaus werden drei Fälle behandelt, einer davon auf der Intensivstation.

Norderstedt, die mit ihren über 80.000 Einwohnern größte Stadt des Kreises Segeberg und fünftgrößte Stadt des Landes Schleswig-Holstein, nimmt die Kreisstatistik täglich zur Kenntnis. Doch wie viele Norderstedter beim Infektionsgeschehen eine Rolle spielen, wie viele von ihnen schwer oder leicht erkrankt sind, wie viele von ihnen jung oder alt sind – das weiß die Öffentlichkeit nicht. Selbst der Oberbürgermeisterin Elke Christina Röder und ihrer Verwaltung im Rathaus liegen keine differenzierten Zahlen zum Infektionsgeschehen in Norderstedt vor.

Schuld ist die Verwaltungsstruktur: Als Große kreisangehörige Stadt ist Norderstedt beim Infektionsschutz auf das Kreisgesundheitsamt angewiesen. Anders etwa als die kreisfreien Städte Kiel, Lübeck, Flensburg und Neumünster, die in ihren Stadtgrenzen die genauen Zahlen kennen.

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie herrscht zwischen der Oberbürgermeisterin Roeder und Landrat Jan Peter Schroeder Dissens was die Veröffentlichung der Zahlen angeht. Nun, da die Pandemie nach der Entspannung im Sommer wieder Fahrt aufnimmt, sorgt die „Zahlenlosigkeit“ in der Stadt erneut für Frust.

Spätestens nachdem das Abendblatt im Juni die Gesundheitsaufseherin Constanze Betker, eine Mitarbeiterin des Infektionsschutzes, mit der Aussage zitierte, es habe im Frühjahr in Norderstedt ein hohes Infektionsgeschehen gegeben, wurde die Sache zum Aufreger in der Kommunalpolitik – besonders weil Betker nachschob, manche Norderstedter seien im Umgang mit der Pandemie gereizter, hysterischer und unkooperativer als die Menschen in ländlichen Kommunen. Unterstützt von der Politik drängte Oberbürgermeisterin Roeder in der Folge erneut in Gesprächen mit dem Landrat auf die Herausgabe von Zahlen zum Infektionsgeschehen in der Stadt. Final forderte sie Schroeder in einem Schreiben dazu auf. Zuvor hatte sie sich bei Marit Hansen, der Landesbeauftragten für Datenschutz in Schleswig-Holstein, erkundigt, ob es eine rechtliche Möglichkeit gibt, die Zahlen zu erhalten. Diese sah zumindest aus datenschutzrechtlicher Sicht keine Probleme bei der Veröffentlichung in einer Stadt von der Größe Norderstedts.

Im Kreistag hatte die AfD wiederholt beantragt, dass der Landrat die Zahlen regional aufgeschlüsselt veröffentlicht, scheiterte dabei aber immer an der ablehnenden Mehrheit im Plenum.

Das Innenministerium hat die Sache juristisch geprüft

Wie das Innenministerium am Donnerstag auf Nachfrage mitteilte, wurde der Sachverhalt mittlerweile abschließend juristisch geprüft. „Die Kreisbehörde und der Landrat sind nicht verpflichtet, die Coronazahlen regional aufgeschlüsselt zu veröffentlichen“, sagt Tim Radtke, Sprecher des Ministeriums.

Landrat Schroeder kann sich also in seiner Taktik bestätigt sehen, keine Daten zu Infizierten unterhalb der Kreisebene herauszugeben. Wie seine Sprecherin Sabrina Müller mitteilt, hätte eine Herausgabe der Daten an Norderstedt dazu geführt, dass alle Kommunen die Daten angefordert hätten. „In kleineren Gemeinden bestünde die Gefahr, dass der Versuch unternommen würde, die einzelnen betroffenen Personen zu identifizieren und in einem nächsten Schritt gegebenenfalls zu diffamieren. Dies gilt es, zu deren Schutz zu vermeiden.“

Außerdem ist der Kreis nach wie vor der Überzeugung, dass die Veröffentlichung geringer Fallzahlen in einer Gemeinde oder Stadt die Gefahr berge, dass sich Einwohnerinnen und Einwohner vermeintlich sicher fühlten und sich daher weniger oder gar nicht mehr an die Hygienevorschriften hielten.

Müller: „Die Ansteckungen in Deutschland – und auch bei uns – nehmen wieder zu. Ein Ende dieses Trends zeichnet sich bisher leider nicht ab. Ein Grund dafür sind unter anderem Menschen, die immer genervter werden und sich zunehmend nicht mehr an die Corona-Regeln halten.“

Norderstedt muss also auch in diesem Herbst und Winter ohne konkrete Zahlen zurecht kommen. Lediglich ein Ausbruchsgeschehen, dass potenziell für andere Bürger eine allgemeine Gefahr darstellt, wird vom Kreis mit Angabe des Ortes veröffentlicht. Die gute Nachricht: Davon hat es nicht viele in den vergangenen Monaten gegeben.