Norderstedt

Psychische Krankheiten: Verrückt sein ist ganz normal

Im Projekt "Verrückt - na und?" lernen Schüler den Umgang mit psychischen Problemen.

Im Projekt "Verrückt - na und?" lernen Schüler den Umgang mit psychischen Problemen.

Foto: Medial Mirage

Der Verein Irrsinnig Menschlich versucht Schülern die Vorurteile gegenüber psychisch belasteten Menschen zu nehmen.

Kreis Segeberg.  Manuela Richter-Werling hat erlebt was es bedeutet, wenn einer verrückt wird und das die ganze Familie aus der Bahn wirft. Ihr Bruder entwickelte schon in der Schulzeit eine seelische Krankheit. Die Folge: Hilf- und Sprachlosigkeit in der Familie, in der Schule, im Umfeld, jahrelanges Leid, zerstörte Lebenschancen.

„Schon immer faszinierten mich Geschichten von Menschen, die trotz schwierigster Umstände ihr Leben gut meistern“, schreibt Richter-Werling online. „Gleichzeitig fragte ich mich, wie es kommt, dass die einen das gut wegstecken, die anderen hingegen daran zerbrechen. Und wieso es möglich ist, dass nicht wenige Menschen sogar gestärkt aus Krisen hervorgehen?“

40.000 Schüler machen mit beim Programm „Verrückt? Na und!“

Heute ist Manuela Richter-Werling Geschäftsführerin des bundesweiten Non-Profit-Vereins Irrsinnig Menschlich. Und mit Präventionsprogrammen wie „Verrückt? Na und!“ erreicht sie jährlich 40.000 Schülerinnen und Schüler, Azubis und ihre Lehrkräfte. Immer mit dem Ziel, dass sich Richter-Werling und der Psychiater und Stigmaforscher Professor Matthias C. Angermeyer bei der Gründung des Vereins im Jahr 2000 vorgenommen hatten: Die Aufklärung über seelische Gesundheit, Krisen und Erkrankungen und das Abbauen der Vorurteile gegenüber Menschen mit seelischen Erkrankungen.

Bundesweit unterstützt der Verein Regionalgruppen für das Programm „Verrückt? Na und!“ – übrigens ein Titel, den sich Schüler ausgesucht haben. In Schleswig-Holstein gibt es neun Gruppen, eine davon im Kreis Segeberg. Angesiedelt beim Fachdienst Sozialpsychiatrie und Gesundheitsförderung des Kreises Segeberg, organisiert die Regionalgruppe seit 2015 Projekttage an Schulen. Elf Schulen nahmen bislang an 62 Schultagen daran teil, etwa 1400 Schülerinnen und Schüler wurden bisher erreicht – das ist ausbaufähig.

Die Regionalgruppe im Kreis Segeberg legt jetzt wieder los

Kathrin Geyer, die neue Projektkoordinatorin vom Fachdienst Sozialpsychiatrie und Gesundheitsförderung in der Kreisverwaltung, möchte die Regionalgruppe jetzt wiederbeleben. „Auch die Corona-Krise hat Einfluss auf das seelische Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen. Es bestehen mehr Unsicherheiten, Ängste und Belastungen, die sich auch im Schulalltag bemerkbar machen“, sagt Geyer.

Generell ist die kranke Seele mittlerweile ein Krankheitsbild der Massen in Deutschland. Etwa zwei bis drei Millionen Heranwachsende in Deutschland haben mindestens ein Elternteil, das psychisch erkrankt ist. 20 Prozent der 13- bis 18-Jährigen haben selbst psychische Gesundheitsprobleme wie Depressionen oder Essstörungen. 90 Prozent der jungen Menschen, die durch Suizid sterben, hatten zuvor eine psychische Erkrankung. Die Mehrheit aller psychischen Erkrankungen beginnen in der Kindheit und Jugendzeit.

Frühe psychische Probleme, insbesondere Depressionen und Angststörungen, sind für die körperliche und soziale Entwicklung von Heranwachsenden schwerwiegende Erkrankungen – nicht selten lebenslang. Viele der betroffenen Kinder und Jugendlichen zeigen ernsthafte Beeinträchtigungen in verschiedenen Lebensbereichen und tragen ein hohes Risiko für gesundheitliche Störungen in ihrer weiteren Entwicklung. „Mir war klar, dass man etwas tun muss, bevor das Kind in den Brunnen fällt, und am besten dort, wo man viele junge Menschen erreicht“, schreibt Manuela Richter-Werling. „Gleichzeitig sind psychische Krisen und Erkrankungen in der Gesellschaft immer noch tabuisiert.“

Die Schüler lernen, wie sie achtsam mit ihrer Seele umgehen – und mit der anderer

Im Projekt „Verrückt? Na und!“ können Schülerinnen und Schüler offen und achtsam über die seelische Gesundheit austauschen. Kathrin Geyer: „Unser Ziel ist es, die psychische Gesundheit von Schülerinnen und Schülern und Lehrkräften zu stärken.“ An den Projekt-Schultagen werden einfache und wirksame Wege aufgezeigt, wie an Schulen die seelische Gesundheit gestärkt und psychische Krisen gemeistert werden können.

Schülerinnen und Schüler erfahren, wie sie Warnsignale seelischer Krisen erkennen. Sie lernen, sich und anderen zu helfen und finden heraus, was ihr seelisches Wohlbefinden stärkt. Ängste und Vorurteile gegenüber Menschen mit seelischen Krisen werden hinterfragt und abgebaut. „Methodisch und inhaltlich ist das Programm so aufbereitet, dass es sich für Jugendliche und junge Erwachsene ab der 9. Klasse in allgemeinbildenden Schulen und Berufsschulen sowie für deren Lehrkräfte am besten eignet“, sagt Geyer.

Schulen können sich bei Kathrin Geyer unter 04551/951 98 65 oder per E-Mail an Kathrin.geyer@segeberg.de melden.